Medizin Risiko der Mikrozephalie ist kleiner als erwartet

Von fwt 

Forscher des Pariser Pasteur-Instituts haben die Zahlen der Zika-Epidemie in Französisch-Polynesien ausgewertet, um das Risiko für die Schädelfehlbildung Mikrozephalie bei infizierten Schwangeren einschätzen zu können. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass etwa eine von 100 Schwangeren ein Kind mit der Fehlbildung zur Welt bringt. Das ist weniger als erwartet.

Wenn ein Kind an der Schädelfehlbildung Mikrozephalie leidet, ist das meist mit Entwicklungsverzögerung und mit geistiger Behinderung verbunden. Foto: dpa
Wenn ein Kind an der Schädelfehlbildung Mikrozephalie leidet, ist das meist mit Entwicklungsverzögerung und mit geistiger Behinderung verbunden. Foto: dpa

Etwa eine von 100 Frauen, die sich im ersten Schwangerschaftsdrittel mit Zika infiziert haben, erwartet ein Baby mit der Schädelfehlbildung Mikrozephalie. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam, das die Daten des Zika-Ausbruchs in Französisch-Polynesien 2013/14 ausgewertet hat. Das Risiko für Schäden beim Ungeborenen sei damit geringer als bei anderen Infektionen während der Schwangerschaft, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin „Lancet“.

Unterschätzt werden sollte die Gefahr trotzdem nicht: Aufgrund des hohen Ansteckungsrisikos während eines Ausbruchs wie aktuell in Lateinamerika ist auch das Risiko der Mikrozephalie groß. Unklar sei allerdings noch, ob der Wert aus Französisch-Polynesien auf Epidemien in anderen Regionen der Welt übertragen werden kann, betonen die Forscher.

Mikrozephalie hat auch noch andere Ursachen

Bei Mikrozephalie werden die Babys mit zu kleinen Schädeln geboren, oft ist dies mit Entwicklungsverzögerungen und geistigen Beeinträchtigungen verbunden. Neben genetischen Ursachen können auch Umweltfaktoren wie Infektionen oder Alkoholkonsum der Mutter eine solche Schädelfehlbildung verursachen.

Die Forscher um Simon Cauchemez vom Institut Pasteur in Paris analysierten Daten des Zika-Ausbruchs in Französisch-Polynesien von Oktober 2013 bis April 2014. In dieser Zeit hätten 31 000 Menschen mit dem Verdacht auf eine Zika-Infektion einen Arzt aufgesucht, schreiben die Forscher. Acht Mikrozephalie-Fälle seien im Verlauf der Epidemie erfasst worden. Fünf der Schwangeren hätten daraufhin abgetrieben, drei der Babys seien zur Welt gekommen. Sieben der Fälle fielen in die Zeit um das Ende der Epidemie.

Diese Daten nutzten die Forscher für eine statistische Risikobewertung anhand mathematischer Modelle. „Unsere Analyse stützt stark die Hypothese, dass eine Zika-Infektion im ersten Schwangerschaftsdrittel mit einem erhöhten Mikrozephalie-Risiko verbunden ist“, äußert sich Cauchemez in einer Mitteilung zur Studie. Von 100 000 dieser Schwangeren bekommen demnach etwa 95 ein Baby mit der gefürchteten Schädelfehlbildung.

Es sei biologisch plausibel, dass das Risiko vor allem im ersten Trimester der Schwangerschaft hoch sei, erklärt Laura Rodriges von der London School of Hygiene & Tropical Medicine in einem Kommentar zur Studie. Zur Bestätigung seien aber weitere Daten nötig. Aufgrund des Ausbruchs der Krankheit in Lateinamerika dürften diese in naher Zukunft vorliegen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte kürzlich gewarnt, dass das Zika-Virus gefährlicher als bisher angenommen sei. „Die geografische Verbreitung ist weiter, die Risikogruppe größer, und zu den Übertragungswegen gehört neben Mückenstichen auch Geschlechtsverkehr“, sagte WHO-Direktorin Margaret Chan. Schwangeren wird daher davon abgeraten, in betroffene Gebiete zu reisen.

Das Virus verursacht auch andere neurologische Störungen

Der Erreger sei nach aktuellen Erkenntnissen nicht nur eine Ursache für Mikrozephalie, sondern spiele wohl auch bei anderen neurologischen Störungen eine Rolle, warnte die WHO. Zu den möglichen Folgen einer Infektion bei Schwangeren zählten zudem der Tod des Fötus, eine Verschlechterung der Plazenta (Mutterkuchen) und Wachstumsstörungen beim Ungeborenen.

Die WHO hatte wegen der Ausbreitung des Zika-Virus in Brasilien den globalen Gesundheitsnotfall ausgerufen. Das Virus ist bisher weltweit in mehr als 50 Ländern nachgewiesen worden. Seit 2015 hat sich der Erreger in Lateinamerika rasant ausgebreitet. Er wird von bestimmten Stechmücken übertragen. Viele Infizierte erkranken allerdings nicht oder bekommen nur grippeähnliche Symptome. Seinen Namen hat das Virus übrigens von dem Wald in Uganda, in dem es bei einem Affen vor fast 70 Jahren entdeckt worden ist.