Massentierhaltung Hühnertod im Akkord

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In Wietze soll der größte Schlachthof Europas entstehen. Die Bänder laufen schon, aber Mäster fehlen. Der Protest gegen Massentierhaltung wächst.

40 Tage fressen bis zur Schlachtreife: im niedersächsischen Megastall, dessen Hühner bei Emsland Frischgeflügel unters Messer kommen, ist der Platz knapp. Foto: ddp 3 Bilder
40 Tage fressen bis zur Schlachtreife: im niedersächsischen Megastall, dessen Hühner bei Emsland Frischgeflügel unters Messer kommen, ist der Platz knapp. Foto: ddp

Stuttgart - Kaum sichtbar hebt und senkt sich die Brust des Federknäuels. Die Flügel ausgebreitet liegt es bäuchlings im Streu, zu schwach zum Stehen, zu schwach zum Fressen. "Ein Kümmerer, der nicht richtig wächst", sagt Landwirt Malte Eickhoff und bückt sich nach dem Küken. "Das wäre Tierquälerei - würde man das Kleine verhungern lassen." Ein Schlag auf den Kopf an der Futterschiene betäubt den Winzling, ein fester Druck mit dem Daumen und das Genick ist gebrochen. Vier Tage alt wurde das Hühnchen. Im Plastikeimer zucken die Muskeln noch eine Weile.

Von "glücklichen Hühnern" spricht Eickhoff und blickt auf den beweglichen Flauscheteppich, der seinen Gummischuhen Platz macht. 36.000 Küken in einem Stall so groß wie sechs Tennisplätze, das meiste Gedrängel gibt es an den Rändern, wo Gaskanonen die Luft auf 34 Grad erwärmen. Die Küken halten die Heizung für ihre Mutter. Das Gebrumme war das erste, was sie gehört haben.

Im Hightechstall zieht der Computer die Hybridzüchtung Ross 708 auf, in 40 Tagen auf 2,5 Kilo. Alles ist vorprogrammiert, der Rechner regelt die Kraftfuttergabe, fährt die Jalousien hoch, ruft den Bauern per Handy an, wenn die Küken zu wenig trinken. Dann drückt Malte Eickhoff ein paar Knöpfe. Nur der Tod ist der einzig verbliebene Störfaktor in der durchgetakteten Aufzucht. Das Einsammeln der kranken und verendeten Tiere nimmt dem Bauern keiner ab, zweimal am Tag macht er seine Runde mit dem Eimer. "Selektion" nennt er das und sagt, dass seine "Verlusterate" rund zwei Prozent betrage.

Der Hähnchenkrieg hat begonnen

Die vollautomatische Turbomast ist die Zukunft, glaubt Eickhoff, Bauer in fünfter Generation. Er wird eines Tages den Hof von seinem Vater übernehmen. Die Mastschweine, die Rinder, die 3000 Legehennen, den Laden, wo selbst gemachtes Johannisbeergelee und Blutwurst verkauft werden. Ein mittelständischer Familienbetrieb im niedersächsischen Sprötze, eine halbe Stunde südlich von Hamburg. Doch manchmal kommen dem 24-Jährigen Zweifel. Seit er sich für den Megastall entschieden hat, ist nichts mehr wie früher.

Der Hähnchenkrieg hat begonnen. Ein Kampf, wie er erbitterter kaum geführt werden könnte. Es geht um artgerechte Tierhaltung, um Gesundheitsschäden, um den brasilianischen Regenwald, der Sojafeldern für die Futterproduktion weichen muss, und um viel Geld.

Jeder kämpft mit seinen Waffen. Die Tierschützer mit Fotos von Masthähnchen, die Geschwüre oder zerpicktes Gefieder zeigen. Sie berufen sich auf eine Studie von Jörg Hartung, Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der das Leid präzise beschreibt: Mehr als die Hälfte der Hühner hätten entzündete Fußballen, Blutergüsse oder Kratzspuren. Sie verweisen auf das aktuelle Gutachten des Verbraucherministeriums Nordrhein-Westfalen, das eine 96-prozentige Antibiotikabelastung der Hähnchenbestände belegt und den grünen Minister Johannes Remmel schockierte. "Das Ergebnis verursacht bei mir eine dauerhafte Übelkeit", sagte Remmel nach der Vorstellung des Gutachtens und forderte eine zentrale Datenbank zum Arzneimitteleinsatz, wie es sie bei Schweinen und Rindern schon gibt.