Mental Health Wann wird Kummer zur Depression?

Die Pandemie belastet unsere Psyche, Therapeut:innen werden vermehrt angefragt. Foto: Unsplash/Artur Nasyrov

Die Corona-Pandemie hat bei vielen auf die Psyche geschlagen. Doch wo liegt der Unterschied zwischen einer schlechten Phase und einer behandlungsbedürftigen Depression?

Stuttgart – Das letzte Jahr war eine Herausforderung. Egal ob Belastung durch Jobverlust, finanzielle Einbußen oder Einsamkeit, die Seele hat oft gelitten. Aber wann ist professionelle Hilfe nötig?

 

Momentan scheint es fast normal, dass es an der Psyche etwas hapert, denn die Corona-Pandemie hat bei einem Großteil der Gesellschaft eine belastende Situation ausgelöst hat. Der Stuttgarter Diplompsychologe Oliviero Lombardi berichtet von steigenden Anfragen bei Psychotherapeut:innen: „Pandemie und Lockdown sind zusätzliche, außergewöhnliche Belastungen, die Menschen an ihre Grenzen führen, insbesondere dann, wenn bereits Belastungen vorhanden waren.“ So habe die Pandemie bei vielen Menschen das Fass zum Überlaufen gebracht.

Leide ich genug?

Zeiten der Belastung können neben Depressionen eine Vielzahl an psychischen Problemen auslösen. Für den Laien ist jedoch oft schwierig einzuschätzen, ab wann eine professionelle Beratung oder Therapie vonnöten ist. Eigene Probleme werden oft kleingeredet und normalisiert. Die Grenze zwischen Bedrücktheit und einer depressiven Verstimmung mit Behandlungsbedarf sei fließend, so Lombardi. Eine Therapie wäre aber dann hilfreich, wenn ein Leidensdruck verspürt wird. Leid ist schwierig zu messen, dewegen müssten Entscheidungen diesbezüglich individuell getroffen werden.

„Wenn es jemanden nicht gut geht, und Versuche es sich selber besser gehen zu lassen nicht gelingen, sollte man sich Hilfe suchen.“

Besonders, wenn die allgemeine Lebensqualität und Alltagsbewältigung eingeschränkt wird, wäre es ratsam, sich in eine psychotherapeutische Behandlung zu begeben, so Lombardi.

Betroffene brauchen Unterstützung

Ist die Laune erst einmal im Keller, wird es schwierig, sich wieder aufzuraffen. Vor Allem, wenn soziale Unterstützung und Ablenkung nur eingeschränkt möglich sind. Langanhaltender Kummer und Sorgen können so in eine Depression führen. Es gelte also, möglichst frühzeitig gegenzusteuern, so Lombardi. Oft fällt es Menschen mit Depressionen aber schwer, sich selbst Hilfe zu holen.

„Das heißt, dass sich Betroffene oft zurückziehen, und zum Beispiel nicht mehr aus dem Bett kommen.“

In dieser Situation sei kaum Kraft da, um Therapeut:innen für einen Termin abzutelefonieren, beschreibt Lombardi. Deswegen sind Mitmenschen beonders in der Verantwortung für ihre Liebsten aktiv zu werden. Geholfen sei beispielsweise, wenn Telefonate (mit Einwilligung) übernommen werden. Der kommende Sommer und die sinkenden Infektionszahlen lassen auf mehr soziale Kontakte und Unternehmungen hoffen. An diesen Aufschwung gelte es anzudocken, empfiehlt Lombardi.

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