Die Botschaft war kurz und unmissverständlich: „Er möge bitte unbedingt zu Hause bleiben.“ Eine saudische Agentur hat das geschrieben, an die Organisatoren einer Reise der Zeitung „taz“ nach Saudi-Arabien. Auch der Tübinger Max Steinacher hatte sich dazu angemeldet – und vorsichtshalber vorfühlen lassen, ob er denn problemlos einreisen könne. Die Antwort der Saudis hat ihn und die Organisatoren nicht wirklich überrascht.
Max Steinacher ist sein ganzes Leben nicht zu Hause geblieben, sondern auf die Straße gegangen. Wie kürzlich wieder. Ein kalter Januarwind bläst durch die enge Tübinger Kirchgasse, die Läden sind zu, die wenigen Passanten, dick eingemummelt, hasten schnell hindurch.
Zwei jüngere Männer immerhin bleiben kurz stehen, schauen – und gehen achselzuckend weiter. „Bringt doch eh nichts“, sagt der eine und lässt den Plakatständer hinter sich, der auf dem Pflaster aufgestellt ist. Der Kopf eines ernst blickenden jungen Mannes ist da zu sehen, daneben die Worte: Badawi Mahnwache. Ein grüner Zettel ist darüber geheftet: Es ist die 469.
1000 Peitschenhiebe
Raif Badawi war ein saudi-arabischer Blogger, der gegen die theokratische Verkrustung seines Landes angeschrieben hat. Zum Beispiel dieses: „Die Hauptmission einer jeden Theokratie ist es, die Vernunft zu töten, den gesunden Menschenverstand rigoros zu bekämpfen und die Massen in die absolute Verdummung zu treiben.“ Oder das: „Erinnere dich doch einmal an das Mittelalter zurück, in welchem Zustand sich die europäischen Länder befanden. Der Klerus mischte sich in jede Kleinigkeit des Lebens ein. Schau doch, wo Europa heute steht, nachdem die europäischen Völker es endlich geschafft haben, die Pfaffen aus dem öffentlichen Leben herauszudrängen und in ihre Kirchen zu verbannen. Heute stehen die europäischen Länder für Zivilisation und Humanismus.“
Das Regime rächte sich mit einer Terror-Strafe: 1000 Peitschenhiebe. De facto ein Todesurteil. Schon die ersten 50 überlebte Raif Badawi nur knapp. Da schrieb Max Steinacher einen Leserbrief an das örtliche „Schwäbische Tagblatt“: Er schlage eine Mahnwache vor, am nächsten Tag zur nächsten Auspeitschzeit. Das war Freitag, der 23. Januar 2015. Für den damals 67-jährigen pensionierten Oberstudienrat war klar: „Das kann man nicht durchgehen lassen.“
Es war also wieder an der Zeit, auf die Straße zu gehen. Was von seiner Herkunft her nicht so nahelag. Aufgewachsen ist Max Steinacher in Ellwangen. Eine katholische, konservative Ecke. Der Vater war CDU-Stadtrat, der junge Max Ministrant und in der Jungen Union. In der Schule wurde noch geprügelt, Lehrer erzählten vom Russlandfeldzug, Latein war die erste Fremdsprache. Und nach dem Abitur ging man fast geschlossen zur Bundeswehr, gerne auch mal, wie Max Steinacher, als Zeitsoldat etwas länger.
Aber ein Frankreichaustausch hatte Max Steinacher bereits eine andere Mentalität kennenlernen lassen. Seine sozialistische Gastfamilie war tolerant, entspannt. Da blieb was hängen. In der Bundeswehr war er Zugführer, aber seine Vorgesetzten fanden ihn zu lasch: „Steinacher, achten Sie mehr darauf, dass Ihre Männer die Knöpfe ordentlich haben!“ Sie stemmten sich auch gegen den Wandel außerhalb der Kasernen, gegen die 68er-Generation.
Max Steinacher spürte dies: „Wer Änderungen einforderte, wurde mir sympathisch, ohne dass ich ihn kannte.“ Das ergab sich, als er aus dieser strengen hierarchischen Welt im Jahr 1969 an die Tübinger Uni kam, wo die Studenten die Hierarchien auf den Kopf stellten.
Zum Start erlebte der junge Mann aus der Provinz, der früher Dinge wie Jugendhäuser nur vom Hörensagen kannte, gleich mal einen Studenten-Streik. Es flogen auch Tomaten Richtung Dozenten. Und vom Besuch in einem besetzten Haus ist ihm noch in Erinnerung, wie dort Kleinkinder skandierten: „Bullenpack, Bullenpack!“
Der empörte Offizier
Das ist, bis heute, nicht der Stil des sehr höflichen und ruhigen Max Steinacher. Aber Eindruck gemacht hat es schon: „Diesen Wunsch nach Aufbruch, nach Widerstand fand ich spannend, aufregend, bereichernd.“ So kam es, dass sein ehemaliger Bundeswehrkommandeur ihm schrieb: „Das ist nicht der Max Steinacher, den ich kenne.“ Da sei von „faschistischen Generälen“ die Rede gewesen, empörte sich der Offizier über einen Steinacher-Vortrag.
Damit waren die Putschisten gemeint, die 1973 in Chile die Regierung des Salvador Allende gestürzt hatten. Dessen sozialistische Präsidentschaft hatte der Romanistik-Student Steinacher während eines Stipendien-Aufenthaltes erlebt.
