Lieferengpässe In Kliniken werden Medikamente knapp

Bestimmte Arzneimittel werden durch die Krankenhausapotheken nur noch in Kontingenten an die Stationen abgegeben. Foto: dpa/Stefan Puchner

Die anhaltenden Lieferengpässe bei bestimmten Arzneimitteln stellen die Krankenhäuser in der Region vor große Probleme. Alternative Präparate zu beschaffen ist aufwendig. So gehen die Kliniken mit dem Mangel um.

Es mangelt an Blutdrucksenkern, Antibiotika, Insulin, Krebsmedikamenten und vielen weiteren Präparaten: Auf der Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stehen aktuell 305 nicht verfügbare Medikamente. Das bekommen nicht nur Kunden in den öffentlichen Apotheken zu spüren. Die Präparate fehlen auch in den Krankenhäusern zur Behandlung schwerster Erkrankungen.

 

„Problematisch sind insbesondere Lieferengpässe von dringend benötigten Arzneimitteln, für die nur schwer Therapiealternativen gefunden werden können“, schildert Matthias Einwag, der Hauptgeschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), den Ernst der Lage. Dass die Arzneimittelkrise „bisher noch nicht zu einer gravierenderen Beeinträchtigung der Versorgung der Krankenhauspatienten“ geführt habe, sei vor allem „dem unermüdlichen Einsatz der Krankenhausapotheker zu verdanken“.

So kann die Apotheke der Medius-Kliniken des Landkreises Esslingen ihren drei Häusern in Ruit, Kirchheim und Nürtingen pro Monat im Schnitt 30 bis 35 Medikamente nicht oder nur in geringen Mengen zur Verfügung stellen, berichtet Unternehmenssprecherin Iris Weichsel. Die Folge: Bestimmte Präparate müssten rationiert werden. Wenn ein Arzneimittel gar nicht lieferbar sei, würden die Krankenhausapotheker versuchen, ein ähnlich geeignetes Medikament von den Pharmaherstellern zu beschaffen. Bisher habe man immer Alternativpräparate auftreiben können, sagt Weichsel. Nur „in wenigen Einzelfällen“ seien (teure) Importe notwendig geworden.

Vorratshaltung gefragt

Die Ersatzbeschaffungen würden allerdings eine umfassende Recherche zu therapeutischen Alternativen und möglichen Lieferanten sowie zeitintensive Absprachen mit den Ärzten und Pflegekräften erfordern, beschreibt Weichsel die Herausforderungen. Das sei ein enormer Aufwand, den die Medius-Kliniken jetzt zusätzlich leisten müssten, ohne dass er von den Krankenkassen vergütet werde. Und: „Die Lieferengpässe bei Medikamenten erfordern eine Vorratshaltung über die gesetzlich geforderten zwei Wochen hinaus.“ Der Lagerbestand – alles in allem rund 1400 Präparate – sollte nun für mindestens einen Monat reichen, in Einzelfällen gar bis zu drei Monate.

Ähnlich sind die Schilderungen von Stefan Möbius, dem Sprecher des Klinikums Stuttgart. Rund 3000 verschiedene Fertigarzneimittel sind in der Krankenhausapotheke gelistet und sollten eigentlich dauerhaft vorrätig sein. Im Durchschnitt sei man „pro Tag mit rund 20 Engpassmeldungen konfrontiert, auf die zeitnah reagiert werden muss“, sagt Möbius. Antidepressiva, Schilddrüsenpräparate und Narkosemittel seien schon davon betroffen gewesen. Aktuell gebe es Probleme, den Calciumkanalblocker Nifedipin zu bekommen, der in der Geburtshilfe benötigt wird.

Auf alternative Arzneimittel einstellen

Durch frühzeitige Bestellungen und Depots verfüge die Apotheke des Stuttgarter Klinikums über gewisse Bestände, um kurzfristige Lieferausfälle überbrücken zu können, berichtet Möbius. „Es häuft sich aber leider auch die Situation, dass Engpässe bis weit in das Jahr 2023 hineinreichen.“ Nicht lieferbare Medikamente könnten derzeit „durch die enge Kooperation mit Anbietern in der Regel durch gleichwertige Produkte ersetzt werden und so die Versorgung der Patienten sichergestellt werden“, betont der Klinikumsprecher. Die Umstellung auf Alternativpräparate aber wirke sich auf den gesamten Klinikalltag aus, „da sich die klinischen Teams und die Patienten auf neue Arzneimittel einstellen müssen“.

Das Sortiment der Krankenhausapotheke des Klinikums Esslingen umfasst nach Angaben ihres Leiters Christian Philipp Jüttner rund 1100 Präparate. „Davon sind etwa 10 bis 15 Prozent nicht lieferbar oder von den Pharmafirmen kontingentiert. Das klingt nach wenig. Aber es hängt viel dran.“ Denn Therapieumstellungen seien fehleranfällig und alternative Präparate nicht immer gleichwertig, meint Jüttner. Auf die Liste des BfArM verlässt sich er nicht, diese reagiere in der Regel verzögert. Jonglieren ist er aber gewohnt: „Lieferengpässe beschäftigen uns schon seit einigen Jahren.“ Als einer der Gründe dafür gilt die Globalisierung: Rund 68 Prozent der Produktionsorte von Wirkstoffen, die für Europa bestimmt sind, liegen im kostengünstigeren Asien. Dass sich die Situation in naher Zukunft bessern wird, daran glaubt Jüttner deshalb nicht.

Forderungen an die Politik

Diese Befürchtung teilt BWKG-Hauptgeschäftsführer Einwag. Er sieht gar „die Gefahr, dass bei einer Verschärfung der Situation die Versorgung der Patienten zukünftig nicht mehr mit allen benötigten Arzneimitteln sichergestellt werden kann“. Es seien daher weitere gesetzliche Regelungen erforderlich. Dazu zählten eine Meldepflicht von Lieferengpässen und Vorgaben zur Lagerhaltung bei der Pharmaindustrie. „Auch der Umgang mit Rabattverträgen bei Arzneimitteln sollten genau analysiert werden“, fordert er. Denn: „Sie setzen die Arzneimittelhersteller unter wirtschaftlichen Druck, der für eine verlässliche Arzneimittelversorgung kontraproduktiv sein könnte.“

Datenbank zu Lieferengpässen bei Arzneimitteln

Behörde
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist eine selbstständige Behörde im Geschäftsbereich des Bundesgesundheitsministeriums.

Meldungen
Seit 2013 werden Lieferengpässe für versorgungsrelevante Arzneimittel von den Arzneimittelherstellern an das BfArM gemeldet. Die Angaben erfolgen auf freiwilliger Basis durch die Pharmaunternehmen selbst. Diese sind dazu angehalten, vorhersehbare Engpässe mindestens sechs Monate im Voraus zu melden, damit sich Apotheker, Ärzte und Krankenhäuser auf eventuell kommende Engpässe einstellen können.

Liste
Die Liste der betroffenen Medikamente und Wirkstoffe ist online einsehbar unter www.bfarm.de/DE/Home/_node.html .

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