Politische Inhalte sollen auf Instagram und Threads in Zukunft weniger präsent sein – zumindest, wenn es nach Meta geht. Wir haben Stuttgarter Content Creator gefragt, was das für sie bedeutet und einen Experten um eine Einordnung gebeten.
Katharina Eisenbarth
25.03.2024 - 11:26 Uhr
Ob auf Internetseiten von Tageszeitungen, über Nachrichtenpodcasts, Apps oder Videos auf YouTube – Menschen informieren sich heute nicht mehr ausschließlich über „klassische Medien“ wie etwa Radio, Fernsehen oder Zeitung. Bei den unter 30-Jährigen gewinnen auch Sozialen Medien als Informationsplattform an Bedeutung.
Eine Studie der 14 Landesmedienanstalten in Deutschland aus dem Jahr 2023 etwa kommt zu dem Ergebnis, dass gut 30 Prozent der 14-29-Jährigen Instagram nutzten, um sich zu informieren – die Plattform liegt damit vor der Suchmaschine Google auf Platz 1. Heißt also: Instagram ist für viele eine wichtige Informationsquelle, um sich zum Beispiel über Politik und aktuelle Nachrichten zu informieren. Was also, wenn genau diese Plattform die Sichtbarkeit von politischen Inhalten einschränken will?
Anfang Februar kündigte der US-Internetkonzern Meta – zu dem neben Instagram auch der Kurznachrichtendienst Threads oder Facebook gehören – genau das an. Er schrieb in einem Blogpost, er wolle die Sichtbarkeit politischer Inhalte auf seinen Plattformen Instagram und Threads einschränken. Diese sollen Nutzern in Zukunft nicht mehr proaktiv vom Algorithmus vorgeschlagen werden – etwa auf der „Entdecken“-Seite oder als Empfehlungen im Feed.
Die Änderung beeinflusse nicht, wie Inhalte von Accounts, die als politisch eingestuft werden, an die Menschen ausgespielt würden, die den Content Creatorn bereits folgten, so der Konzern in seinem Blogpost weiter. Zwar könnten Nutzer in den Einstellungen angeben, dass sie weiterhin politische Inhalte in ihren Empfehlungen sehen wollen – das müsse man aber selbst aktiv ändern.
Kritik im Netz nach Meta-Ankündigung
Wenig überraschend bereitet diese Ankündigung vielen Content Creatorn, die im weitesten Sinne politische Inhalte veröffentlichen, Sorge. Schließlich könnte es sein, dass sie in Zukunft weniger und vor allem weniger neue Menschen erreichen.
So veröffentlichte etwa die österreichische Creatorin Madeleine Darya Alizadeh, auf Instagram bekannt als „dariadaria“, am 10. März ein Reel, also Instagram-Video, zu diesem Thema. In diesem kritisiert sie die Meta-Regelung und kündigt provokativ – und vermutlich nicht ganz ernst gemeint – an, zukünftig mehr Haut in ihren Beiträgen zu zeigen, da das dem Algorithmus gefalle und er ihre Inhalte anderen Nutzern dann wohl öfter anzeige.
Aber nicht nur Content Creator äußerten sich zum Thema – auch die Junge Union veröffentlichte auf ihrem Instagram-Account einen kritischen Beitrag:
Meta liefert nur schwammige Definition
Doch wer ist eigentlich von der geplanten Regelung betroffen? Was definiert Meta als politisch? Auf Anfrage unserer Redaktion schreibt der Konzern, dass sie Inhalte als politisch einstufen würden, die Themen behandeln, die etwas mit Regierungen oder Wahlen zu tun haben. Darunter würden beispielsweise Posts zu Gesetzen, Wahlen oder sozialen Themen fallen. Die Definition von Meta bleibt also eher vage. So könnte von der Änderung eine breite Mischung an Inhalten betroffen sein: Nachrichten, politische Meinungen, Öffentlichkeitsarbeit von Parteien, Aktivismus und vieles mehr.
