Medikamenten-Vergabe in der Verschickung Kurkinder als Versuchskaninchen

Auch das Gruppenbild gehörte zur Kur. Nicht immer zeigt es fröhliche Kinder. Foto: © C) Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Längst gibt es Beweise, dass Ärzte in den Kuren an Kindern Medikamente erprobten – auch in Baden-Württemberg. Doch das Stuttgarter Sozialministerium will keine Forschung in Auftrag geben.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Am Ende erfordert es doch eine gehörige Portion Mut, sich hinzusetzen, in eine Kamera zu schauen und die eigene Geschichte zu erzählen. 38 Männer und Frauen haben sich dieser emotionalen Herausforderung bisher gestellt. Sie berichten von den Wochen in ihrer Kindheit, die sie in Baden-Württemberg oder von dort verschickt in einem Kinderkurheim irgendwo in Deutschland getrennt von ihren Eltern verbracht haben. Geschehen im Nachkriegsdeutschland bis weit in die 1980er Jahre. In den Ludwigsburger Büroräumen des Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg (AKVBW) entsteht gerade ein audio-visuelles Zeitzeugenarchiv zum Thema Kinderverschickung. Ein ambitioniertes Unterfangen ist das – das auch die Interviewerinnen und Interviewer aus dem Vereinsvorstand viel Zeit und Kraft kostet.

 

Tabletten zum Frühstück

Da ist die Frau, die von den Tabletten erzählt, die sie täglich während ihrer Kur einnehmen musste, und der kindlichen Wahrnehmung: Das ist nicht in Ordnung. Eine andere heute über 70-Jährige erzählt, wie sie in einem Heim auf der Nordseeinsel Föhr mit Abführmittel vollgestopft wurde, nur noch Durchfall hatte und mit anderen Leidensgenossen in einen Krankenwagen „gepfercht“ worden sei und zu einer „Versuchsanstalt“, wie sie es nennt, gebracht wurde, wo alle Kinder von einem Arzt untersucht wurden. Ihr Durchfall blieb unbehandelt. Sechs Wochen verbrachte sie in völlig verdreckter Bettwäsche – und mit der Scham, selbst etwas falsch gemacht zu haben. Viele Betroffene – auch jenseits des Zeitzeugenarchivs – erinnern sich an Ähnliches oder berichten gar von Spritzen, die ihnen verabreicht wurden.

Das Zeitzeugenarchiv ist ein weiterer Baustein des Vereins in seinem Kampf um Aufarbeitung durch unabhängige Forschung. Denn sich zu erinnern, um das Erlebte in Bild und Ton festzuhalten, ist nur der erste Schritt. Viele Betroffene haben ihre Geschichten inzwischen öffentlich erzählt. Wer wissen will, was geschehen ist, kann von den Gefühlen des Verlorenseins in fremder Umgebung, den Demütigungen und Bloßstellungen, von körperlichen und seelischen Bestrafungen, sexualisierter Gewalt erfahren. Seit Oktober 2020 gibt es den Verein. Die Vorstandsvorsitzende Andrea Weyrauch wird deutlich: „Mit Zuhören allein ist es schon lange nicht mehr getan.“ Wer erzählt, der will endlich auch mal Antworten.

Eine der Fragen, die viele umtreibt, ist die nach den Arzneimitteln. Was haben sie einnehmen müssen? Waren sie wirklich krank oder Teil von Medikamentenversuchen, von denen sie und ihre Eltern nichts wissen sollten? Und wenn das alles so war, wer hat an diesen Versuchen verdient? Und gibt es mögliche Langzeitfolgen?

In Baden-Württemberg, das laut einer Kurkliniken-Auflistung des Lörracher Kinderarztes Sepp Folberth von 1964 zu den großen Playern auf den Kurmarkt zählte, sucht man vergebens nach einem Auftrag, in die Forschung zu Medikamentenversuchen einzusteigen. Andrea Weyrauch fordert deshalb neben einer grundsätzlichen Studie zu den Rahmenbedingungen und Abläufen in der Kinderverschickung eine weitere, für die Betroffenen vielleicht noch wichtigere. Angelehnt an den Forschungsauftrag, wie ihn das Bundesland Nordrhein-Westfalen für sich vergeben hat: „Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der stationären Behindertenhilfe und Psychiatrie sowie in Heimen im Rahmen der Kinderverschickung seit Gründung des Landes Baden-Württemberg bis 1980.“ Ein hochkarätiges Forscherteam der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf um den Medizinhistoriker und -ethiker Heiner Fangerau forscht für NRW an diesem Komplex.

