Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen in Stuttgart Zocken mangels Alternativen in der Coronapandemie

Computerspielen ist ein Hobby, dem Kinder und Jugendliche auch in der Pandemie nachgehen können. Foto: Lino Mirgeler/dpa

In vielen Familien ist die gestiegene Mediennutzung in der Pandemie zum Streitthema geworden. Was Experten raten – und wann es problematisch wird.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Da ist der 15-Jährige, der nachts heimlich Computer spielt und den Onlineunterricht verschläft. Da ist die 13-Jährige, die von ihren Eltern dabei ertappt wird, wie sie in der Wohnung das (nach Elternmeinung aus gutem Grund konfiszierte) Smartphone sucht. Kinder und Jugendliche nutzen während des Corona-Lockdowns digitale Spiele und soziale Medien deutlich häufiger als vor der Pandemie. Das hat zum Beispiel eine Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK ergeben, die die Folge der Schulschließung im Frühjahr 2020 untersucht hatte.

 

Natürlich gibt es Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, wenn diese sowohl die Schul-, als auch die Freizeit vor allem vor dem Rechner oder Smartphone verbringen. Die Mediennutzung ist in vielen Familien aktuell ein (Streit)-thema. Wobei ein Konflikt im Elternhaus nicht gleich bedeute, dass ein Suchtproblem vorliege, betont Jonas Mahlert von der Beratungs- und Präventionsstelle „Jungen im Blick“ des Gesundheitsladens. „Eltern sind da sehr schnell dabei“, hat der Sozialpädagoge festgestellt.

Die Beratungsanfragen zum Thema Medienkonsum und Computerspielen seien bei ihnen gestiegen, berichtet Mahlert. Oft meldeten sich die Eltern, teils komme erst im Beratungsgespräch mit den Jugendlichen heraus, dass es entsprechende Konflikte gibt. „Ein Junge hat mir erzählt, dass er seine Kamera beim Online-Unterricht ausstellt und nebenher zockt“, erzählt Mahlert.

Es wird etwas gesucht, mit dem man sich überhaupt beschäftigen kann

Was sollten sie auch sonst tun? Das höre er oft. Sport im Verein, das Treffen mit der Clique – alles ist schon lange verboten. Nur für Kinder bis 14 Jahre sind seit dieser Woche laut Öffnungsplan wieder Gruppenangebote möglich. „Die Jugendlichen sind sich bewusst, dass sie gerade ziemlich viel zocken“, sagt Mahlert. Einerseits, weil sie Spaß dran hätten, andererseits mangels Alternativen. Letztlich sei es „kein neues Phänomen“, dass Jugendliche die Schule vernachlässigen, um Computer zu spielen. Nur sei die Gruppe jetzt sicherlich größer, „weil etwas gesucht wird, mit dem man sich überhaupt beschäftigen kann“, sagt er. Sobald sich da wieder mehr Optionen auftäten, glaubt er, dass der Großteil von den vielen Stunden wieder runterkommt. Aber wohl nicht alle.

Ähnlich schätzt das auch der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Stuttgart, Michael Günter, ein: „Es wird einige Jugendliche geben, für die es schwierig ist, wieder aus der exzessiven Mediennutzung herauszukommen.“ Das gelte aber nicht für die Mehrheit. Wenn sie wieder die Möglichkeit hätten, sich mit den Freunden zu treffen, würden die meisten sicher „lieber rausgehen als vor dem Bildschirm zu hocken“, sagt der Ärztliche Direktor.

Noch gilt der Ausnahmezustand

Er ist keiner, der Computerspielen und Medienkonsum verteufeln würde. „Ich glaube, dass man in so einer Situation relativ locker sein kann.“ Normalerweise sage man, dass es problematisch wird, wenn alle anderen Interessen vernachlässigt werden. Das gelte derzeit nur eingeschränkt, da die Jugendlichen ihren Interessen schließlich gar nicht in der Form nachkommen können. „Noch ist Ausnahmezustand“, sagt Günter.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums hat eine Computersuchtspezialsprechstunde. Diese ist laut Günter aktuell nicht stärker nachgefragt als vor der Pandemie – mit zeitlichem Verzug könne sich das natürlich ändern. In der Klinik selbst hätten sie es aktuell verstärkt mit Kindern mit sozialen Ängsten zu tun, das verschlimmere sich. „Wir haben sehr viel mehr Kinder, die sich zurückziehen“, sagt Günter. Betroffen seien vor allem Kinder, die ohnehin „sozial ängstlich, selbstunsicher oder kontaktschwach“ seien.

Andere psychische Erkrankungen können die Ursache sein

Computerspielsucht kann zum Beispiel zu einem vertauschten Tag-Nacht-Rhythmus führen. In extremen Fällen sollen Jugendliche sogar Windeln tragen, um keine Spielpause einlegen zu müssen. „Bei den meisten lässt sich in wenigen Terminen sehr viel erreichen“, ist Günters Erfahrung. Hinter der „von den Eltern berichteten Computerspielsucht“ steckten nicht selten andere psychische Erkrankungen – „es ist wichtig, diese zu behandeln“.

Bei „Jungen im Blick“ mussten sie in der Pandemie niemanden wegen einer Computerspielsucht weitervermitteln. Jonas Mahlert rät Eltern, eine gute Mitte zwischen Vertrauen und Kontrolle zu finden – und klare Absprachen zu treffen darüber, was gilt, wenn wieder mehr Normalität herrscht. Von der Kürzung der Freizeitmedienzeit wegen der vielen Stunden digitalen Unterrichts hält er nichts.

Eltern sollten selbst Vorbild sein

Eltern sollten Interesse zeigen an dem, womit sich ihre Kinder befassen – das heißt: auch mal mitspielen. Gemeinsam mit den Kindern zu spielen, das rät auch Kinder- und Jugendpsychiater Günter. Je jünger, desto wichtiger sei es, dabei zu sein und „das Erlebte aktiv im Gespräch“ aufzugreifen. Mädchen seien mehr in sozialen Netzwerken unterwegs – von ihnen könne man sich da als Eltern auch etwas zeigen lassen. Zudem sollte man Vorschläge für gemeinsame Unternehmungen machen, das könne auch mal ein klassisches Brettspiel sein. Zentral sei, im Dialog mit den eigenen Kindern zu bleiben – und natürlich, selbst Vorbild zu sein. „Das ist die beste Prävention.“ Letzteres spricht auch Mahlert an: „Wenn die Eltern abends immer mit dem Smartphone dasitzen, aber das Kind soll ‚Maumau’ spielen oder ein Buch lesen“, dann funktioniere das nicht.

Altersfreigabe beachten

Michael Günter appelliert an Eltern, sich bei Computerspielen und Apps an die Altersfreigaben zu halten. Das Spiel Fortnite von Epic Games, an dessen Entwicklung Psychologen mitgewirkt haben, ist zum Beispiel ab zwölf Jahren freigegeben, es wird aber schon von Grundschülern gespielt. Von dem Argument, alle Freunde spielten das, sollte man sich nicht beeindrucken lassen. „Diese Argumentation haben Kinder immer schon gebracht“, sagt Günter. Wobei die Beliebtheit von Fortnite Jonas Mahlert zufolge zuletzt abgenommen habe im Vergleich zum „Superhype“ 2019/20. Aktuell bei Jugendlichen beliebt sei zum Beispiel das Handy-Strategiespiel Brawl Stars.

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