Seit 36 Jahren leben und arbeiten sie gemeinsam in Herz Jesu, 24 Stunden am Tag: Isolde und Hubertus Maier. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone
In fast 40 Jahren als Hausmeisterin und Mesner in der Herz-Jesu-Gemeinde Stuttgart haben Isolde und Hubertus Maier viel erlebt. Jetzt gehen sie in Rente. Wie ist das, nach so langer Zeit den Ort zu verlassen, an dem man gearbeitet und gelebt hat?
Auch die Doppelgarage teilen sie sich mit ihrem Pfarrer Laupheimer. Im linken Teil steht der schwarze Kleinwagen des Kirchenmannes. Im rechten tummeln sich all die Dinge, die Isolde und Hubertus Maier durch ihre Tage begleiten: Gartenschläuche, Dreizack, Schneeschaufeln, Trittleiter, Säge, Rasenmäher, Reisstrohbesen, Hämmer, Zangen, Eimer, Karabinerhaken und mindestens 15 Paar Arbeitshandschuhe. Rechts an der Wand wartet ihr Tandem auf die nächste Ausfahrt. Auch die Garage müssen die Maiers bis Oktober räumen. Dann werden sie ihr Zuhause verlassen. Ihr Zuhause, das ist die katholische Herz-Jesu- Gemeinde im Stuttgarter Osten.
Fast 40 Jahre waren Hubertus und Isolde Maier Mesner und Hausmeisterin hier. Fast ebenso lang sind sie verheiratet, sind ihre Töchter auf der Welt. In Herz Jesu haben sie ihr ganzes Familien- und Arbeitsleben verbracht. Von guten Mächten wunderbar geborgen. Und 24 Stunden am Tag gemeinsam.
Eine besondere Stille wie vor einem Sommergewitter
Wie ist das, wenn man so einen Ort verlässt und neu anfangen wird? Was bleibt zurück, was nimmt man mit ins nächste Leben?
Es ist einer der heißen Juli-Tage. Im Klingenbachpark versengen die Wiesen, darüber, auf einer Anhöhe, leuchtet unbeeindruckt das Gotteshaus aus Cannstatter Travertin wie von einem toskanischen Hügel. Drinnen ist es kühl und still. Diese besondere Stille in Kirchen, jener kurz vor einem Sommergewitter gleich, in der man jederzeit mit dem Einsatz des Orgel-Donners rechnet – und dann trotzdem zusammenfährt, wenn er kommt.
Hubertus Maier (65) erklärt der Besucherin gerade das Wand-Gemälde hinter dem Taufstein („Eigentlich zeigt es den Weg ins Pfingstfeuer, aber es sieht auch aus wie eine tanzende Frau mit Pudel“), seine Frau Isolde (63) klaubt währenddessen eine Fluse vom glatten Steinboden.
Zwei Tage dauert es, den Kirchenboden nass zu wischen
Das lang gezogene, schlichte Kirchenschiff im italienischen Stil ist so etwas wie das Wohnzimmer der beiden. Ein Ort, den sie pflegen und putzen, mit Kerzen und dem guten Mess-Geschirr für Gäste fein machen, an dem sie im Sommer Sonnenblumensträuße aufstellen und im Winter einen acht Meter hohen Christbaum schmücken. Ein Ort, an dem sie sich behaglich fühlen, aber in praktischen Dreiviertelhosen und Outdoorsandalen eher herumräumen als ruhen – so wie das eben ist bei den schaffigen Schwaben. Wenn Isolde Maier drei bis vier Mal im Jahr den Boden nass wischt – mit dem Mopp, eine Maschine kommt ihr nicht ins Haus –, dann dauert das zwei Acht-Stunden-Tage lang.
Vor 36 Jahren haben sie ihre Stelle angetreten, sind in die Vier-Zimmer-Wohnung im Gemeindehaus gezogen. Kennen gelernt haben sie sich im Studium der Agrarwissenschaften an der Uni Hohenheim. Isolde stammte von einem Bauernhof in Zuffenhausen, Hubertus von der Alb. Sie kamen sich beim Praktikum auf einem großen Betrieb bei Schwäbisch Gmünd näher. Fünf Praktikanten, 120 Milchkühe. Da funkte es. Als sie ihr Studium beenden, sind die Maiers schon verheiratet und haben zwei Töchter: Julia und Katharina. Dass der Hof ihrer Eltern zu klein ist, um die junge Familie zu ernähren, wissen sie. Heute verläuft an seiner Stelle in Zuffenhausen eine Schnellstraße. Aus dem langen Acker wurde ein Parkplatz für Porsche.
