Mehr Wertevermittlung für Schüler Opposition: Zu späte Wende bei der Ethik

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FDP-Politiker werfen Ministerpräsident Kretschmann vor, er habe den Ausbau des Ethikunterrichts verschleppt.

Künftig sollen schon Fünftklässler im Land sich mit Ethik befassen. Foto: dpa
Künftig sollen schon Fünftklässler im Land sich mit Ethik befassen. Foto: dpa

Stuttgart - Für Winfried Kretschmann, den ehemaligen Lehrer, geht es im Ethikunterricht ums Grundsätzliche: „Das Oberziel meines Ethikunterrichts sah ich immer darin, in den jungen Menschen den Sinn und Geschmack für die menschliche Freiheit zu wecken, aus der der Mensch seine Würde bezieht.“ Gleichzeitig sei es ihm auch immer darauf angekommen, den Schülern klar zu machen, dass die Freiheit „ein zerbrechliches Gut“ sei, das durch Gewalt ebenso bedroht sei, wie durch Gleichgültigkeit. Deshalb stiftete er dem Hohenzollern-Gymnasium Sigmaringen zu seinem Abschied vom Schuldienst einen Schülerpreis „für hervorragende Leistungen in den Fächern Religion, Ethik und Philosophie“.

Kretschmann Verschleppung vorgeworfen

Um so unverständlicher ist es der FDP, dass der Ethikunterricht ab Klasse 5 erst jetzt beschlossen worden ist. Der ehemalige Ethiklehrer Kretschmann habe „das wichtige bildungspolitische Vorhaben schon über sieben Jahre verschleppt“, klagt Timm Kern, der Bildungspolitiker der FDP-Fraktion, so lange sei Kretschmann schließlich schon Ministerpräsident.

Kretschmann und die Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) halten den Ethikunterricht für alle selbst für „überfällig“. Dass Grundschulen noch warten müssen, stellt beide nicht zufrieden. „Ethik soll neben Religion als Alternative schrittweise ab Klasse 1 eingeführt werden“, hieß es schon 2011 im Koalitionsvertrag von Grünen und SPD. „Wir haben das Thema aus Ressourcenfragen hintangestellt“, erklärte Kretschmann jetzt. Eine „inhaltliche Logik“ gebe es nicht dafür, dass Ethik an der Grundschule jetzt noch nicht geplant sei. Kultusministerin Eisenmann wünscht einen schnelleren Ausbau für die Grundschulen. „Wenn es schneller gehen würde, würde ich mich nicht wehren“, sagte sie.

Kultusministerin sollte beschleunigen

Von allein geht das nicht, betonen die Lehrerverbände. „Wenn die Kultusministerin Möglichkeiten zur Beschleunigung sieht, sollte sie diese wahrnehmen“, erklärte Gerhard Brand, der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Es sei zu spät, erst 2022 mit Ethik in der Grundschule zu beginnen, wenn der Ausbau in den Klassen 5 bis 7 abgeschlossen sei. „Wir fordern Ethikunterricht ab Klasse 1“, sagt Brand. „Die Wurzeln für die Werteerziehung werden an der Grundschule gelegt“, sagte er und macht die Sache dringend. Schon an Grundschulen gebe es etwa Gewalt gegen Lehrer.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangt einen Stufenplan zur Einführung von Ethik an der Grundschule. Ethik sei weder Studien- noch Prüfungsfach für das Grundschullehramt.

Mehr islamischen Religionsunterricht

Auch FDP und SPD setzen sich für Ethik ab Klasse 1 ein. Gleichzeitig verlangen sie flächendeckenden islamischen Religionsunterricht. Eine Unterweisung junger Muslime in einen mit dem Grundgesetz in Einklang stehenden Islam durch in Deutschland ausgebildete Lehrer sei „das beste Mittel, um islamistischen Hasspredigern den Boden zu entziehen“, sagt Timm Kern. Kultusministerin Eisenmann will den Ausbau des islamischen Religionsunterrichts ebenfalls vorantreiben. Am Interesse der Schulen mangelt es nicht, aber es gibt nicht genügend Lehrer. „Wir haben weniger Studierende als Plätze“, sagte Eisenmann.