Auch für Baden-Württemberg liegen bereits jetzt sowohl Hinweise als auch belastbare Beweise vor, dass es Medikamentenversuche an Kurkindern gab. Unsere Zeitung berichtete am 16. Januar 2021 exklusiv über Medikamentenversuche im DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim. Der damalige Chefarzt Hans Kleinschmidt hatte sie selbst in einer medizinischen Fachzeitschrift publiziert. Es ging damals unter anderem um ein antivirales Medikament gegen Masern. Hans Kleinschmidt, der nachweislich mitverantwortlich am Euthanasietod eines Kleinkindes im Jahr 1942 ist, beschreibt in dem Aufsatz offen, dass ein Kurheim ideale Rahmenbedingungen für solche Versuche biete: eine ausreichend große Zahl an Kindern, für einen fixen Zeitraum von sechs Wochen, isoliert von den Eltern. Was konnte ein Kurarzt Besseres vorfinden, um für die Pharmaindustrie Medikamente zu erproben? Und warum sollte nur Hans Kleinschmidt so gedacht haben?

Expertin: Es waren Medikamentenversuche

Die Pharmaziehistorikerin Sylvia Wagner, die zum Düsseldorfer Forschungsteam gehört, recherchiert seit über zehn Jahren zu Medikamentenversuchen an Heimkindern. Auch aus eigener Betroffenheit. Jüngst hat sie mit „Heimgesperrt – Missbrauch, Tabletten, Menschenversuche. Heimkinder im Labor der Pharmaindustrie“ einen Roman veröffentlicht, in dem sie ihre wissenschaftlichen Befunde mit ihrer und auch der Heimgeschichte ihres Bruders verknüpft. „Ich wollte, dass das Thema raus aus den Wissenschaftskreisen in die Gesellschaft getragen und dort auch diskutiert wird“, sagt sie.

Wagner hat die Veröffentlichungen Kleinschmidts gelesen. Ihr Urteil ist eindeutig: Der Arzt hat im DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim Versuche an Kindern durchgeführt. In manchen Fällen spricht er selbst von Versuchsanordnungen. Bei der Erprobung eines Zäpfchens gegen Bronchitis spreche der Arzt nur von dem Wirkstoff und nenne keine Medikamentennamen. „Das kann ein Hinweis darauf sein, dass das Medikament noch nicht auf dem Markt war.“

Langzeitfolgen nachgewiesen

Und Wagner verweist auf Studien, in denen die Langzeitfolgen von Neuroleptika wie Schlaganfall, Herzversagen belegt sind und somit eine bis zu 20 Jahre verkürzte Lebenserwartung durch die Gabe derartiger Präparate nachgewiesen ist. Denn auch die wurden verabreicht, wenn Kinder sich nicht reibungslos in den Betriebsablauf einfügten. Der Kinderarzt Kurt Nitsch rät in einem Aufsatz, sensible und labile Kinder zu Beginn der Kur zu sedieren. Einzige medizinische Indikation: Heimweh. Wagner nennt das „unsichtbare Fixierung und medikamentöse Gewalt“.

Hans Kleinschmidt habe sich mit diesem Vorgehen strafbar gemacht. Denn seit dem Jahr 1984 galt nach dem Strafrecht jeder ärztliche Eingriff ohne eine Einwilligung als Körperverletzung. Der Forschungsansatz aus Düsseldorf ließe sich auf Baden-Württemberg übertragen– und damit die Fragen nach den Verantwortlichkeiten und danach, wie systematisch neue Medikamente erprobt oder Arzneien, die auf dem Markt waren, in neuer Verwendung an den Kurkindern getestet wurden.