Die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Nina Poppel aus Stuttgart betreibt auf ihrem Instagram-Profil „nini_erklaert_politik“ politische Aufklärung. Sie veröffentlicht jede Woche einen Wochenrückblick und produziert kurze Erklärvideos zu einzelnen aktuellen politischen Themen. Nina könnte in Zukunft ebenfalls von der Meta-Regelung betroffen sein.
Die 29-Jährige sieht das Vorgehen des US-Konzerns kritisch und bemängelt, wie viel Macht Internetkonzerne wie Meta hätten: „Plattformen nehmen da mittlerweile fast schon die Kompetenz eines Gesetzgebers ein“, sagt die Stuttgarterin, die ihre Masterarbeit über Plattformregulation geschrieben hat. „Sie bestimmen, was Aufmerksamkeit bekommt, und damit auch unseren gesellschaftlichen Diskurs.“
Der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger von der Universität Hohenheim merkt aber an: „Es ist überhaupt kein neues Phänomen, dass wir uns in die Abhängigkeit von technischen Dienstleistern begeben, deren Algorithmen darüber entscheiden, was für unsere Gesellschaft relevant ist.“
Politische Inhalte auf Social Media – ein schwieriges Thema
Wie sind Soziale Medien bisher mit ihrer Verantwortung und politischen Inhalten auf ihren Plattformen umgegangen? Maya Dempf veröffentlicht auf ihrem Instagram-Account „maya.dp“ Beiträge, die sich mit Feminismus und Fettfeindlichkeit befassen. Die 23-Jährige aus Stuttgart betont, dass es schon immer schwierig gewesen sei, mit politischen Inhalten auf Plattformen wie Instagram oder TikTok viele Menschen zu erreichen.
Politische Accounts würden oft Opfer von sogenannten Shadowbans (deutsch: Schattensperre). Davon spricht man, wenn Nutzer oder einzelne Beiträge von Accounts blockiert werden – und das nicht von anderen Nutzern, sondern von Plattformen wie etwa Instagram selbst. Betroffene Beiträge oder Konten sind dann beispielsweise nicht mehr über die Suchfunktion zu finden oder werden nicht mehr empfohlen.
Zehn Beiträge von Nina wurden eingeschränkt
Auch Content Creatorin Nina hat schon bemerkt, dass es politische Inhalte auf Social Media schwer haben. Die Stuttgarterin sagt – ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung – sie habe das Gefühl, dass auf TikTok bisher viel restriktiver eingegriffen werde als auf Instagram. Die Aufrufzahlen würden sich bei denselben Beiträgen so sehr unterscheiden, dass sie sich das nicht anders erklären könne.
Aber auch auf Instagram wurden ihre Beiträge schon eingeschränkt. Zehn Stück wurden bereits im Feed herabgestuft, sagt sie. „Das sind Beiträge, bei denen man das nie denken würde.“ Unter ihnen ist ein Video, in dem sie darüber berichtet, dass das Pestizid Glyphosat in der Europäischen Union weiterhin verwendet werden darf. Eingeschränkt wurde es, so Nina, wegen Nacktheit und sexueller Handlung – und das, obwohl sie im Video einen weißen Rollkragenpulli und eine Anzughose getragen habe.
Andere Beiträge wurden wegen Hassrede, Verkauf illegaler oder reglementierter Güter, Mobbing, Belästigung oder Anstiftung zur Gewalt eingeschränkt, s agt die Content Creatorin weiter . Die Einstufungen scheinen – angesichts der Inhalte, die Nina veröffentlicht – recht willkürlich und unangemessen. Sie wurden inzwischen alle wieder zurückgenommen, ohne, dass Nina dafür etwas tun musste.
Metas Strategie ist betriebswirtschaftliches Kalkül
Die Beispiele von Nina zeigen, wie schlecht die Einstufung der Inhalte tatsächlich funktioniert. Die Algorithmen und KI-Tools, die Meta dazu einsetze, könnten vor allem nicht gut unterscheiden, ob ein politischer Inhalt eine aufklärerisch-informierende oder eine desinformierende Absicht habe, sagt Kommunikationswissenschaftler Schweiger.
