Mein Exil in Stuttgart: Heiraten in Syrien und in Deutschland Eltern wichtig bei der Partnerwahl

Von Mohamad Alsheikh Ali 

Heiraten in Syrien und in Deutschland: Unser Flüchtlingsreporter berichtet über viele kulturelle Unterschiede. Wenn ein Syrer mit 30 Jahren noch nicht verheiratet sei, werde er komisch angesehen.

Eine Liebeshochzeit ist in Syrien nur möglich, wenn die Eltern zustimmen. Foto: dpa
Eine Liebeshochzeit ist in Syrien nur möglich, wenn die Eltern zustimmen. Foto: dpa

Stuttgart - Bevor ich nach Deutschland kam, dachte ich, dass die Deutschen nicht bedingungslos an eine Ehe glauben, die bis zum Lebensende hält. Nach drei Jahren kann ich sagen, dass ich Recht hatte. Die Deutschen brauchen offenbar längere Zeit, um sich an den Gedanken einer Ehe zu gewöhnen. Natürlich gibt es auch Deutsche, die sich früh binden und heiraten. Viele führen aber schon vor der Ehe eine Beziehung. Sie sehen wohl auch nicht so sehr die Notwendigkeit, früh zu heiraten.

Das syrische Modell des Zusammenlebens ist ein ganz anderes. Wer mit dreißig noch nicht verheiratet ist, mit dem scheint etwas nicht zu stimmen. Heiraten heißt in Syrien, Verantwortung zu übernehmen und Zuverlässigkeit zu zeigen. Das heißt auch, dass es nur einen Partner gibt, dem das Leben gewidmet wird. Syrische Frauen haben Männer, die sie beschützen sollen – so sieht das die Gesellschaft.

Syrien ist eine hierarchische Gesellschaft

In Deutschland ist der Staat für den Schutz der Bürger zuständig, gleichgültig, welches Geschlecht sie haben. Der syrische Staat garantiert lediglich, dass eine Ehe registriert wird. Im Fall einer Scheidung muss die Frau in das Haus ihrer Familie zurückkehren. In Deutschland können Frauen dagegen autonom leben, weil der Staat ihre Rechte schützt. Zumindest eine Sache ist in Deutschland und Syrien ähnlich: Die Ehe ist etwas, von dem sich die Menschen Glück und Erfüllung erhoffen.

Seltsam mutet Syrern an, dass die Eltern nicht einbezogen werden bei der Partnerwahl. Die Tradition, um jemandes Hand anzuhalten, ist in Deutschland ja schon lange passé. Deutsche Eltern sind sicher manchmal überrascht, für wen sich die Tochter oder der Sohn entscheiden. Aber sie müssen damit leben. Syrien ist eine hierarchische Gesellschaft. Liebesheiraten ohne die Einwilligung der Eltern sind schwer vorstellbar. Das ganze Prozedere des Werbens und der Anbahnung einer Ehe läuft nach festem Plan. So gibt es eine Verlobungszeit, in der das Paar einen Verlobungsring trägt – das ist obligatorisch. In Deutschland scheint das eher etwas für Romantiker zu sein.

Geldgeschenke sind nicht üblich

Interessant finde ich, dass es in Deutschland üblich ist, dem Hochzeitspaar Geld zu schenken. In Syrien machen sich die Gäste einer Hochzeit oft lange Gedanken über das passende Geschenk. Die Deutschen lösen dieses Problem offenbar gern pragmatisch. Syrer fänden das zu unpersönlich. Trotz aller strengen Regeln im Umgang der Geschlechter ist eine Heirat für die Syrer eben Herzenssache.




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