Gottesacker statt Futterwiesen
Eine Anstellung finden Agrarwissenschaftler im einsetzenden Höfesterben höchstens in der Futter- oder Pflanzenschutzmittelbranche. „Das wollten wir nicht“, sagt Hubertus Maier. Sie möchten zusammen arbeiten, wollen Familie und Beruf vereinbaren – auch wenn das damals noch kaum einer so nennt. Es geht ihnen um Nähe zueinander: „Die Kinder sollten sehen, was wir tun und uns immer erreichen können“, sagt Isolde Maier. So kommen sie darauf, Hausmeister zu werden. Im Katholischen Sonntagsblatt finden sie die Stelle in Herz Jesu: 150 Prozent, gedacht für ein Paar. Gottesacker statt Futterwiesen sozusagen.
Isolde und Hubertus Maier bereiten den Altar für die Messe vor. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone
Und so leben die Maiers Ende der 80er Jahren ein Familienmodell, das bis heute die Ausnahme ist. Gemeinsam kümmern sie sich um die Töchter. Die Kleine ist in der Trage, wenn sie im Gemeindesaal die Tische für den Seniorennachmittag aufstellen oder Isolde die Kegler in den Keller lässt. Wenn die Große mittags aus der Schule kommt, sind Pfarrhof und -garten ihr Spielplatz. Flexible Arbeitszeiten – was Firmen heute als besonders familienfreundlich verkaufen, ist für die Maiers seit vier Jahrzehnten Alltag.
Jeder hat seine Zuständigkeit: Hubertus ist der Mesner, bereitet die Gottesdienste vor. Isoldes Reich war früher vor allem die Kegelbahn. Zwei bis drei Gruppen spielten dort täglich: Kegelbrüder, Frauenbund, Senioren, für ein paar Euro pro Stunde. Das hat den Unterhalt finanziert.
„Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand“
Nicht nur an den Keglern, die weniger geworden sind, lesen die Maiers die Zeitläufte ab. Hubertus rechnet vor. „1987: Dienstagabendmesse mit 15 Besuchern; Frauenmesse am Mittwochvormittag mit 25 bis 30 Leuten; Donnerstag Morgenlob mit 8 bis 12 Menschen; zum Freitagabend-Gottesdienst kamen 30; Samstagabend 120; Sonntags dann die erste Messe um 8.15 Uhr mit 40 bis 60 Gläubigen; um 10 Uhr 250 zur Hauptmesse und abends noch mal 120. Heute: Am Freitagabend kommen 8 bis 12 Besucher, am Samstagabend 15 bis 20, sonntags um 10 dann 50 bis 60.“ Das war’s.
Die Maiers begleiten solche Veränderungen interessiert, aber nicht melancholisch. Sie strahlen eine fröhliche Gelassenheit aus, die sich vielleicht auch aus ihrem Glauben speist. Ihre Erzählungen werden immer wieder durch ein ehrliches Lachen unterbrochen. „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand“. Diesen Satz von Margot Käßmann, der Protestantin, würden sie sicher auch unterschreiben.
So haben die Maiers vieles gemeistert: Als sie vor 20 Jahren ein Baby im Kirchenschiff fanden zum Beispiel. Was für eine Aufregung das war! Die rumänischen Eltern hatten es in einer Tragetasche mit einem Zettel zurückgelassen, damit es in Deutschland die Augen-OP bekommt, die es brauchte. Nach einem Jahr meldeten sie sich, das Kind kehrte aus einer Pflegefamilie zu ihnen zurück.
Oder als das Gemeindehaus umgebaut wurde, um auch für mehr Kita-Kinder Platz zu schaffen. Die Maiers zogen ins Pfarrhaus in eine kleinere Wohnung. Eine erste Trennung von vielen Dingen stand an, eine Vorübung für das, was kommt, wenn sie bald in den Ruhestand gehen.
