Schon rein optisch scheint sich der drahtige Kabarettist in den letzten 20 Jahren kaum verändert zu haben – selbst das leicht wuschelige Haar ist voll und kaum ergraut. Jedenfalls ist Richling topfit und springt hyperaktiv in seinem Bühnenbild umher. In seinem aktuellen Programm besteht dieses aus zwei neonbeleuchteten, drehbaren Pulten, die ihn sowohl als Kunstwerk im Andy-Warhol-Stil zeigen als auch als Elon Musk, den er natürlich auch parodiert. Dazu eine verunfallte Fußgänger-Ampel, die als Sitzgelegenheit dient, ein in allen politischen Farben blinkender Ampel-Baum und eine LED-Wand im Hintergrund mit dem Abbild des Weißen Hauses. Bei seinem 90-minütigen Bühnen-Marathon (mit zwei Zugaben und ohne Pause!), redet und gestikuliert er sich – wie man es von im kennt – derart in Rage, dass die Schweißperlen rinnen und die Adern auf seiner Stirn schwellen. Mathias Richling ist quasi der Extremsportler unter den Kabarettisten.
Inflationär tauchen die Themen Corona und die Bevormundung von oben auf
Auch sein legendäres Sprechtempo ist ungebrochen hoch. Aber er spricht nicht nur schnell – mindestens ebenso schnell wechselt er dabei zwischen verschiedensten Politikern und Politikerinnen und weiteren Personen des öffentlichen Lebens, zum Beispiel Boris Becker, und seinem Alter Ego, einem bruddelnden Durchschnittsschwaben, hin und her. Technisch ist Richling nach wie vor voll auf der Höhe seines Könnens und parodiert meistens so gut, dass er bisweilen besser ist als das Original.
Und trotzdem ist er 2024 nicht mehr der Richling aus seiner Zeit bei Dieter Hildebrands „Scheibenwischer“ oder seinem Kurz-TV-Format „Jetzt schlägt‘s Richling“. Damals, als seine Paraderolle die der mit den Händen „die Raute“ bildenden Kanzlerin Merkel war, erklärten die konservativen Politkräfte den scharfzüngigen Kabarettisten zu ihrem Erzfeind. Für das, was Richling auf der Bühne des Sparkassen-Forums präsentierte, hätten ihm dieselben Leute wohl eher applaudiert. Zwar taucht Angela Merkel mitsamt Rauten-Händen auch im aktuellen Programm auf und Richling verteilt durchaus kleine Seitenhiebe an Friedrich Merz, den er als Stakkato sprechenden Stammler darstellt, Karl Lauterbach, den man gar nicht versteht, Markus Söder, Alice Weidel, Sahra Wagenknecht, Putin und so weiter, aber die überwiegende Zeit arbeitet er sich an der Ampel-Regierung ab. Vor allem Robert Habeck, Annalena Baerbock und Kanzler Olaf Scholz bekommen Dauerschelte. Richling veralbert Gendern, beklagt Klimakleber und parodiert – hier allerdings nicht wirklich geglückt – Greta Thunberg. Inflationär tauchen die Themen Corona und die Bevormundung von oben auf. Vieles davon wirkt verquer und konstruiert, wie der Vergleich „wir schließen drei Kohlekraftwerke, in China machen sie 300 auf. Warum kleben die [Klimaaktivisten] sich dann nicht in Peking auf die Straße?“
Richling kennt sein Publikum
Zwar ist Richling schon immer gerne in Rollen geschlüpft, in denen er als „Advocatus Diaboli“ die Meinung des Konservativismus vertrat, aber diese Figuren waren dann satirisch klar abgegrenzt – das fehlt dem aktuellen Programm. Auch sind die politischen Inhalte überraschend unausgeglichen und bisweilen mehr polemisch als satirisch. Einer der wenigen etwas jüngeren Zuschauer kommentierte dies nach der Show mit den Worten „Heute hat er aber ganz schön ge-nuhrt“, wobei man diesen Vergleich mit TV-Comedian Dieter Nuhr wohl nicht als Kompliment verstehen darf.
Beim überwiegenden Teil des Publikums fanden die Pointen und Parodien allerdings Zustimmung, ernteten viele Lacher und wurden am Ende mit reichlich Applaus belohnt. Es ist schwer zu sagen, ob Mathias Richling vielleicht nicht mehr dasselbe Publikum anspricht wie früher oder ob es mit ihm gealtert ist – aber er kennt seine Zielgruppe offensichtlich genau und weiß, womit er punkten kann. Und seine Darstellung von Winfried Kretschmann ist unbestritten eine Sensation, kam im Programm nur leider auch zu wenig zum Einsatz.
Zur Person Mathias Richling
Ausbildung
In Tübingen und Stuttgart studiert Richling von 1973 an unter anderem Musikwissenschaft, Philosophie und Literaturwissenschaft. Schon in dieser Zeit steht er auch als Kabarettist auf der Bühne.
Karriere
1976 tritt Richling mit seinem ersten Soloprogramm auf. Bundesweit bekannt macht ihn aber die Satiresendung „Jetzt schlägt’s Richling“. Außerdem gehört er zur Stammbesetzung der Sendung „Scheibenwischer“, moderiert deren Nachfolgeshow „Satiregipfel“ bis Ende 2010 sowie bis heute „Die Mathias Richling Show“.