Massaker in Sant’Anna Die Kultur ermöglicht Versöhnung

Von Henning Klüver 

Wo Justiz und Politik jahrzehntelang versagten, half die Kultur Erinnerung wach zu halten, Versöhnung zu ermöglichen. Der erste, der aktiv wurde, war Enio Mancini, der bereits in den achtziger Jahren in Sant’Anna ein Museum eingerichtet hatte. Am Tag des Massakers war er sechs Jahre alt war. Wie durch ein Wunder haben er und Teile seiner Familie überlebt. Das Wunder war ein deutscher Soldat. „Ein junger Mann, 17 oder 18 Jahre alt“, der eine Gruppe von Frauen und Kindern durch ein Waldstück führte, erzählt Mancini. Der Soldat, der mit ihnen allein war, schickte sie plötzlich weg und jagte sie den Berg hinauf. Während sie wegliefen, hörten sie Salven aus einer Maschinenpistole. „Erst dachten wir, der Soldat wollte uns erschießen. Aber dann sahen wir, dass er in die Luft zielte.“ Enio Mancini würde einiges dafür geben, wenn er den jungen Deutschen, der ihm und anderen damals das Leben gerettet hatte, wiederfinden könnte. Diese Erinnerung, so Mancini, habe ihm geholfen, nicht zu hassen, „nicht alle Deutschen als Verbrecher“ zu sehen. Er wurde so zu einem Streiter für Versöhnung.

Enio Mancini, der in diesem Jahr 77 Jahre alt wird, hat unermüdlich Schülern und Touristen, Staatshäuptern und Wissenschaftlern von dem Schrecken des 12. August erzählt. Man meint, den Klang seiner Stimme zu hören, wenn man diese Erinnerungen jetzt in einem Buch nachliest, das gerade in deutscher Übersetzung im Laika-Verlag unter dem Titel „Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema“ erschienen ist. Mancini wurde zusammen mit Enrico Pieri, einem weiteren engagierten Überlebenden, im vergangenen Jahr der Friedenspreis der Stuttgarter Bürgervereinigung AnStifter verliehen. Die von Peter Grohmann gegründete Vereinigung hatte sich in der Vergangenheit auch stark für eine juristische Aufarbeitung des Blutbads in Deutschland eingesetzt. Zum siebzigjährigen Gedenktag ist jetzt eine Delegation der AnStifter in die Toskana gefahren.

Eine Benefizaktion ersetzt die zerstörte Orgel

Zum Jahrestag sind auch die Essener Musiker Horst und Maren Westermann angereist, die mit einer beispiellosen Initiative dem Ort eine Kirchenorgel wiedergeben haben. Denn auch die Kirche war von Deutschen an jenem 12. August verwüstet und die Orgel zerstört worden. Maren Westermann wollte mit dieser „kleinen Friedensinitiative“, wie sie es nennt, „erinnern für die Zukunft“. Sie kam 1997 zum ersten Mal eher durch Zufall nach Sant’Anna und fing an, darüber nachzudenken, wie ihre Musikerfamilie ein Zeichen setzen könnte, damit für Kinder in Zukunft Frieden nicht nur ein großes Wort bleibt. Durch eine Sammelaktion mit Benefizkonzerten und Hilfeaufrufen kamen über 70 000 Euro zusammen. Im Sommer 2007 wurde die neue Orgel eingeweiht. Nach sechzig Jahren Schweigen kehrte Musik in die kleine Kirche zurück. Seitdem finden in Sant’Anna jedes Jahr „Friedenskonzerte“ statt.

Die Konzerte wurden anfangs durch die Hamburger Zeit-Stiftung unterstützt. Deren Vorsitzender Michael Göring ging die Begegnung mit der Gedenkstätte und dem Ort so nahe, dass er die Geschichte in einem Roman unter dem Titel „Vor der Wand“ verarbeitete. Göring beschreibt in einem Nachwort seine Enttäuschung über die fehlende Aufarbeitung des Massakers von Sant’Anna durch die deutsche Justiz. Nach der Entscheidung des Karlsruher Gerichts, jetzt doch Ermittlungen zu ermöglichen, sagt er im Gespräch, kein Urteil könne das „Hinschlachten von Zivilisten“ jemals wieder gut machen. Auch gehe es jetzt nicht darum, einen über neunzigjährigen Greis ins Gefängnis zu stecken, sondern sich gleichsam mit einem Urteilsspruch „im Namen des Deutschen Volkes“ das Unrecht anzuerkennen und sich zu entschuldigen.