Methodos in Freiburg Die Prüfung schaffen sie alleine

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Seit fünf Jahren gibt es in Freiburg Methodos – eine selbst organisierte Vorbereitung auf das Abitur. Eine Absolventin hat darüber jetzt ein Buch geschrieben.

Die allgemeine staatliche Prüfung steht am Ende der privaten Vorbereitung. Foto: dpa
Die allgemeine staatliche Prüfung steht am Ende der privaten Vorbereitung. Foto: dpa

Freiburg - Dann macht’s doch selber“, rief ein Lehrer sinngemäß in die Gruppe nörgelnder Schüler, die sich wieder einmal über die Lehrer im Allgemeinen und die schlechte Abiturvorbereitung im Besonderen beklagten. Und so kam es: Im Herbst 2007 begannen zehn Schülerinnen und Schüler in Freiburg damit, sich ohne den Rahmen einer Schule und nur mit Lehrern, die sie sich selbst aussuchten, ein Jahr lang auf die externe Abiturprüfung vorzubereiten, die Schule hatten sie verlassen. Das Aufbegehren von jungen Erwachsenen gegen Strukturen, die ihnen nicht gefielen, begann ausgerechnet in einer Waldorfschule, von der man vermutet, dass sie repressionsfrei ist und zur Eigenverantwortlichkeit erzieht.

Die „Schülerrebellen“ machten bundesweit die Runde, und Laien wie Experten stritten sich. Als „unnötigen Irrweg“ tat der Philologenverband das selbst organisierte Abi-Experiment ab, als „präzendenzlos“ das Kultusministerium. Doch nach fünf Abijahrgängen gibt es in Freiburg nicht nur den seinerzeit gegründeten Verein mit dem Namen „Methodos“ und aktuell wieder sieben freischaffende Abiturienten. Selbst Rudolf Bosch, der neue Schulpräsident beim Regierungspräsidium Freiburg, zollt heute der Idee des selbstverantwortlichen Lernens Respekt. Außerdem gibt es Nachahmer im Kreis Emmendingen, im Umfeld der Freien Schule Elztal ist das Projekt „Abi-Plus“ installiert worden. Auch dort haben Schüler die Schule nach der 11. Klasse verlassen und bereiten sich selbstständig auf die externe Reifeprüfung vor. Das heißt: Sie haben keine „Einreichungsnote“, sondern vier Klausuren und acht mündliche Prüfungen.

Die „Rebellen“ stammten 2007 alle aus der Waldorfschule

Aber warum ein Ausstieg aus der Schule kurz vor dem Abitur? Und dann noch aus der Waldorfschule? Eine junge Frau, die vor drei Jahren auch betroffen war, erklärt es. „In der Mittelstufe war es noch in Ordnung“, sagt Alia Ciobanu (21), „In der Oberstufe läuft es auf einmal ganz anders.“ Da werden die Zügel angezogen, die Schüler in einer Art diszipliniert, wie sie es nicht gewohnt sind – wohl aus Sorge, dass die Privatschule mit allzu vielen Durchfallern auffällt. Eigentlich logisch, dass aus dem deutlichen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis der Waldorfpädagogik ein solcher Konflikt entstehen musste. Als in Freiburg 2007 noch zwei beliebte Lehrer entlassen wurden, war es dann so weit, und die Rebellen verließen das Reformschulhaus.

Drei Jahre später hatte auch Alia Ciobanu mit sechs anderen Oberstufenschülern den Weg der selbst organisierten Abivorbereitung gewählt. Sie bestand mit einem Notendurchschnitt von 1,7 und studiert jetzt Philosophie und Germanistik an der Uni Freiburg. Sie ist derzeit auf Vortragstournee und liest aus ihrem Buch „Revolution im Klassenzimmer“, das so etwas wie eine Bestandsaufnahme des Methodos-Prinzips ist. „Wenn Schüler ihre eigene Schule gründen“ – so lautet der Untertitel –, ist das freilich nicht immer spaßig.

Die Schüler zahlen ihren Lehrer höchstens 25 Euro die Stunde

„Das erste Jahr war höchst ineffektiv“, räumt Ciobanu ein. Jede Gruppe muss sich jedes Jahr neu finden, sonst wäre es halt nicht selbst organisiert. Lernen ohne Druck des Lehrers, aber unter dem Eindruck einer bevorstehenden Prüfung muss gelernt werden. In Räumen, die man anmietet, wofür Spenden bei Stiftungen und Sponsoren eingeworben werden müssen. Gebraucht werden durchaus auch Lehrer, solche, die sich die Gruppe selbst aussucht und bezahlt. Mehr als 25 Euro pro Unterrichtsstunde sind als Bezahlung nicht drin, wer diese Aufgabe übernimmt, tut dies meist aus Überzeugung.

Dieter Markert (68), früher Leiter des Technischen Gymnasiums in Emmendingen, ist von Anfang an dabei. Seitdem der Mathematiklehrer pensioniert ist, widmet er sich voll und ganz der Betreuung der Methodos-Abiturienten. „Wegen Mathe ist noch keiner durchgefallen“, betont Markert nicht ohne Genugtuung. Der erfahrene Pädagoge staunt immer wieder, wie die selbst organisierten Schüler „in kurzer Zeit den Oberstufenstoff in den Griff kriegen“. In der Haupt­sache mit Hilfe eines Skripts, an dem Markert ständig weiterfeilt. Ein Mal die Woche steht der Mathe-Senior für Fragen zur Verfügung und nimmt sich dann speziell derer an, die ihre „Hausaufgaben“ nicht gemacht haben. „Das ist immer eine Art Hilferuf, und dafür bin ich als Lehrer dann da“, sagt Markert.

Es gibt auch Frust, Streit und ein Abbrecher

Es sollte auch in der Regelschule so sein, doch da engen die Zwänge des Lehrplans ein freies und selbstständiges Lernen ein. „Noten geben zu müssen“, sieht Markert als Grundübel an. Die Art und Weise, wie bei Methodos Wissen selbst erarbeitet wird, ist für ihn Schule, wie er sie sich immer gewünscht hat. „Aber es ist nicht für alle ein Modell“, schränkt er ein. „Es ist etwas für Schüler, die bereit und in der Lage sind, selbstständig denken und handeln zu können.“ Zu glauben, Abivorbereitung ohne Schule sei „ein Lenz“, ist ein großer Irrtum. Es gab in den fünf Jahrgängen auch Frust, Streit und ein paar Abbrecher. Alia Cioabanu allerdings bereut nichts. „Freiwilligkeit beim Lernen macht einen Riesenspaß“, sagt sie und tüftelt bereits an der Idee einer „Freien Uni“.