Mercedes, Porsche und Co. Wie Chinas Zolldrohung die deutschen Autobauer unter Druck bringt
Deutschlands Autobranche zittert vor einer Eskalation im Handelsstreit mit China. An der Börse zeigt sich, wie groß die Nervosität ist.
Deutschlands Autobranche zittert vor einer Eskalation im Handelsstreit mit China. An der Börse zeigt sich, wie groß die Nervosität ist.
Alarmstufe Rot in der deutschen Autoindustrie: Der Handelskonflikt um Elektrofahrzeuge aus China schaukelt sich gefährlich hoch. Bislang handelt es sich noch um Säbelrasseln, die Europäische Union (EU) hat noch nicht entschieden, ob sie Strafzölle wegen marktverzerrender Staatshilfen verhängt. Doch China droht bereits mit Vergeltung. Die Aktien von Premiumherstellern wie Mercedes-Benz, Porsche und BMW, die bei einem Handelskrieg zwischen die Fronten gerieten, reagieren empfindlich.
Die Drohung war unmissverständlich: Am Dienstag warnte die chinesische Handelskammer in Brüssel, dass Peking den Zoll auf großmotorige Importwagen auf 25 Prozent erhöhen könnte. Damit nimmt der Handelsstreit Fahrt auf. Die US-Regierung von Präsident Joe Biden hatte E-Autos aus China jüngst mit drastisch erhöhten Handelsschranken quasi vom heimischen Markt verbannt. Nun ist die EU am Zug, die derzeit ebenfalls Strafzölle wegen des Vorwurfs unfairer Subventionen prüft.
Wie nervös das Thema Investoren macht, zeigt sich an der Börse. Die Aktien der deutschen Hersteller, die stark auf China angewiesen sind, gerieten in den vergangenen Tagen deutlich unter Druck. Für Mercedes, Porsche oder BMW ist die Zolldrohung ein akutes Geschäftsrisiko. Seit Wochen und Monaten warnen Topmanager der Autobranche vor einer Eskalation des Streits. „Wir müssten das größte Interesse daran haben, Handelshemmnisse zu beseitigen und sollten nicht den Protektionismus fördern“, appellierte Mercedes-Chef Ola Källenius jüngst in Richtung Brüssel.
Die Zollängste sind gut nachvollziehbar: Fast jeder dritte Pkw des Stuttgarter Konzerns wurde 2023 in China verkauft. „Mercedes, Porsche, BMW, Volkswagen und Audi sind ohne den chinesischen Automarkt kaum mehr vorstellbar“, erklärt Experte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research in Bochum gegenüber unserer Zeitung. Da etwa die Mercedes S-Klasse, ebenso wie alle Porsche-Modelle, sowie große Fahrzeuge von BMW und Audi für den Verkauf in China – den wichtigsten Luxusmarkt der Welt – in Deutschland produziert würden, stünden hierzulande viele Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Dudenhöffer warnt eindringlich vor einer Zuspitzung des Handelskonflikts und fordert von der deutschen Politik, in Brüssel Druck zu machen, damit keine neuen EU-Zölle gegen China verhängt werden. „Strafzölle sind nicht nur falsch, sondern auch dumm“, meint der erfahrene Marktbeobachter. „Wir brauchen Zusammenarbeit und Ausgleich mit China und keinen Handelskrieg.“ Der Handel sei keine Einbahnstraße, so würden deutsche Hersteller in China gebaute E-Autos wie den neuen BMW-Mini oder den neuen Smart nach Europa exportieren. Mit neuen Zöllen schieße man sich „ins eigene Knie“.
Nachdem die US-Regierung den Handelskonflikt mit China wieder hat aufflammen lassen, steht Europa unter Entscheidungszwang. US-Präsident Joe Biden buhlt im Wahlkampf mit seinem Herausforderer und Vorgänger Donald Trump um Stimmen aus der Arbeiterklasse – Protektionismus und Härte gegenüber China kommen hier gut an. Die US-Finanzministerin Janet Yellen machte bei einem Besuch in Frankfurt diese Woche deutlich, dass Amerika darauf setzt, dass die EU im Handelsstreit mit China mitzieht. Doch für die Europäer, besonders für Deutschland, birgt dies hohe Risiken.
Denn während die jüngsten Maßnahmen für die USA selbst weitgehend symbolisch sind, steht für die exportlastige deutsche Industrie viel auf dem Spiel. In die Vereinigten Staaten exportiert China bislang ohnehin kaum E-Autos. „Die Auswirkungen der neuen Zollsätze auf die US-Wirtschaft werden minimal sein“, heißt es in einer Analyse von LBBW-Ökonom Matthias Krieger. „Weder wird sich durch eine Verdrängung chinesischer Importe die US-Produktion signifikant erhöhen lassen, noch werden die Zölle die US-Inflation anheizen.“ Bidens Vorstoß scheint also vor allem Getöse im Wahlkampf.
Folgt die EU der US-Zolloffensive, könnte Chinas Vergeltung Schlüsselindustrien Deutschlands – der größten Volkswirtschaft im Euroraum – empfindlich treffen. Zudem sei der Kontinent bei der Gestaltung des ökologischen Wandels und der Energiewende selbst auf Einfuhren aus der Volksrepublik angewiesen, warnt Autofachmann Dudenhöffer. „Kostengünstige Batterien kommen aus China.“ Durch Zölle künstlich erhöhte Preise blockierten den Ladenetzaufbau und den Aufbau europäischer Zellfabriken. „Ein Teufelskreis nach unten – so etwas zerstört die Struktur und damit Zukunft unserer Industrie.“
Die Gefahr, dass eine Flut an billigen Chinaprodukten von den USA nach Europa herüberschwappt, wenn die EU ihre Handelsbarrieren nicht ebenfalls erhöht, hält LBBW-Volkswirt Krieger für übertrieben. Das Volumen der US-Zollerhöhungen sei moderat, gravierende Auswirkungen durch eine Umleitung chinesischer Güter seien nicht zu erwarten. „Die größte Gefahr besteht darin, dass nun ein Hochschaukeln protektionistischer Maßnahmen einsetzen könnte, mit der Eskalation in Richtung eines Handelskriegs.“
Das größte Freihandelsrisiko dürfte aber so oder so in einer Wiederwahl Trumps bestehen. Dessen Zollpläne sind wesentlich radikaler als Bidens, zudem nehmen sie mit Mexiko einen weiteren wichtigen Standort deutscher Autobauer ins Visier.