Moment mal! „Junge Choreografen“? Die hatten doch schon ihre Bühne? Doch was das Stuttgarter Ballett kann, gelingt auch der John Cranko Schule: den tänzerischen Nachwuchs zu Eigenkreationen zu ermutigen. Bei der diesjährigen Matinee der Stuttgarter Talentschmiede waren am Sonntag nicht nur bestens einstudierte Kostproben aus „Nussknacker“, „Schwanensee“ und „Paquita“ zu bestaunen, sondern neben zwei jüngeren Werken ehemaliger Absolventen auch drei hausgemachte Weltpremieren. Nachdem das tänzerische Niveau ohnehin jedes Jahr einen höheren Zenit erreicht, glückt Schuldirektor Tadeusz Matacz samt Team damit ein Coup der besonderen Art.
Alice McArthurs Arme scheinen zu atmen
Wie herausragend man als kleine Person wirken kann, bewies die 19-jährige Alice McArthur. In der „Nussknacker“-Suite zeichnete die zierliche Neuseeländerin exquisite Port de bras in den Raum. Ob bei federleichten Sprüngen, bei Drehungen oder im Pas de deux: Ihre Arme schienen zu atmen. Auch als Venus in Emanuele Babicis „Nascita di Venere“ füllte McArthur jeden Schritt mit lebendiger Frische. Ihr eigenes, klassisch grundiertes Stück „Present in Absence“ zur Musik von Fanny Mendelssohn für zwei Paare gibt Rätsel auf. Treffen hier Tradition und Moderne aufeinander oder Menschen und ihre Schatten? So oder so: Das Publikum darf sich freuen. Ab September gehört die als Tänzerin wie als Choreografin prämierte Alice McArthur zum Stuttgarter Ballett.
Auch Abigail Willson-Heisel aus den USA, die als schwarzer Schwan mit scharfkantiger Technik auftrumpft und ihr falsches Spiel detailreich inszeniert, und die amerikanisch-kanadische Farrah Hirsch, die sich in Alessandro Giaquintos „Drifting Bones“ aufzulösen scheint, um wieder zur Form zu finden, gehören zu den „Happy Six“ mit Stuttgarter Eleven-Vertrag.
Stimmiges Ganzes
An der Seite der hochmusikalischen Clara Thiele und dem ebenfalls in Stuttgart engagierten Leon Meletsky begab sich Farrah Hirsch in „Desolation“. So nennt der 17-jährige Justin Padilla aus Klasse 6 sein Oberkörper-betontes Stück zur Einsam- und Zweisamkeit. Dass das Ineinanderfügen von Bewegungsmaterial ein gemeinschaftlicher Prozess ist, betont ein Choreografenkollektiv der Akademie-Unterstufe mit „Fantasie Impromptu“. Carlos Strasser tritt hierbei zudem als Pianist, Komponist und Tänzer auf. Spannend zu sehen, wie sich die sechs Protagonisten immer wieder neu finden. Aus dieser Vielfalt erwächst tatsächlich ein stimmiges Ganzes.
Technische Bravour
Das bestens aufeinander bezogene Miteinander in den Gruppen kann manchem Corps de ballet Vorbild sein, ob beim lässig-melancholischen „Drifting Bones“ oder im oft synchronen „Etüden“-Finale. Solchen Tänzerinnen und Tänzern steht die Zukunft offen. Und dass die hiesige Männerriege mit dem energiegeladenen Briten Leon Metelsky, dem schalkhaften Maceo Gerard aus Frankreich und dem noblen US-Amerikaner Mitchell Millhollin ab Herbst um drei eigenwillige Typen erweitert wird, stimmt freudig. Gemeinsam ist ihnen neben technischer Bravour die Lust an der Ausgestaltung ihrer Rollen.
Vorstellungen: Am Sonntag, 23. Juli, ist die Matinee um 11 Uhr erneut zu sehen – im Opernhaus oder gratis bei Ballett im Park. Am Samstag, 22. Juli, bringt das Stuttgarter Ballett ab 19 Uhr John Crankos „Onegin“ auf die Opernbühne und in Live-Übertragung auf die Filmleinwand im Oberen Schlossgarten.