Gutachten sieht Aufklärungsbedarf

Zu einem ebenso eindeutigen Urteil kommt eine Begutachtung der wissenschaftlichen Publikation Kleinschmidts, wie sie die Landesärztekammer auf Bitten des Vereins, erarbeitet hat. Sie liegt unserer Zeitung vor und sieht großen Aufarbeitungsbedarf – etwa in Hinsicht der auch von Wagner thematisierten Verstöße gegen den Ärztekodex und auch gegen das Strafrecht. „Bloße Versuche zur Datengewinnung ohne medizinische Indikation (. . .) sind ohne Einwilligung nicht erlaubt und sind nicht gerechtfertigte Körperverletzungen“, heißt es darin. Ein Hinweis Kleinschmidts, die Zustimmungen der Eltern eingeholt zu haben, findet sich in keinem seiner Texte. Auch das Gutachten stellt die Frage nach „dem Auftreten von späteren Folgen der unerlaubten Versuche für die Betroffenen“. Und es fragt: „Wurden den Kindern die durchgeführten Maßnahmen altersgemäß erklärt?“ Davon berichtet keiner der Zeitzeugen. Im Zusammenhang mit der Gabe von Anabolika an untergewichtig eingestuften Kindern kommt der Verfasser zum Schluss, „dass diese Behandlung als eingreifend und die damit in Zusammenhang stehende und als häufig beschriebene Labor- und darüber hinaus gehende zweimalige Röntgendiagnostik als unzumutbar belastend einzuschätzen ist“.

Das Stuttgarter Sozialministerium verweist auf Anfrage, ob es eine Studie zu Medikamentenversuchen an Kurkindern plane, auf die „Arbeitsgruppe Verschickungskinder“, die Baden-Württemberg als erstes Bundesland im Frühjahr 2020, „zur Vernetzung aller Akteure etabliert“ habe. In der Tat sitzen der Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg und andere Akteure – von Rentenversicherung bis Kommunalverband für Jugend und Soziales – im Idealfall zweimal in Jahr beieinander, um sich über das weitere Vorgehen zu verständigen. Das Land sieht sich lediglich in der Moderatorenrolle. Durch den Wechsel der Verantwortlichen im Ministerium ist der Prozess aus Sicht der Betroffenen ins Stocken geraten. Beim Land kann man einen gewissen Unmut über die Ungeduld des Vereins, der inzwischen die Landtagsfraktionen angesprochen hat, beobachten. Das Ministerium verweist auf die Förderung des Vereins mit jährlich 30 000 Euro und die Finanzierung eines Projekts des Landesarchivs Baden-Württemberg durch die BW-Stiftung in Höhe von 393 000 Euro. Das Land Nordrhein-Westfalen gibt gut eine Million Euro für die Aufarbeitung aus.

Betroffene: Wir fordern sofortiges politisches Handeln

In Stuttgart will man weiter auf seinen „partizipativen und strukturierten Prozess“ setzen. „Isolierte Betrachtungen sind nicht der Weg, den die Beteiligten bisher für sinnvoll erachteten“, sagt ein Sprecher. Man gehe davon aus, „dass der Komplex Medikamentenversuche in den weiteren Schritten in den Blick genommen und entsprechend untersucht werde“. Im Klartext heißt das: Nein, das Land plant nichts Derartiges – es sei denn, die Akteure einigen sich auf eine solche Studie. Darauf mag keiner setzen.

Ende des Jahres will der DRK-Landesverband Baden, der ehemalige Arbeitgeber Kleinschmidts, eine Aufarbeitung der Geschichte des Kindersolbads veröffentlichen. Sie soll in eine Studie der Rentenversicherung zur Kinderverschickung einfließen.

Andrea Weyrauch ist das zu wenig. Medikamentenversuche sind für sie ein Schwerpunktthema, „das in anderen Studien untergeht oder gar nicht erst vertieft wird“. Als beschämend bezeichnet es Silvia Wisbar, selbst Bad Dürrheimer Opfer Kleinschmidts, dass noch immer keine Studie auf den Weg gebracht worden sei. „Wir fordern sofortiges politisches Handeln, damit wir erfahren, was uns über lange Zeit hinweg und gegen unseren Willen verabreicht wurde.“

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