Medien Das Radio der Zukunft

Von Markus Reiter 

Beim Deutschen Radiopreis, der am Donnerstag in Hamburg verliehen wird, diskutiert die Branche auch über Innovationen und Perspektiven für die Zukunft. Multimediale Angebote im Internet sollen vor allem jüngere Hörer anlocken.

Beim Deutschen Radiopreis diskutiert die  Branche auch  über Innovationen und Perspektiven für die Zukunft. Foto: dpa
Beim Deutschen Radiopreis diskutiert die Branche auch über Innovationen und Perspektiven für die Zukunft. Foto: dpa

Stuttgart - Morgens zum Aufstehen, beim Frühstück, auf der Fahrt zur Arbeit, im Büro nebenher, abends beim Abwaschen und Bügeln – Radio hören ist im Alltag selbstverständlich. Laut Umfragen schalten vier von fünf Deutschen täglich ihre Radiogeräte ein und hören unter der Woche rund vier Stunden am Tag, wenn man der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse glauben darf. Sie erhebt viermal im Jahr die Nutzungsintensität und Reichweiten von Medien. Anders als Fernsehanbieter können Radiomacher ihre hochgerechneten Einschaltquoten nämlich nicht Minute für Minute verfolgen, sondern müssen sich auf Umfragen verlassen. Dabei kommt es leicht zu Verzerrungen. Wer wann was hört im Radio lässt sich nur unzureichend ermitteln.

Richtig scheint zumindest zu sein: Am meisten wird Radio am Morgen zwischen sechs und acht Uhr gehört. Die meisten Deutschen lauschen dabei ihrem Stammsender. Gemäß der Umfrage schalten sie am Tag in der Regel selten mehr als zwei Programme ein. Radio gilt als Nebenbei-Medium. Das heißt, die Leute beschäftigten sich hauptsächlich mit anderen Dingen. 44 Prozent fahren dabei Auto, fast ein Drittel duscht oder zieht sich an, jeder fünfte erledigt den Haushalt. Anders als Zeitungsleser, die in der Regel ihrer Lektüre ihre volle Aufmerksamkeit widmen, werden selbst Kulturradios mit ihren teils anspruchsvollen Features und klassischen Musikprogrammen nebenher konsumiert.

Radio bleibt in nächsten Jahren ein dominierendes Medium

„Radio ist noch immer ein dominierendes Medium und wird es in den nächsten zehn, zwanzig Jahren bleiben, sofern der terrestrische Empfang möglich bleibt“, sagt Professor Wolfgang Hagen, der an der Universität Lüneburg Medienwissenschaft lehrt. Rund 350 Radioprogramme gibt es in Deutschland. Den Markt teilen sich die Privatsender und die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die mit 65 Programmen einen Anteil von knapp einem Fünftel halten. Zu den Privaten zählen viele Lokalradios, die ihr Mantelprogramm von einem zentralen Anbieter beziehen und nur stundenweise eigene Inhalte einstreuen. Daher kommt es, dass Radio NRW – das Dachprogramm der nordrhein-westfälischen Lokalradios – das meistgehörte Radioprogramm Deutschlands ist. Auf Platz zwei liegt Antenne Bayern, gefolgt von SWR3.

Die meisten Hörer in Deutschland nutzen eines der 400 Millionen konventionellen Radiogeräte, die sich in deutschen Haushalten befinden, und empfangen die Programme auf Ultrakurzwelle (UKW). Während sich digitales Fernsehen langsam durchsetzt, kommt das digitale Radio nur sehr langsam voran. „Private Anbieter, bundesweite Sender und Landesrundfunkanstalten streiten sich wie die Kesselflicker um das digitale Radio“, sagt Medienwissenschaftler Hagen.

Die Umstellung auf digitales Radio ist teuer

Der digitale Standard DAB+ ermöglicht zwar eine bessere Klangqualität, erfordert aber neue Empfangsgeräte. Die günstigsten kosten um die 60 Euro. Die Privatradio-Anbieter zögern, die Ausstrahlung umzustellen. Die Umstellung ist teuer und es drohen Reichweitenverluste. In vielen DAB+-Netzen finden sich deshalb nur private Nischenprogramme. In Baden-Württemberg sind das unter anderem „Klassik Radio“, „Radio Schlager-Paradies“ und „Radio Horeb“.

Einige Intendanten öffentlich-rechtlicher Anstalten wollen den Umstieg forcieren. So plädiert Willi Steul, der Intendant des Deutschlandradios, für ein festes Abschaltdatum der UKW-Ausstrahlung. Politisch dürfte das schwer durchzusetzen sein, wie sein bayerischer Kollege Ulrich Wilhelm kürzlich erfahren musste. Er wollte das Spartenprogramm „BR Klassik“ statt über UKW nur noch über DAB+ ausstrahlen. Nach heftigen Protesten musste er seinen Plan auf 2018 verschieben.

Das Jugendradio der Zukunft läuft im Internet

Der Fall zeigt, wie schwer sich die Verantwortlichen mit der digitalen Zukunft tun. Wilhelm hatte nämlich vor, das anspruchsvolle Jugendprogramm des BR, „Puls“, auf der UKW-Frequenz von „BR Klassik“ auszustrahlen. Es läuft bislang ausschließlich auf DAB+. Begründung des Intendanten: Nur so könne die Welle bei jugendlichen Hörern bekannter und populärer werden.

Medienforscher Hagen sieht solche Aktionen skeptisch: „Für das digitale Radio ist der Zug in Deutschland abgefahren. Es wird sich im Markt nicht durchsetzen lassen.“ Zumal dieser Übertragungsweg mit weiteren neuen Möglichkeiten konkurriert. So verkündet Mario Colantonio, Musikberater des privaten Jugendsenders „Radio Galaxy“, in einem Dossier zur Entwicklung des Hörfunks der Bundeszentrale für politische Bildung: „Das Jugendradio der Zukunft ist eine Marke im Internet, das mit einem Personality-Team unter anderem Live-Streams, Videos, Beiträge, Chat-Foren und – quasi nebenbei zusätzlich – einen terrestrischen Programm-Stream anbietet, den man unterwegs oder zu Hause unabhängig von Internet und PC nutzen kann.“

Das Radio ist künftig nur ein Ausspielungsweg von vielen

Genau das ist das Markenzeichen des jungen Magazins „U21-Vernetzt“ des Bayerischen Rundfunks (BR Klassik), das auch für den Deutschen Radiopreis 2014 nominiert ist – in der Kategorie „Beste Innovation“. Die Sendung verbindet die Medien und läuft im Radio, parallel im Video-Stream und auch im Fernsehen. „U21“ macht sichtbar, was die Moderatoren Annekatrin Schnur und Markus Valley im Radio beschreiben. Musiker aus Klassik, Pop und Jazz spielen live im Studio und reden über ihre Projekte.

Das klassische Radio, dann empfangen über das Internet auf Tablet oder Smartphone, wäre somit nur noch ein Ausspielungsweg von vielen eines Multimedia-Angebots. Es stünde zudem in Konkurrenz zu Musikstreaming-Diensten wie Spotify, deren Nutzer sich die Musiktitel gegen eine Abo-Gebühr selbst zusammenstellen können – ohne Werbung. Was die Radiosender vor das gleiche Problem stellt, mit dem die Tageszeitungen bereits heute kämpfen: Wie kann man mit der eigenen Dienstleistung noch Geld verdienen? Da auch die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten in den nächsten Jahren zunehmend unter Rechtfertigungsdruck geraten, wird Radiohören in absehbarer Zukunft möglicherweise nicht mehr ganz so selbstverständlich sein.