Max Herre in der Staatsoper Max Herre singt mal nicht
Max Herre, Roberto di Gioia und das Staatsorchester unter Magnus Lindgren gehen in der Stuttgarter Staatsoper Oper gemeinsam neue Wege.
Max Herre, Roberto di Gioia und das Staatsorchester unter Magnus Lindgren gehen in der Stuttgarter Staatsoper Oper gemeinsam neue Wege.
Stuttgart - Eher vertraut hört der Abend in der Stuttgarter Staatsoper auf, mit ein paar fallenden Klängen des Orchesters und dieser warmen, flüsternden, immer leicht umarmenden Max-Herre-Stimme: „A-N-N-A (Immer wenn es regnet)“, ein Klassiker, wie Tropfen fallen die Töne aus dem Fender-Rhodes-Piano von Roberto di Gioia.
Aber es ist dann eben doch kein routinierter Remake eines allbekannten Stücks, sondern ein Lied, das nun wieder eine kleine Metamorphose hinter sich hat. Es ist der Schlusspunkt einer teils sehr gewagten musikalischen Reise in ganz andere Richtungen, die Max Herre hier unternimmt. Umjubelt natürlich. Natürlich?
Mit Cross-over tut sich die klassische, sinfonisch geprägte Musik schwer. Ein mit Jazz- oder Rockmusik korrespondierendes Orchester wirkt oft recht unbeweglich-schwerfällig. Im großen Kollektiv lässt sich kaum improvisieren. Andererseits will die Stuttgarter Staatsoper auf vielen Ebenen Öffnungen riskieren – und einer wie Roberto di Gioia, Herres Pianist und Produzent, kommt, so gesehen, gerade recht. Wie vorbildlich man als einzelner Musiker auf allerhöchstem Niveau im Flow und ständig neugierig bleiben kann, beweist der Mailänder nicht nur als Komponist immer wieder. Kein Genre ist ihm fremd.
Für das soeben erschienene Album „Web Max“, das der Stuttgarter Max Herre, vormals „Artist in Residence“ am Staatstheater, jetzt in Teilen in der Oper vorstellt, geht Roberto di Gioia einerseits auf Motivsuche bei den spiritualisierten Musikern der sechziger und siebziger Jahre. Manche Harmonieverbindungen erinnern an den späten John Coltrane und den mittleren Sun Ra. Parts der Harfenistin Brandee Younger und des äthiopischen Vibraphonisten Mulatu Astatke bei der ursprünglichen Produktion übernehmen Mitglieder des Staatsorchesters, das auf der Bühne hinter der Band platziert ist.
Und Max Herre? Von Max Herre (fast) kein Wort – wohl aber Sirenengesang. Vom Keyboard aus nämlich arbeitet er an der nochmaligen Verdichtung dieser manchmal nur aus wenigen Harmonien bestehenden, kraftvoll rhythmisierbaren Musik.
Herre rappt nicht, er reduziert, und besteht schon deswegen neben den Virtuosen Tony Lakatos (mit Dexter-Gordon-Hut an Saxofonen und Flöte), Christian von Kaphengst (Bass) und Peter Gall (Schlagzeug), weil er mit ihnen die gemeinsame Idee wirklich teilt: Zu hören ist Jazz, der nach allen Seiten offen wirkt, wozu wiederum nicht wenig die Orchesterarrangements von Magnus Lindgren beitragen, der selber obendrein noch Flöte spielt. Mehr als Grundierungen, Überleitungen und Einleitungen kann das Staatsorchester nicht übernehmen, aber es führt dann tatsächlich mitunter etwas wie ein Gespräch mit der Band über Grüße aus dem Hintergrund hinaus. Gleichwohl hätte so manches Stück eine ausführliche Ansage beziehungsweise Einführung brauchen können. Ob allen Zuhörern in der ausverkauften Staatsoper bewusst war, warum hier wem gehuldigt wurde – und warum Herre eher dienende, meist nichtvokale Aufgaben zukamen? Offene Frage.
Manche Raffinessen und Radikalismen des Albums hatten es live und auch in dieser besonderen Konstellation mit Orchester immer noch in sich. Schon auch einmal gewollt ruppig, aber mit souveräner Gelassenheit, verwandelt di Gioia alle entstehenden Komfortzonen im Zusammenspiel schnell wieder in Bezirke, in denen tatsächlich oft der Geist einer durch Black Power inspirierten Musik regierte. Einmalig das Ganze, leider ohne Wiederholung. Aber es gibt ja eine Platte (Compost 10651804).