Medizin Verkürzt langes Sitzen das Leben?

Von Katharina Sorg 

Laut einer Studie in den USA verkürzt langes Sitzen das Leben. Ob das stimmt, ist eine andere Frage. Ratsam ist auf alle Fälle mehr Bewegung zwischendurch – auch im Büro.

Alltag im Büro: sitzen, sitzen, sitzen. Foto: dapd
Alltag im Büro: sitzen, sitzen, sitzen. Foto: dapd

Stuttgart - Weniger sitzen und weniger fernsehen, das könnte ein längeres Leben bedeuten. Die Forscher einer Studie aus den USA (erschienen im British Medical Journal, BMJ) haben in einer umfangreichen Analyse errechnet, dass ein Mensch, der es schafft, weniger als drei Stunden am Tag zu sitzen, bis zu zwei Jahre länger lebt. Um wem es gelingt, weniger als zwei Stunden am Tag fernzusehen, der gewinnt 1,4 Lebensjahre hinzu. Im Umkehrschluss heißt das: Sitzen und Fernsehen verkürzen die Lebenszeit.

Wer jetzt ängstlich vom Bürostuhl aufspringt, dem sei zur Beruhigung gesagt: Es ist nur eine statistische Rechnung, die darauf hinweist, dass es zwischen Bewegung und Lebenserwartung einen Zusammenhang gibt. Dieser Zusammenhang muss nicht für jeden Einzelnen gelten, und er darf nicht als Beleg dafür gesehen werden, dass mehr Bewegung direkt zu einer höheren Lebenserwartung führt, denn es ist nicht ausgeschlossen, dass wichtige Faktoren in der Statistik nicht auftauchen. Also erst einmal sitzen bleiben.

Doch die Botschaft wird von Ärzten bestätigt: Sie gehen gemeinhin davon aus, dass Bewegungsmangel und Behäbigkeit chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme und Bandscheibenvorfälle begünstigen. Dieser Ansicht ist auch Ulrich Leyerer, stellvertretender Leiter der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Klinikum Stuttgart. „Das eine rein sitzende Tätigkeit nicht gesund ist, das ist sicher“, sagt er. Die Angaben zur Lebensdauer will er nicht überbewerten, doch das Resultat weist in die richtige Richtung.

Fünf Einzelstudien

In ihre Analyse haben Peter Katzmarzyk von der staatlichen Universität des US-Bundesstaats Louisiana und I-Min Lee von der Harvard-Universität fünf Einzelstudien aus den vergangenen Jahren aufgenommen, an denen zusammen knapp 167 000 Amerikaner teilgenommen haben. Die Probanden mussten Angaben dazu machen, wie viel Zeit am Tag sie sitzend verbringen – zum Beispiel vor dem Fernseher. Längere Zeit im Sitzen und vor dem Fernseher habe das Potenzial, die Lebenserwartung in den USA zu verringern, schreiben die beiden Forscher. Welche Sitzdauer noch als unbedenklich gilt und ab wann es gesundheitsschädlich wird, das müssten weitere Studien beantworten.

Um zu solchen Aussagen zu kommen, helfen sogenannte Interventionsstudien. Hierbei werden den Versuchsteilnehmern Aufgaben zugeteilt: die einen müssen sich mehr bewegen, während die anderen – zu Vergleichszwecken – so weiterleben wie bisher. Erst wenn sich bei einem solchen Experiment zeigen sollte, dass die Probanden mit mehr Bewegung gesünder sind und länger leben als die anderen, wären Ursache und Wirkung klar zu erkennen. Derweil belassen es Katzmarzyk und Lee bei Empfehlungen wie der, im Büro lieber aufzustehen und zum Kollegen im Nachbarbüro zu gehen, als ihm eine E-Mail zu schreiben.

Sollten sich die Studienergebnisse bestätigen lassen, werde sich der typische Arbeitsplatz von heute wohl stark verändern, sagt Ulrich Leyerer. Bereits jetzt gebe es große Firmen wie Google, die ganz bewusst Arbeitsplätze mit Bewegung schaffen, berichtet er. Dort gibt es Gummibälle zum Sitzen, Massagestühle, Kletterwände und andere Angebote, welche die Mitarbeiter zu Bewegung motivieren sollen. Leyerer erwartet, dass solche Beispiele in den kommenden Jahren Schule machen werden. Studien, die untersuchen, wie die Sitzdauer im Arbeitsalltag verringert werden kann, laufen bereits.

„Man muss sich zwingen“

Doch sich dauerhaft regelmäßig zu motivieren, ist nicht ganz einfach. Standardisierte Übungen in den Büroalltag zu integrieren sei wünschenswert, sagt Leyerer, nur das dann auch einzuhalten, ein anderes Thema. „Man muss sich zwingen“, sagt der Chirurg. Wer einen Hund habe, sei im Vorteil: der müsse morgens und abends einfach aus dem Haus und spazieren gehen. Ohne Druck funktioniere es eben meistens nicht.

Im Büro, so beobachtet es Leyerer, achtet man seltener auf seine Gesundheit als in den eigenen vier Wänden. Während zu Hause das bequeme Sofa und die rückenfreundliche Matratze warten, ist im Büro oft nicht einmal der Bürostuhl richtig eingestellt. Dabei verbringen viele Menschen viel Zeit auf diesem Sitzplatz.

Bürostuhl sollte nach vorne kippen können

Sitzen sei auf Dauer nicht gesund, weil sowohl die Bandscheibe, das Knochengewebe und der Meniskus nur durch Druck und Entlastung richtig durchblutet und somit ernährt werden, erläutert Leyerer. Das schützt vor Bandscheibenvorfällen, und im Fall des Knochengewebes dient es als Vorbeugung zu Osteoporose. Der wichtige Wechsel zwischen Druck und Entlastung komme zustande, wenn man sich bewegt. Es genügen schon kleine Bewegungen und ein regelmäßiger Positionswechsel.

„Es ist wichtig, dass sich der Bürostuhl nicht nur nach hinten kippen lässt, sondern auch nach vorne“, sagt Leyerer. So wird das Becken etwas nach vorne geschoben und die Gesäßmuskeln bleiben aktiv, weil das Gleichgewicht gehalten werden muss. Und die denkbar schlechteste Position, sich nämlich nach hinten in den Stuhl zu lümmeln, wird auf diese Weise verhindert. „Dabei wird die Wirbelsäule überdehnt und zu viel Druck auf die Bandscheibe ausgeübt“, sagt Leyerer. Um Herz-Kreislauf-Problemen vorzubeugen, hilft allerdings nicht der richtige Bürostuhl. Der Rat lautet hier: Spazierengehen, Schwimmen oder Fahrradfahren. Nicht zuletzt, wirbt Leyerer, sei Bewegung auch für die Verdauung wichtig.

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