Merlin Bühnenbild durch Stimme und Illustrationen

Von Ina Schäfer 

Drei Sprecher und der Comic-Autor und Zeichner Stefan Dinter bringen „Das große Umlegen“ auf die Bühne des Merlin. Im Rahmen der Stuttgarter Kriminächte inszeniert das Quartett Texte von Samuel Dashiell Hammett.

Clemens Nicol (links) und Götz Schneyder erzählen Kriminalgeschichten. Foto: Ina Schäfer
Clemens Nicol (links) und Götz Schneyder erzählen Kriminalgeschichten. Foto: Ina Schäfer

S-West - Auf der Bühne stehen Hocker. Zwei rechts, zwei links am Rand. Davor sind Notenständer platziert, im Hintergrund eine große weiße Leinwand ausgerollt. „Das große Umlegen“ steht darauf geschrieben. Nach und nach betritt das Ensemble, in weiß gekleidet, die Bühne, setzt sich auf die Hocker und schlägt die erste Seite ihrer mitgebrachten Hefte auf. Während der erste Sprecher mit seiner Rede beginnt, erscheint auf der Leinwand eine Hand, die beginnt, mit einem schwarzen Kugelschreiber zu zeichnen.

Beim Ensemble handelt es sich um „Sprech & Schwefel“, bestehend aus den Sprechern Urs Klebe, Clemens Nicol und Götz Schneyder. Die drei sind ausgebildete Sprecher, haben an der Musikhochschule in Stuttgart studiert und sind nun in der ganzen Republik unterwegs, haben darüber hinaus Lehraufträge an Hochschulen und Radiosendern. An diesem Freitagabend im Kulturzentrum Merlin werden die drei von der Sprecherin Caro Mendelski unterstützt. Die Hand auf der Leinwand gehört dem Comic-Autor und Zeichner aus dem Stuttgarter Westen Stefan Dinter. Er sorgt dafür, dass die Geschichten kein bloßes Kopfkino bleiben. Im Rahmen der Stuttgarter Kriminächte bringt die Gruppe an diesem Freitagabend im Merlin Samuel Dashiell Hammett auf die Bühne, Stefan Dinter illustriert die Szenen live. Er sitzt hinter den Publikumsreihen, seine Zeichnungen werden in Echtzeit auf die Leinwand projiziert. Für einen amerikanischen Autor haben sie sich deshalb entschieden, weil hinter dem Abend das Deutsch-Amerikanische Zentrum steht.

Ein Hardboiled-Abend

Das Deutsch-Amerikanische Zentrum kümmert sich mit Veranstaltungen wie dieser um die Förderung deutsch-amerikanischer Beziehungen. Kurz vor der Aufführung bedankt sich die Direktorin des Zentrums, Christiane Pyka, bei den Sprechern samt Zeichner. „Ich bin gespannt, was die Gruppe aus dem düsteren Urvater des amerikanischen Hardboiled-Krimis gemacht hat“, sagt sie und entschuldigt die fehlenden Blumensträuße: „Meine Kollegin, die dafür zuständig war, ist leider krank geworden – und freut sich am Wochenende über fünf Blumensträuße.“ Die erste Geschichte, die an diesem Abend inszeniert wird, handelt von einem Detektiv auf der Suche nach einem Zeugen. Er klopft an einer Tür an und wird von einem älteren Ehepaar hereingebeten.

Während die ruhige, gleichmäßige Stimme von Clemens Nicol die Geschichte erzählt, formt sich auf der Leinwand eine Szenerie. Zuerst aus der alten Dame, schließlich erscheint auch ihr Ehemann auf dem Blatt Papier, der dem Gast eine Zigarre anbietet. Nach und nach nimmt das Wohnzimmer der älteren Herrschaften Gestalt an, ein Sofa erscheint, Fenster im Hintergrund, ein Teppich auf dem Fußboden.

Ein tolles Schauspiel, bei dem Text und Bild perfekt aufeinander abgestimmt sind. Es ist trotz aller Spannung und Düsterkeit des Stoffs eine humorvolle Inszenierung, etwa wenn der eben noch so harmlos wirkende Alte plötzlich eine Waffe in die Hand gezeichnet bekommt. Oder sich von hinten eine streitende und zeternde Verbrecherbande nähert und durch ein Missverständnis den Detektiv beinahe tötet. Wechselt die Szene, wechselt Stefan Dinter das Blatt und beginnt von Neuem zu zeichnen.

Irrwitziges Spiel

Die nächste Geschichte heißt „Das Dingsbums Küken“. Die Sprecher sitzen nun nicht mehr nur auf ihren Hockern, sondern zeigen jetzt auch ihr schauspielerisches Können. Auf Bühnenbild und aufwendiges Kostüm wird dennoch verzichtet. Die unterschiedlichen Farben ihrer Stimmen und die Zeichnungen des Illustrators schaffen auch so eine lebendige Szene.

Götz Schneyder hat sich nach vorne auf die Mitte der Bühne gesetzt. Er spielt einen namenlosen Detektiv, der einen brutalen Räuber mit missgestalteten Ohren jagt. Während er von seiner Route durch San Francisco erzählt, ist auf der Leinwand hinter ihm ein Stadtplan zu sehen. Stefan Dinter zeichnet mit einem dicken roten Edding die Straßen nach, durch die er gefahren sein will. Die Geschichte entwickelt sich zu einem irrwitzigen Spiel. Der Detektiv stößt auf eine Frau, die ihn mit in ihr Appartement nimmt, auch dort entsteht die Umgebung erst durch Stefan Dinters Zeichnungen. Auch ihr blaues Hündchen, das auf ihren Schoß springt, genau so wie ihr schwarzes Haar, sind Projektionen. Mit einer dritten, besonders düsteren Geschichte namens „Das glühende Mädchen“ über eine Sekte, die in einem abgelegenen Haus ihr Unwesen treibt, schließt die Gruppe den Abend.

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