Mediziner und „Euthanasie“ „Wir bekennen uns zur Schuld der Ärzte“

Von Faltin 

Die Landesärztekammer erforscht ihre Rolle während des Nationalsozialismus – ein Gespräch über Ethik und Geschichte mit Präsident Ulrich Clever.

Ulrich Clever ist seit dem Jahr 2011 Präsident der Landesärztekammer. Foto: dpa
Ulrich Clever ist seit dem Jahr 2011 Präsident der Landesärztekammer. Foto: dpa

Grafeneck/Stuttgart - Es waren Ärzte, die 1940 in Grafeneck den Gashahn aufgedreht und mehr als 10 000 Menschen ermordet haben. Die Beschäftigung mit dieser Geschichte hat für die Landesärztekammer Folgen – auch für die Gegenwart.

Die Vergasung behinderter Menschen in Grafeneck ist inzwischen schon 78 Jahre her – warum beschäftigt sich die Landesärztekammer nun damit?
Es waren auch und gerade Ärzte, die damals diese Verbrechen begangen haben, und die Landesärztekammer hat sich bisher noch nie dazu geäußert. Dafür war es endlich an der Zeit. Schon seit einigen Jahren haben wir verschiedene Veranstaltungen organisiert, wir haben einen Arbeitskreis „Ethik und Geschichte der Medizin“ gegründet, und nun haben wir vor wenigen Tagen einen Gedenktag in Grafeneck abgehalten. Auf einer Tafel bekennen wir uns zur Schuld der Ärzte an den Verbrechen.
Worin konkret besteht diese Schuld?
Grafeneck war der erste Versuch der Nazis, möglichst viele Menschen industriell umzubringen. Es gab in Grafeneck drei Ärzte, darunter einen Ärztlichen Direktor; der erste hieß Horst Schumann. Diese Ärzte haben das Gas zugeleitet und den Menschen in der umgebauten Garage bei ihrem Todeskampf zugeschaut. Auch in den 50 Einrichtungen des Landes für behinderte und psychisch kranke Menschen haben viele Ärzte willfährig mitgemacht und die Selektion für Grafeneck übernommen.
Die Ermordung wehrloser Menschen lässt sich in keiner Weise mit dem hippokratischen Eid verbinden? Dennoch waren diese Ärzte nicht der Ansicht, Unrecht zu tun.
Für das Verhalten mancher Ärzte im Dritten Reich gibt es Erklärungsansätze. In den 1920er Jahren war der Sozialdarwinismus nicht nur in Deutschland eine vorherrschende Meinung. Die Nazis haben daraus eine rassenhygienische Ideologie gemacht. Sie sahen alle Menschen, die auf den ersten Blick keine sinnvolle Tätigkeit verrichten konnten, nach der damaligen Ansicht als „nutzlose Esser“, und sie sprachen von „unwertem Leben“. Der „Gnadentod“ wurde da im Sinne einer Heilung interpretiert. Die wenigsten Ärzte haben später Reue gezeigt.
Sie lassen jetzt die Geschichte der Ärztekammer wissenschaftlich aufarbeiten. Haben Sie Indizien, dass die Kammer mit dem Naziregime paktiert hat?
Die Erforschung erstreckt sich bewusst auf die Zeit von 1920 bis 1960, um die Entstehung einer möglicherweise ideologischen Haltung und um die juristische Aufarbeitung nach 1945 mit untersuchen zu können. Wenn etwas Negatives herauskommen sollte, dann ist es gerade recht: Dann können wir dazu auch eine Haltung entwickeln. Wie immer es war, wir sollten den Tatsachen ins Auge blicken. Die schlimmsten Verbrechen haben sich aber in Grafen­eck ereignet und sind bekannt. Ich rechne nicht damit, dass noch furchtbare Verbrechen an den Tag kommen.
Warum erfolgt die Aufarbeitung der Rolle der Ärztekammer so spät?
Ja, es ist spät. Aber es lohnt sich immer noch. Uns fällt die Aufarbeitung heute leichter, weil die damals Beteiligten nicht mehr leben. Unser historisches Verdienst ist deshalb sicherlich nicht so hoch zu bewerten wie das Verdienst derjenigen, die sich schon vor einer Generation an die Aufarbeitung gemacht hatten.
Auch heute führen die Ärzte eine schwierige Diskussion über pränatale Diagnostik, über Abtreibung und über Sterbehilfe. Inwieweit beeinflussen die Verbrechen im Dritten Reich diese aktuellen ärztlichen Debatten?
Diese Geschichte beeinflusst nicht nur die ärztlichen Diskussionen, sondern alle ­Debatten über diese Themen. Die Euthanasie im Dritten Reich spielt dabei explizit oder unausgesprochen immer eine Rolle. Das ist auch richtig so. Die Ärzteschaft muss sich der Geschichte stellen. Allerdings beantwortet die Geschichte nicht automatisch die aktuellen Fragen – wie etwa derzeit die Frage nach der Möglichkeit eines ärztlich begleiteten Suizids. Man kann als Arzt die eine oder die andere Haltung haben.
In manchen anderen Ländern gibt es eine offenere Haltung etwa zur Sterbehilfe, während uns unsere Geschichte sehr vorsichtig macht. Sind wir manchmal – im Sinne der Wünsche der Patienten – zu vorsichtig?
Andere Länder gehen womöglich tatsächlich unbefangener mit manchen Themen um, etwa bei der Reproduktionsmedizin. Aber ich finde es nicht verkehrt, dass wir nicht alle technischen Möglichkeiten öffnen, die teilweise ja nur aus wirtschaftlichen Gründen gefordert werden. Die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, und dazu steht die Ärzteschaft. Ob ein Mediziner bei einem begleiteten Suizid immer abseits stehen muss, das ist innerhalb der Ärzteschaft durchaus umstritten. Ich finde es aber grundsätzlich wichtig, dass wir Ärzte uns die schrecklichen historischen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus anschauen und dadurch immer eines im Gedächtnis behalten: Ein Leben kann niemals unwert sein.