Menschen in Odessa Tango gegen den Krieg
Im ukrainischen Odessa fürchten die Menschen Russlands Militärmaschine. Manche finden ihre eigene Therapie.
Im ukrainischen Odessa fürchten die Menschen Russlands Militärmaschine. Manche finden ihre eigene Therapie.
Der Flashmob kommt mit wenig Aufhebens. Die Leiterin stellt eine Lautsprecherbox auf den Asphalt. Der ESC-Sieger-Song „Stefania“ erklingt. Vor der Oper beginnen Mädchen zu tanzen. Die jungen Tänzerinnen wirbeln in gelb-blauen T-Shirts über die Straße vor dem ehrwürdigen Gebäude. An den beiden Zufahrtsstraßen warten geduldig Autofahrer, bis der Tanz vorbei ist. Einer lässt an seinem betagten Mercedes das Fenster herunter und hält den Daumen nach oben.
Nach dem Tanz atmen die Mädchen erschöpft durch. „Wir haben für unsere Soldaten an der Front getanzt. Wir alle hoffen, dass sie sich darüber freuen“, sagt eine Zwölfjährige mit ernstem Gesicht und wischt sich den Schweiß vom Gesicht.
Dieser Tanz findet noch vor den jüngsten Erfolgen der ukrainischen Truppen an der Südostfront statt. Odessa, die mondäne Schönheit, liegt bis heute in der Reichweite russischer Raketen. Doch die Menschen versanken während der zurückliegenden schweren Monate nicht in Depression.
Auch die 36-jährige Elena trotzt dem Terror. Man trifft sie in der Tanzschule ihres Manns Oleksii, ein wenig außerhalb des Stadtzentrums mit seinen stolzen Boulevards, die vom Glanz einer reichen Hafenstadt erzählen. Odessas Altstadt behält selbst in Kriegszeiten ihre Grandezza. Das Hochhaus, in dem sich der Tanzsaal befindet, erzählt dagegen von den Sowjetzeiten der 60er Jahre. Doch auf dem Parkett im Saal triumphiert Sinnlichkeit und Lebensfreude. Man tanzt Tango inmitten von sowjetischem Minimalismus. Elena und Oleksii setzen zu den ersten Schritten an. Das Paar bewegt sich in völliger Harmonie, federleicht und voller Stolz. „Ich kann gar nicht in Worten beschreiben, wie mir der Tanz in dieser Zeit hilft. Er lässt all das Unschöne vergessen, all das Hässliche, das dieser Krieg gebracht hat“, sagt sie. Beide versinken in ihrer Welt, während die Lautsprecherboxen wehmütig von Argentinien erzählen.
Vor der Invasion lief es gut für die beiden. Elena verdiente als Dolmetscherin und Mitarbeiterin einer österreichischen Firma ordentlich. Die Tanzschule von Oleksii war ein Erfolg. Die Kurse waren voll belegt, bei Wettbewerben gab es Pokale und Auszeichnungen. „30 Kinder und Jugendliche habe ich vor dem 24. Februar unterrichtet“, sagt Oleksii. Dann kam die Invasion. Die Flucht aus der Stadt ließ auch die Anzahl der jungen Tänzerinnen und Tänzer schrumpfen. Jetzt unterrichtet er nur noch sechs Kinder. Immerhin: ein Mädchen kam neu hinzu. „Ein Teenager aus Mariupol. Mein Gott, das Mädchen hat so viel verloren. Aber dass sie jetzt tanzen kann, das stärkt sie“, sagt Elena.