All die Kammern, Kellerräume und Herrgottswinkel, die sie gefüllt haben! Sie werden vieles ausmisten müssen, wenn sie im Herbst nach Ludwigsburg ziehen, in eine Wohnung, nur zwei Straßen von ihrer Tochter und den drei Enkeln entfernt. Sie wollten diesen klaren Schnitt, eine andere Stadt. „In Stuttgart wären wir weiterhin irgendwie die Hausmeister geblieben“, sagt Hubertus Maier.
Sie fahren Tandem
Auch dem Abschied vom Arbeitsleben, in den viele hineinstürzen wie in ein gähnendes Loch, sehen sie gelassen entgegen. Eine Kirchengemeinde, die für neue Schäflein dankbar ist, gibt es ja auch in Ludwigsburg. Ihre Tage gemeinsam zu verbringen schätzen sie, Krach gab es kaum. Getrennte Hobbys? Brauchen sie nicht. Wenn Isolde mit dem Kirchenchor in der Gründonnerstagskapelle singt, hört Hubertus zu. „Die gesungenen Psalmengebete sind besonders schön“, sagt er. Sicherlich steigen sie im Ruhestand auf ihr Tandem. Hubertus sitzt vorn, Isolde hinten. Wenn es gut läuft auf einem Tandem, fügen sich die Kräfte beider zu einer höheren Gesamtgeschwindigkeit zusammen.
Es ist 17 Uhr geworden in Herz Jesu. Die Vorbereitungen für die Dienstagabendmesse beginnen, die ein externer Pfarrer hält. Zwei Stunden lang wird die Hostie, die in einer Monstranz mit goldenem Strahlenkranz steckt, gefeiert. In der ersten Bankreihe betet eine junge Frau bereits den Rosenkranz, der einzige Ministrant wartet schon. Später werden es eine Handvoll Gläubige sein.
Wenn das Kirchenschiff das Wohnzimmer der Maiers ist, dann ist die Sakristei ihre Küche, wo die Handgriffe so selbstverständlich ineinander gehen, als kochten sie ein altes Familienrezept. Hubertus Maier trifft hier wohl jeden der 42 roten Lichtschalter für den Kirchenraum im Schlaf, greift blind das Messbuch von einem der durchhängenden Regalbretter. Isolde Maier weiß genau, an welchem Garderobenhaken die Holzkreuze für die Ministranten oder die Weihrauchschwenker hängen, mit welchem der zwei beigen Wandtelefone sie direkt beim Organisten anrufen könnte.
Weißwein macht weniger Flecken als Rotwein
Jetzt zünden sie vier weiße Kerzen auf dem Altar an, stellen den silbernen Kelch und das Hostiengefäß mit den geweihten Oblaten links daneben, zwei kleine Karaffen mit Wasser und dem Qualitätswein aus dem Supermarkt finden rechts ihren Platz. Warum Weißwein? „Weil der weniger Flecken macht.“ Hubertus schlägt das Buch mit den Gebeten und Texten auf. Heute ist Heiliger Ulrich. „Der Pfarrer bekommt eine grüne Stola“, sagt Hubertus Maier. „Nein, eine weiße“, korrigiert in sachte seine Frau.
Das Paar in seinem „Wohnzimmer“, der Herz Jesu Kirche. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone
Auch das Gemeindeoberhaupt kleidet der Mesner ein. Vier Pfarrer haben die Maiers erlebt. Mit allen sind sie gut ausgekommen, es war ein wertschätzendes Chef-Mitarbeiter-Verhältnis. Und jeder hat seine Eigenheiten. Der eine will das Messgewand so über den Kopf gestreift bekommen, dass die Haare nicht verstrubbeln. Der andere schätzt es, wenn der Mesner den Stoff hier und da noch zurechtzupft. Der eine hält gern noch einen Ratsch vor dem heiligen Amt, der andere braucht Stille, Einkehr.
In der Sakristei werden die Maiers wohl nichts ausmisten müssen. Sie werden diesen Ort an ihren Nachfolger übergeben. Er muss hier seine eigene Ordnung finden.
Ein bisschen wehmütig sind sie schon, das kann man spüren, auch wenn sie über Fragen dazu hinweglächeln. Herz Jesu war sie und sie waren Herz Jesu. Im Gemeindeblatt von Juli steht: „Die Gemeinde ohne Maiers ist wie ‚Romeo ohne Julia‘, wie ‚Kaffee ohne Dosenmilch‘!“ Beide Bilder zusammen, das profane und das leicht überhöhte, – das trifft es vielleicht am besten.