Herr Häberle, wie viel Konfrontation droht in der Metalltarifrunde?
Wenn man die Statements von IG Metall und Arbeitgeberverband hört, muss man sich auf eine konfliktreiche Tarifrunde einstellen. Meiner Meinung nach wird sie das auch, weil die Erwartungshaltung der Mitglieder eine deutlich höhere ist als das, was als Forderungsempfehlung aktuell im Raum steht. Zumindest wir in Untertürkheim wünschten uns noch eine höhere Forderung als sieben bis acht Prozent, was ich auch gerechtfertigt finde. Zudem sollte das Ergebnis so nah wie möglich an der Forderung ausfallen, um mit den Preissteigerungen mithalten zu können.
Die Metaller und insbesondere die Mercedes-Leute verdienen im Verhältnis gut. Wie erklärt sich da der Druck, hohe Lohnzuwächse herauszuholen?
Auch Mercedes-Beschäftigte bekommen nichts geschenkt. Wir profitieren hier von einer starken Arbeitnehmervertretung und einer durchsetzungsfähigen Belegschaft. Auch die Industrie in Summe steht aktuell gut da. Und wir arbeiten in einem Unternehmen, das etwa im ersten Quartal eine Umsatzrendite von 16,4 Prozent erzielt hatte. Letztlich geht es auch darum, am Ergebnis beteiligt zu werden und bezüglich der Gewinne eine Umverteilung zu bewerkstelligen.
Ihre Truppen wollen dafür kämpfen?
Absolut. Untertürkheim ist aufgrund der Standortverhandlungen gewohnt, für seine Interessen zu kämpfen – aber nicht nur um des Kämpfens willen, sondern weil wir täglich sehen, was wir für das Unternehmen leisten.
Die Arbeitgeber sind angesichts der vollen Auftragsbücher anfällig für Streiks?
Die Anfälligkeit ist immer groß – jetzt erst recht. So ist das.
Hat sich derweil die interne Aufregung über die Luxusstrategie gelegt?
Natürlich gab es Diskussionen über unser sogenanntes heiligs Blechle. Überrascht war ich trotzdem eher darüber, wie die Außenwelt darauf reagiert hat. Ich habe Mercedes schon immer als Luxusmarke wahrgenommen.
Geht nicht die Identifikation des Unternehmens mit der Region verloren, wenn es für Normalverdiener immer schwerer wird, einen Mercedes zu erwerben?
Ich persönlich würde mir wünschen, dass es für den Schwaben, der sich die Groschen beiseitelegt, um einen Mercedes fahren zu können, weiterhin diese Möglichkeit gibt. Doch macht die Elektromobilität das Auto aktuell zumindest per se teurer. Ist es nicht gerechtfertigt, allein dadurch, dass ich schon für den Antrieb und die Technologie mehr bezahle, noch ein Umfeld im Fahrzeug zu bekommen, das ich noch mehr mit Luxus identifiziere? So interpretiere ich diese Strategie. Dass man den Kunden sagt: Bei uns bekommt ihr nicht das gleiche Auto mit einem anderen Antrieb, sondern noch mehr Luxus. Das bedeutet für mich aber auch, dass die Aggregate dieser Luxusfahrzeuge weiterhin aus Untertürkheim kommen müssen und hier in der Region für gute Arbeitsplätze sorgen. Luxus billig herzustellen ergibt keinen Sinn.
Sie sehen kein Risiko in der Strategie?
Bisher hatten wir verschiedene Plattformen mit einer großen Anzahl an Derivaten, also Varianten unserer Baureihen. Jetzt konzentrieren wir uns auf die Baureihen und Plattformen mit der größten Chance, am Markt begehrt zu sein. Diese Konzentration halte ich im Umgang mit unseren Ressourcen nicht für falsch. Gefährlich fände ich, wenn die deutschen Standorte dadurch in der Auslastung bedroht wären. Wir in Untertürkheim leben von Wachstum. So müssen wir es mit der Strategie schaffen, höhere Stückzahlen zu generieren. Das ist meine Erwartung.
Was bedeutet es für Untertürkheim, wenn innerhalb der nächsten drei Jahre mit der Einstellung von A- und B-Klasse hohe Volumina wegfallen?
