Metallforschung Auf dem Weg zu neuen Welten

Von Wolfgang Borgmann 

Das Max-Planck-Institut für Metallforschung feiert sein 90-Jahr-Jubiläum. Es hat nun eine neue Zielrichtung: intelligente Systeme.

Im Max-Planck-Institut werden Anti-Haft-Mechanismen aus der Tier- und Pflanzenwelt untersucht.  Foto: dpa
Im Max-Planck-Institut werden Anti-Haft-Mechanismen aus der Tier- und Pflanzenwelt untersucht. Foto: dpa

Stuttgart - Neunzig Jahre sind für ein wissenschaftliches Institut kein ungewöhnliches, aber ein stolzes Alter. Das Max-Planck-Institut für Metallforschung, 1921 als Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin gegründet und seit 1934 in Stuttgart angesiedelt, hat glänzende Erfolge und stürmische Zeiten erlebt. Letzteres gilt auch für die vergangenen zehn Jahre. Wie ein Phönix aus der Asche ist aus dem alten Institut der Metallforscher jetzt unter neuem Namen eine neuartige Einrichtung entstanden, die sich nun Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme nennt und klar auf Zukunft setzt.

Das hat nicht jedem gefallen. Dass sich in dem markanten, weithin sichtbaren Neubau in Büsnau am Rande Stuttgarts heftige Auseinandersetzungen um die zukünftige Ausrichtung abgespielt haben müssen, ist auch daran zu erkennen, dass in den vergangenen Jahren ein kommissarischer Leiter eingesetzt war. Er heißt Joachim Spatz, ist heute 41 Jahre alt und bildet mit dem jetzigen geschäftsführenden Direktor, dem 43-jährigen Bernhard Schölkopf, eine Art wissenschaftliche Doppelspitze. Der leidenschaftliche, mehrfach ausgezeichnete Forscher Spatz konnte nach seiner schwierigen Aufbauarbeit in Stuttgart trotz reizvoller Angebote gehalten werden. Neue Namen sind hinzugekommen oder werden noch gesucht, einige alte sind geblieben. Für einen Neubau in Tübingen hatte im Februar die damalige schwarz-gelbe Landesregierung 41 Millionen Euro zugesagt.

Die Industrie beobachtet die Neuausrichtung des Instituts

Das inhaltlich renovierte Institut mit dem zukunftsweisenden Namen soll zwei Standorte haben, den alten in Stuttgart und einen zweiten in Tübingen. Dieses Ergebnis wurde nach langen Geburtswehen und internen Diskussionen im Februar dieses Jahres von dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, persönlich bekanntgegeben. Er dürfte in den letzten Jahren ein wachsames Auge auf die Stuttgarter Entwicklungen gehabt haben. Immerhin war der kommissarische Leiter Spatz unter seiner Ägide eingesetzt worden, weil über die zukünftige Ausrichtung intern offenbar keine Einigung erzielt werden konnte.

Mit Interesse und teils mit Befremden sind die lang anhaltenden Bemühungen um eine Neuausrichtung des international renommierten Stuttgarter Instituts verfolgt worden. Einer Industrieregion mit so starken Firmen wie Bosch, Daimler oder Mahle kann es nicht gleichgültig sein, welche Richtung ein öffentlich finanziertes Institut einschlägt, das die Metallforschung in seinem Namen trug.


So erfolgreiche und angesehene Forscher wie der langjährige Max-Planck-Direktor und Keramikexperte Fritz Aldinger oder der Materialforscher Manfred Rühle haben den Ruf des Instituts über Jahre weltweit gemehrt. Dass beide nach ihrer Verabschiedung wieder einspringen mussten, um als kommissarische Direktoren Lücken zu füllen, zeigt, wie schwierig die Lage geworden war. Hoffnungsvolle Forscher wie der Leibniz-Preisträger Eduard Arzt waren gegangen, Nachfolger hatten im letzten Moment abgesagt, und in der wissenschaftlichen Branche war die Kunde von den Querelen in Stuttgart bald verbreitet. Das kann keinem Max-Planck-Präsidenten gefallen, der gegenüber Staat und Steuerzahler Rechenschaft ablegen muss.

Da einige Max-Planck-Direktoren in Personalunion zugleich an der Universität Stuttgart lehren, waren auch die Interessen vieler Studenten betroffen. Das wiederum musste den Unirektor auf den Plan rufen. Als 2009 auch noch der international bekannte Festkörperforscher Helmut Dosch das Institut verließ, weil er von der Hamburger Großforschungseinrichtung Desy abgeworben worden war, ließen sich die Lücken kaum noch übersehen. Dosch hatte in seinen Jahren als geschäftsführender Direktor am Stuttgarter Max-Planck-Institut noch versucht, die widerstreitenden Interessen mit diplomatischem Geschick auszugleichen.