Finanziell ist die Lage schwierig. Die Einnahmen durch das Dolmetschen sind aufgrund des Kriegs geschrumpft, aber vor allem die der Tanzschule. Im April wollte das Paar in eine kleine Eigentumswohnung umziehen. Jahrelang hatten die beiden darauf gespart. Jetzt zieht sich die Fertigstellung. „Natürlich ist es finanziell eine Herausforderung für uns. Aber wenn ich an das Mädchen aus Mariupol denke, schäme ich mich zu jammern“, erklärt die junge Frau. Die Eigentümerin seiner Mietwohnung hat dem Paar einen ordentlichen Preisnachlass gewährt, auch bei der Miete für die Tanzschule erfuhr Oleksii Kulanz. „Zu diesen schweren Zeiten stehen die Menschen schon zusammen,“ sagt Elena. Aber die Angst, ihr bisheriges Leben zu verlieren, will nicht weichen. „Nichts ist mehr planbar. Ich habe gelernt, mit der Ungewissheit zu leben. Man darf das Schöne im Leben nicht aus den Augen lassen.“
Auch wenn die Stadt Odessa bisher weitgehend von schwerer Zerstörung verschont geblieben ist, erinnert sich Elena mit Grauen an Ende Februar und Anfang März. „Es war ein Wahnsinn. Plötzlich die Invasion, Raketen wurden abgeschossen“, berichtet Elena.
Auf dem Heimweg vom Tanzen zeigt sie den Luftschutzbunker, in dem sie und ihr Mann Unterschlupf fanden. „Im Internet haben wir nach Schutzräumen gesucht. Aber manche der angezeigten waren gar nicht in Funktion. Schließlich landeten wir in einem, in dem noch uralte Schilder der kommunistischen Partei hingen.“ Sie öffnet eine schwere Kellertür. Das Ungetüm aus Eisen knarzt und bockt beim Öffnen. Selbst im Sommer ist es noch muffig und kalt in den Räumen dahinter. Im Februar und März muss es ein feuchtes Loch gewesen sein. „Hier lag unsere Matratze. Wir waren die Ersten, dann kamen schnell mehr und mehr Menschen. Und ein weißer Hund, der es bei uns offensichtlich auf der Matratze recht gemütlich fand.“ Später sei sie bei den Schwiegereltern untergekommen, etwas außerhalb der Stadt. „Da habe ich einen Raketeneinschlag mit eigenen Augen gesehen. Ein riesiger Feuerball, alles hat gezittert“, so Elena.
Die Lage in Odessa war während des ganzen Kriegs fragil. Schon vor der möglichen Wende an der Front wussten die Bewohner um ihre Bedrohung. „Putin will unsere Stadt“, sagte Elena. „Aber er wird sie nicht bekommen. Hier ist die Freiheit in jeder Straße zuhause. Ich spüre und liebe sie. Odessa ist Offenheit, Humor und Licht. Einen Diktator wie Putin will hier niemand.“
Der Krieg hat die Schönheit Odessas noch nicht gebrochen. An der Oper geht es vorbei an Sandsackwänden zu einem kleinen Park. Ein Wasserspiel plätschert, und Frischverliebte machen fleißig Selfies. Im Sommer waren die Bewohner runter sich. „Noch immer sind die meisten Strände gesperrt, aber die eine oder andere Stelle zum Baden soll es noch geben“, erklärt sie. Doch auf den meisten Stränden warnen rote Schilder mit aufgedrucktem weißem Totenkopf vor Minen. Soldaten achten streng darauf, dass niemand in die gefährlichen Zonen gerät.
Der Abend ist angebrochen. Elena zeigt nahe dem Stadtpark Gorodskoy Sad noch eine historische Einkaufspassage aus dem beginnenden 20. Jahrhundert mit schicken Einkaufsboutiquen. „Wunderschön, nicht?“, sagt sie und blickt nach oben durch das Glasdach zum Himmel.
Auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Stadtpark spielt eine Band mit Schlagzeug, Tuba und Akkordeon. Es wird getanzt, bis der Schweiß fließt. Dann ist der letzte Akkord verklungen. Eine Stunde später wird sich das Kopfsteinpflaster schnell leeren. Die Sperrstunde beginnt um 23 Uhr. Und davor muss jeder zuhause sein. Auch die Band.
Mitten in der Nacht schrillen die Sirenen des Luftalarms, läuten die Glocken einer nahen Kirche für zwei,drei Minuten Sturm. Elena wird dann aufwachen und vermutlich an den Feuerball denken, den sie noch im März gesehen hat.