Das mache es für Plattformen attraktiv, politische Inhalte allgemein zu reduzieren. Angesichts der Vorwürfe der letzten Jahren, nicht genug gegen Desinformation zu unternehmen, scheint Metas Vorgehen verständlich.
Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger Foto: Uni Hohenheim/Carmen Moosmann
Metas Strategie sei also betriebswirtschaftliches Kalkül, sagt Schweiger. Nun komme es darauf an, wie die Nutzer darauf reagieren. „Wenn Plattformen feststellen, so wahnsinnig viel Politiknachfrage ist da gar nicht, dann können sie das drastisch reduzieren und das werden sie früher oder später auch machen“, so der Kommunikationswissenschaftler.
Content Creatorin Nina findet, dass sich Meta damit zu leicht aus der Verantwortung zieht: „Ich sehe das Problem, aber ich finde die Plattform macht es sich damit zu leicht, weil unser gesellschaftlicher Diskurs dort stattfindet.“ Plattformen, die so viel Geld verdienen, könnten es sich nicht so einfach machen und müssten stattdessen mehr Contentmoderatoren einstellen, sagt sie.
Sind politische Inhalte überhaupt gefragt?
Doch wie hoch ist die Nachfrage nach politischen Inhalten auf Instagram tatsächlich? Meta schreibt auf Anfrage, dass die Nutzer weniger politische Inhalte sehen wollen. Ninas Erfahrungen zeichnen da ein anderes Bild: „Ich weiß nicht, wie viele mir am Tag schreiben: Danke, dass du das machst.“ Auch von politischen Institutionen werde ihr Wertschätzung entgegengebracht, sagt sie.
Nina hat den Eindruck, dass viele Menschen bei dem aktuellen Überangebot an Informationsquellen Inhalte lieber persönlich von einem Menschen erklärt bekommen. Es sei dann kein Frontalvortrag, sondern einfach lockerer. „Ich bin eine Vertrauensperson und die Leute wollen das von mir hören“, sagt sie. Die persönliche Vermittlung auf Social Media sei Fluch und Segen – je nachdem wie ernst Creator ihre Verantwortung nähmen.
Instagram als politikfreier Raum?
Wie hoch die Nutzung politischer Inhalte im Vergleich zu privaten oder unterhaltenden tatsächlich sei, wüsste niemand, so Schweiger. Insofern komme es nun darauf an, wie die Nutzer auf die Regelung von Meta reagieren. Für die Plattformen wäre es durchaus eine denkenswerte Option, in Zukunft unpolitischer zu sein, sagt er. Es werde sich durch die Regelung nichts von heute auf morgen ändern. „Es wird aber bedeuten, dass sich politische Kommunikation und Nachrichten vielleicht auch wieder Alternativen zu Sozialen Plattformen suchen müssen“, so Schweiger.
Dass junge Menschen dadurch weniger politsche Inhalte erreichen, fürchtet Schweiger nicht. „Wenn sich junge Menschen für Politik und Nachrichten interessieren, dann finden sie diese Inhalte halt woanders. Sie sind ja nicht doof.“ Man könne ihnen durchaus zumuten, mal wieder direkt in ein Nachrichtenportal zu schauen oder Influencer außerhalb der Sozialen Medien zu verfolgen, sagt er, zum Beispiel auf klassischen Webseiten.
Nina will sich treu bleiben
Und wie geht es nun für Nina weiter? Bisher läuft es wirklich gut für sie. Seit letztem Juli ist ihr Account von 15.000 auf 215.000 Abonnenten gewachsen. Sollte sich das in Zukunft ändern, dann wird sie das hinnehmen: „Ich muss meinen Content so machen, wie es mich glücklich macht. Ich mache das auch aus idealistischen Gründen“, sagt sie. „Und wenn es nicht mehr klappt, dann klappts nicht mehr. Aber ich werde dafür kämpfen, dass es klappt.“