Max Simonischek in „Der Bau“ in Stuttgart Gedankenspiele eines kranken Tiers
Max Simonischek gastiert mit seiner starken, deutungsoffen inszenierten Version von Kafkas Paranoia-Erzählung „Der Bau“ im Stuttgarter Kammertheater.
Max Simonischek gastiert mit seiner starken, deutungsoffen inszenierten Version von Kafkas Paranoia-Erzählung „Der Bau“ im Stuttgarter Kammertheater.
Rückzug ist die beste Verteidigung, so denkt das Tier in Franz Kafkas unvollendet gebliebener Erzählung „Der Bau“. Das Tier, möglicherweise ein Dachs, ausgestattet mit der menschlichen Gabe des Grübelns, gräbt sich immer tiefer in ein labyrinthisches Gangsystem unter der Erde. Dort nährt es sich vom Fleisch kleinerer Wesen; auf den zentralen Burghof im Innern seines Baus ist das Tier besonders stolz. Wäre da nur nicht dieses Zischen, das ihm scheinbar bedrohlich näher kommt. Sowohl geschützt als auch gefangen in seiner Festung, malt das Tier sich die Begegnung mit möglichen Feinden aus.
Seit 2015 spielt Max Simonischek dieses seltsame, menschenähnliche Wesen aus Franz Kafkas berühmter Erzählung, nun gastiert er mit seinem selbst inszenierten, knapp einstündigen Monolog im Kammertheater des Staatsschauspiels. Der Text, sowohl konkret als auch rätselhaft, beschreibt keine Handlung, sondern folgt den immer paranoideren Gedankenwindungen des sich selbst einschließenden Individuums.
Kafka-Exegeten lesen den Text teilweise biografisch als Testament eines Autors, der sich im Inneren des eigenen Werkes verschanzt, in vorauseilender Furcht vor Publikum und Kritikern, die den klug konstruierten Bau zerfetzen könnten. Das gefährliche Zischen wurde schon mit Kafkas tödlicher Lungentuberkulose in Verbindung gebracht.
Als Regisseur des Stücks liefert Max Simonischek selbst keine konkrete Deutung, und das ist gut so. Auf einer eng begrenzten, mit lockerer Erde ausgelegten Spielfläche windet sich Simonischeks Tier in einem halb zerfetzten Nadelstreifenanzug. Über ihm baumelt eine einzelne Glühbirne, hinter ihm deutet eine Sichtbetonwand die Grenzen des Baus an.
Das Gesicht des Wesens ist schmutzig, ein Nasenloch blutig verkrustet, dass Haar klebt in fettigen Strähnen an der Stirn. Zeige- und Mittelfinger sowie Ring- und kleiner Finger sind jeweils mit Bandagen zusammengebunden, so wird aus Simonischeks menschlicher Hand eine tierische, dreigliedrige Pfote. Die Achillessehne eines Beins scheint verkürzt, weshalb das Tier nur humpeln kann.
Die versehrte, schmutzige Körperlichkeit wirkt rührend, auch wenn der Bewusstseinsstrom des Wesens fiebrig und manchmal beängstigend irre klingt. Das Tier aber hat viel gemeinsam mit den heutigen Menschen, die sich in der Zeit der großen Krise immer tiefer in monomanische Gedankengebäude verbuddeln.
Trotz seiner alles bestimmenden Angst kann das Tier sich aber auch freuen; an seiner Kunstfertigkeit, an der Sicherheit seines Baus, an den Waldmäusen, die ihm Schutz bieten. „Schön ist, es für das nahende Alter einen solchen Bau zu haben“, freut es sich einmal drollig, nur um sich kurz darauf in Rage zu brabbeln. In paranoider Ekstase wühlt das Tier in der Erde, bis es sich an der Fontäne aus Dreck verschluckt. Ein Moment des Schrecks, ob der schwer hustende, spuckende Darsteller das Granulat wirklich eingeatmet hat oder nur so tut als ob. So oder so; Max Simonischek zeigt, wie nah uns Kafkas armes, krankes Tier in seinem Bau heute wieder ist. Und das ist großartig.
Der Bau: Kammertheater Stuttgart, wieder am 6. April, 20 Uhr