Die Füße des Geckos als Vorbild

Die Materialforschung nicht zu vernachlässigen und gleichzeitig neue Forschungsgebiete in den bestehenden Strukturen aufzuspüren, das war über Jahre hinweg ein mehr als schwieriges Unterfangen, zumal Max-Planck-Direktoren weitgehend unabhängig sind. Der vor zehn Jahren aus Ulm geholte Forscher Spatz wies als Repräsentant einer neuen Forschergeneration vielversprechende Wege an den Grenzflächen zwischen Biologie und anderen Bereichen. Die Füße des Geckos als Haftwunder lieferte Fachleuten und Laien ein einprägsames Beispiel aus der Natur für den Versuch, biologische Mechanismen auf die Materialforschung zu übertragen.

Was sich da an Stuttgarts Grenzen abgespielt hat, ist im Prinzip in der Struktur der Max-Planck-Institute angelegt. Sie werden um glänzende Wissenschaftler mit attraktiven Forschungsgebieten herum gebildet. Dabei überlebt sich im Laufe der Jahre unvermeidlich so manches, und nicht überall können Spitzenleistungen wie am Fließband produziert werden, zumal zur Grundlagenforschung wesenhaft auch das Risiko des Scheiterns gehört.

Dabei kann wegen der starken Stellung der Direktoren ein Institut nicht auf Knopfdruck umgeschaltet werden. Vielmehr muss es im manchmal mühsamen Dialog zwischen Max-Planck-Spitze und dem Kollegialgremium der Direktoren Schritt für Schritt umgebildet werden. Dieser Widerspruch zwischen Beharrung und Anpassung, zwischen Kontinuität und Wandel, zwischen Abschied und Neuanfang ist jetzt am Beispiel des umbenannten Stuttgarter Max-Planck-Instituts für Metallforschung besonders deutlich sichtbar geworden.


Geschichte Ohne Brüche ist die Geschichte des Jubiläumsinstitutes nicht verlaufen. 1921 in Berlin-Babelsberg als Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallforschung gegründet, musste es wegen der Rezession in den Nachkriegsjahren seine Tore zunächst schließen und wurde 1934, also schon zu Nazizeiten, mit Hilfe von Stadt, Land und der verarbeitenden Industrie in Württemberg nach Stuttgart geholt. Als Max-Planck-Institut für Metallforschung entstand es nach dem Zweiten Weltkrieg wieder neu, zunächst in der Stadt, später Seite an Seite mit dem Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Büsnau.

Forschung Mit den Zeiten wechselten auch die Themen. Zunächst waren es Schwerpunkte im Zusammenhang mit der Erforschung von Nichteisenmetallen, dann keramische Materialien, schließlich kamen Grenzgebiete zwischen Physik, Chemie und Lebenswissenschaften hinzu, dazu gehören auch Nano-Bio-Systeme. "Die historisch bedingte Metallforschung greift heute bei Weitem zu kurz", heißt es in einer Mitteilung des Instituts.

Neuausrichtung Computerwissenschaften und Biologie gehören zu den neuen Schwerpunkten, dazu, wie es heißt, "innovative Aspekte der bereits am Institut etablierten Materialforschung". Am alten Standort Stuttgart und an einem neuen noch zu bauenden in Tübingen soll es jeweils vier Forschungsabteilungen geben. Das neue Institut besitze in der Kombination von Soft- und Hardware in drei Teilgebieten der Intelligenten Systeme - Wahrnehmen, Lernen, Handeln - ein, wie es heißt, "weltweites Alleinstellungsmerkmal".

Personen Geschäftsführender Direktor ist Bernhard Schölkopf, der bis vor Kurzem Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik war. Als sein Stellvertreter wurde der bisherige kommissarische Leiter des Max-Planck-Instituts für Metallforschung, Joachim Spatz, benannt. Der Mathematiker, Physiker, Philosoph und Träger des diesjährigen, mit 750.000 Euro dotierten Max-Planck-Forschungspreises, Bernhard Schölkopf, beschäftigt sich mit der Frage, wie Maschinen lernen. Joachim Spatz setzt sich mit der Frage auseinander, wie man lebende Zellen zur Herstellung neuer Materialien verwenden kann. Der Dritte im Bunde, der 48-jährige US-Amerikaner Michael Black, forscht als Informatiker an den Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer.