Merkel und Schulz im TV-Duell Wer hat es besser gesagt?

Von Norbert Wallet 

Es heißt nicht umsonst: Der Ton macht die Musik. Wie haben Schulz und Merkel die Sprache eingesetzt, wie war die Rhetorik? Wer hat beim TV-Duell besser geredet?

Angela Merkel und Martin Schulz stellten sich den Fragen von vier Moderatoren. Foto: dpa
Angela Merkel und Martin Schulz stellten sich den Fragen von vier Moderatoren. Foto: dpa

Berlin - Tja, das war’s. Aber was war es eigentlich genau? Kein Duell jedenfalls, keine Schlagabtausch, noch nicht einmal ein richtiges Streitgespräch. Zu sehr waren die beiden Kandidaten damit beschäftigt, das Stakkato der Moderatoren-Fragen abzuarbeiten. Dennoch gab es bemerkenswerte Unterschiede im Auftritt von Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Martin Schulz (SPD). Wer inhaltlich die besseren Argumente hatte, muss jeder Zuschauer für sich entscheiden. Aber interessant ist ja nicht nur das „Was“, sondern auch das „Wie“. Argumente brauchen Worte. Wie also haben die beiden Profis geredet, wie haben sie die Sprache eingesetzt, wie war die Rhetorik?

Am besten fängt man da mit dem Ende an. Die einminütigen Abschluss-Statements sind das einzige Stück Text, das sich die beiden Kontrahenten schon im Vorfeld zurechtlegen konnten. Da wird bestimmt nichts dem Zufall überlassen. Was da ganz besonders auffiel: Beide Bewerber wählten ganz andere Perspektiven. „In 60 Sekunden, meine Damen und Herren, verdient eine Krankenschwester weniger als 40 Cent, und ein Manager in einem Großunternehmen mehr als 30 Euro.“ So begann Martin Schulz sein Schlusswort. Eine Zuspitzung auf zwei Personen. Die Krankenschwester – das ist der Bezug auf eine bekannte Alltagssituation. Von der aus wird der Gedanke entwickelt.

Zwei Kandidaten, zwei Methoden

Ganz anders die Kanzlerin: „Wir haben aus meiner Sicht nicht ausführlich darüber gesprochen, was eigentlich zur Entscheidung steht in den nächsten vier Jahren“, fängt sie an. Man müsse jetzt die Weichen für die Zukunft stellen. „Durch den digitalen Fortschritt wird sich vieles ändern.“ Das erklärt sie näher: „Arbeitsplätze, die heute sicher erscheinen, müssen weiter sicher gemacht werden. Die Bildung muss umgestellt werden. Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger mit Blick auf den Staat mit neuen Möglichkeiten des digitalen Zugangs zu ihrem Staat ausrüsten.“ Aufriss des Problems, dann das Aufteilen in die Arbeitsfelder. Von oben nach unten. Erst der Obersatz, dann die Ableitung. Bei Schulz ist das genau andersherum, von unten nach oben.

Das ist ein roter Faden der gesamten Diskussion. Wenn Schulz über den Diesel-Skandal spricht, erzählt er eine Geschichte. Vor ein paar Tage habe er Handwerker im Haus gehabt. „Die sind alle gekommen mit kleinen Lieferwagen oder Vans, alle Diesel. Die hatten alle zwei Fragen: Muss ich die Umrüstung selbst bezahlen, und gibt es in Aachen ein Fahrverbot, so dass ich meinen Job nicht mehr machen kann.“ Merkel nähert sich dem Thema theoretisch: „Wir sorgen dafür, dass im Rahmen des Rechtlichen die Autoindustrie die Verbraucher entschädigt. Deshalb gibt es ja auch die kostenlosen Software-Umrüstungen. Und die Auto-Unternehmen sind verpflichtet, das was sie als Autotypen zugelassen haben auch auf die Straße zu bringen.“ Die eine Methode ist vielleicht nicht besser oder schlechter als die andere – aber sie sind eben grundverschieden.

Unterschiede in Nuancen

Man kann auch unterschiedlich sprechen, wenn man sich in der Sache eigentlich ziemlich einig ist. Die Themen Erdogan und Trump sind ein gutes Beispiel dafür. Weder Merkel noch Schulz finden die beiden Staatschef sympathisch. Der eine aber sagt das deutlicher, der andere diplomatischer. „Ich will Ihnen eines sagen“, wendet sich Schulz direkt an Merkel. „Ich bin entscheidend anderer Auffassung, was den Umgang mit Herrn Erdogan angeht“, sagt er. „Herr Erdogan versteht eine einzige Sprache, die der konsequenten Haltung.“ Die einzige Sprache die Ankara verstehe sei: „Jetzt ist Schluss.“ Merkel ist im Ton vorsichtiger. Schulz ist für Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen. Merkel sagt: „Dass die Beitrittsverhandlungen nicht erfolgreich weitergeführt werden können, darüber sind sich alle einig.“. Aber sie mahnt zur Vorsicht. „Leisetreterei ist das letzte was man braucht im Umgang mit jemanden wie Erdogan“, das schon. „Aber wenn man Staatsbürger frei bekommen will, dann muss man schon noch im Gespräch bleiben.“

Immerhin gibt es hier in Nuancen Unterschiede. In Sachen Trump ist man sich eigentlich völlig einig. Aber auch hier formuliert Schulz viel härter. „Ein Mann, der mit Tweets jede Niedertracht in die Welt setzt, dem bei der persönlichen Verunglimpfung seiner Gegner jedes Mittel recht ist, der ganze Bevölkerungsgruppen verleumdet, dem es nicht gelingt, sich vom Nazi-Mob zu distanzieren – dem muss ein deutscher Kanzler doch sagen: Ihre Politik wird niemals die Politik der Bundesrepublik Deutschland.“ Das meint Merkel wohl auch. Nur sagt sie es anders: Die Zusammenarbeit habe „auf der Basis gemeinsamer Werte stattzufinden. „Wir haben schwerwiegende Differenzen mit dem amerikanischen Präsidenten. Wir haben auf der anderen Seite Notwendigkeiten zur Kooperation. „Aber ob es Klima ist, ob es die Äußerungen nach Charlotteville sind, den schrecklichen rassistischen Attentaten – da stockt einem der Atem, und da müssen wir deutlich ansprechen, wo die Differenzen sind.“