Es war die prägendste Zeit seines Lebens. Das behütete Mittelschicht-Kind, das sorglos studieren konnte, lernte die raue Welt der Armut kennen, forschte über Mitbestimmung in den verstaatlichten Betrieben und erlebte soziale Auseinandersetzungen von ganz anderer Dimension. Das sollte lebenslang haften bleiben: „Chile war der Motor meiner Politisierung“, sagt er.
Zurück in Tübingen wurde Steinacher gleich aktiv. Im Chile-Komitee engagierte er sich gegen den Pinochet-Putsch. Er stand mit dem Megafon vor der Mensa und forderte zu Solidaritäts-Blutspenden auf (mit dem Erlös wurde der chilenische Widerstand unterstützt) oder half chilenischen Flüchtlingen in Tübingen.
Später war er im Widerstand gegen die Atomkraft. Als sich während der spektakulären Impressionisten-Schauen vor der Tübinger Kunsthalle die Massen drängten, stand auch Max Steinacher mit Plakaten dort: „Monet konnte malen, Tschernobyl kann strahlen“. Oder: „Lieber Toulouse-Lautrec als atomarer Dreck“.
Die Mahnwachen schliefen nicht ein
Wenig verwunderlich, dass es ihn wegen Raif Badawi wieder auf die Straße trieb: „Da spüre ich eine innere Verpflichtung“, sagt er. „Sich über Dinge aufzuregen und dann nichts zu machen ist für mich ein Unding.“ Genauso wenig verwunderlich war, dass sich zur ersten Mahnwache 40 Menschen um ihn scharten. Steinacher war immer in Bewegungen vernetzt, und so standen auch Menschen dabei, die er schon aus seiner Chile-Zeit oder dem Anti-Atom-Kampf kennt.
Die Mahnwachen werden bald einschlafen, war seine Einschätzung: „In Tübingen gab es schon oft über irgendwelche Dinge Empörung, die dann schnell wieder verebbt ist.“ Aber tatsächlich fanden sich beständig, mochte das Wetter noch so mies sein oder Corona wüten, Menschen zu der bald auf Samstag gelegten Stunde, in der ein Banner Badawis Freilassung forderte und Unterschriften gesammelt wurden.
„Das ist auch ein bisschen schwäbischer Trotz“, gab Steinacher einmal zu. „Wenn ich jetzt nachgeben würde, käme ich mir vor wie ein Verräter. Und die, die im Unrecht sind, würden sich bestätigt fühlen.“ Wenn nun jemand sagte, das Herumstehen im fernen Tübingen werde die Saudis wohl kaum interessieren, dann fragte Steinacher zurück: „Was würden Sie als Alternative empfehlen?“ In einem ist er sich sicher: „Nichts zu machen bringt noch weniger.“
Zumal die Gruppe auf Badawis Frau verweisen konnte. Ensar Haidar kam aus dem kanadischen Exil einmal nach Tübingen und berichtete, wie wichtig die emotionale Unterstützung sei. Und der weltweite Protest, an dem die Tübinger sich unter anderem in Berlin, Brüssel und Straßburg anschlossen, hatte vielleicht doch gewirkt: Raif Badawi wurde nicht weiter ausgepeitscht. Nach zehn Jahren Haft wurde er aus dem Gefängnis entlassen, darf aber das Land weitere zehn Jahre nicht verlassen.
Weitermachen, hat die Gruppe entschieden
Für die Gruppe begann eine längere Diskussion. War nicht das Ziel der Mahnwache erreicht? Aber wirklich frei ist Raif Badawi ja immer noch nicht, auch sitzt sein Anwalt weiter im Gefängnis. Weitermachen, hat daher die Gruppe entschieden: „Es ist ja nicht falsch, was wir machen.“ Sie hat ein weiteres theokratisches Regime in den Blick genommen und solidarisiert sich zudem mit der inhaftierten iranischen Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi.
Max Steinacher bewundert ihren Mut: „Was wir machen, ist doch risikolos. Es müsste eigentlich noch mehr passieren. Die im Iran Kopf und Kragen riskieren, die sind für mich die Helden dieser Zeit.“ Dagegen verblassen dann die eigenen Anfechtungen. „Von außen betrachtet stehen wir herum wie die Zeugen Jehovas.“
Oder wie eine Letzte Generation der 68er-Art. Die aus der Kerngruppe sind meist über 70 Jahre alt, manche haben schon die 80 erreicht. „Wir könnten unseren Zenit überschritten haben“, merkt Max Steinacher, auch schon 76. „Ich denke manchmal schon: Wenn man das in jüngere Hände geben könnte. Aber die sehe ich nicht.“
So holen er und seine Gruppe weiterhin Samstag für Samstag das Transparent aus einem Abstellraum, stellen den Plakatständer auf, legen Infoblätter und Unterschriftenliste aus, halten Passanten das Foto der Narges Mohammadi und den Slogan des iranischen Widerstands entgegen, weisen orientierungslosen Touristen den Weg, wechseln ein paar Worte mit den Polizisten, die zur Kontrolle der Auflagen und zum Schutz vorbeifahren. Nur die Reise nach Saudi-Arabien, sagt Steinacher, die lasse er mal lieber . . .