Sollte es zu einer solchen Entscheidung kommen, wäre in erster Linie die Aufbauwelt betroffen. Für mich als Aggregate-Lieferant ist es zunächst mal zweitrangig, wo diese eingebaut werden. Wenn aber mit der Variantenreduzierung eine Stückzahlreduzierung einherginge, dann würden wir es ebenso spüren. Davon gehe ich aber nicht aus. Denn die Ansage des Vorstands ist es nicht, auf einen Schlag weniger Produktion zu haben, sondern mit der Luxusstrategie auch weiterhin wachsen zu wollen.
Es ist das Prinzip Hoffnung, dass Mercedes vor allem die Autos mit den höheren Gewinnmargen verkaufen kann?
Es ist stets eine Wette am Markt, ob die Strategie aufgeht. Die Halbleiterdiskussion hat uns gezeigt, dass die entsprechende Nachfrage da ist. Man kann die Strategie kritisch sehen – aber Ola Källenius und seine Mannschaft gehen davon aus, dass die Luxusstrategie dies leisten kann. Für mich als Arbeitnehmervertreter liegt der Fokus darauf, dafür zu sorgen, dass die Zusagen zur Beschäftigungssicherheit eingehalten werden.
Wie groß ist die Sorge der Beschäftigten um den Verlust ihrer Jahreswagen?
Bis dato nehme ich die Sorge nicht wahr. Andersherum müsste sich das Unternehmen Sorgen machen, wenn die Beschäftigten nicht mehr bereit wären, einen Jahreswagen zu beziehen. So erwarte ich, dass das Unternehmen auch künftig die Attraktivität der Jahreswagenangebote sicherstellt.
Sie wollen den E-Motor für künftige Autogenerationen, also das komplette Spektrum der E-Mobilität, nach Untertürkheim holen. Mit welchen Chancen?
Wir sind da in positive Gespräche vertieft, und ich gehe davon aus, dass wir noch in diesem Jahr für Untertürkheim den nächsten Schritt machen werden, um eine klarere Perspektive zu schaffen. Ich bin da zuversichtlich, dass wir was hinkriegen. Meine Wahrnehmung ist: Das Unternehmen ist sich bewusst, dass es infolge der Gesamtbetriebsvereinbarung zur Zukunftssicherung nach Produkten suchen muss, um die Beschäftigung zu sichern. Die nächste E-Motoren-Generation muss nach Untertürkheim kommen. Bis zu deren Start sind wir hier mit Verbrennerkomponenten gut ausgelastet. Da möchte ich nicht früher als nötig raus. Wenn diese Teile sukzessive weniger werden, muss es Alternativen geben. Es wäre fatal, wenn das Unternehmen auf externe Anbieter setzt und wir hier Beschäftigungsprobleme kommen. Davon gehe ich aber nicht aus.
Müssen Sie Kompromisse machen?
Die Beschäftigten haben sich auf die Transformation eingelassen – das ist unser Zugeständnis. Luxus heißt für mich auch, nachhaltige Arbeitsplätze und eine Produktion unter sauberen Rahmenbedingungen zu bieten. Deswegen geht für mich kein Weg für den Elektromotor an Untertürkheim vorbei.
Teile der Bundesregierung wollen die E-Auto-Förderung kürzen. Plug-in-Hybride werden wohl nicht weiter gefördert – mit welchen Folgen für Mercedes?
Das könnte bei der Bereitschaft der Kunden, einen Plug-in-Hybrid zu wählen, für einen Abbruch sorgen – was ich sehr schade fände. Ein Hybrid hat die höchste Form an Beschäftigung, weil er ein Verbrenneraggregat mit Elektrotechnologie vereint. Ich bin ein absoluter Fan vom Hybrid als ideales Übergangsprodukt in die Elektromobilität. Das zerstört man unter Umständen und setzt auf einen Schlag auch die Beschäftigung unter Druck. Ich habe die Sorge, dass wir den Hebel zu schnell umlegen: Die Industrie kann die Fahrzeuge liefern, doch die Infrastruktur bei den Ladesäulen kann nicht Schritt halten. Was haben wir dann gekonnt? Nichts.
Arbeitnehmervertreter und Co-Manager
Karriere
Michael Häberle ist seit 2019 Betriebsratsvorsitzender am Standort Untertürkheim und seit dem vorigen April auch stellvertretender Gesamtbetriebsratschef bei Mercedes. Somit sitzt er auch im Aufsichtsrat.
Cannstatter
Häberle wurde 1969 in Bad Cannstatt geboren und absolvierte 1986 eine Ausbildung zum Mechaniker in Untertürkheim. In der IG Metall hat sein Wort als Angehöriger der Tarifkommission großes Gewicht.