Michael Feichtenbeiner trainiert die Fußballer von Myanmar Nationalcoach mit Touri-Visum

Feichtenbeiner im Stadion der Stuttgarter Kickers, seiner alten Wirkungsstätte Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eigentlich wollte Michael Feichtenbeiner Sportlehrer werden. Nun trainiert er die besten Fußballer von Myanmar. Ein Wanderer zwischen Asien und Stuttgart, der seine Spieler auch schon mal etwas vorsingen lässt.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Zu Beginn des Jahrtausends hatte Michael Feichtenbeiner die Stuttgarter Kickers in das Halbfinale des DFB-Pokals geführt, der Dorfclub TSF Ditzingen ist unter ihm einst in die dritthöchste Liga marschiert, beim Deutschen Fußball-Bund hat die U 17 auf sein Kommando gehört. Nun heißen seine Schützlinge Kyaw Min Oo oder Mg Mg Lwin. Feichtenbeiner trainiert die Nationalmannschaft von Myanmar. Platz 160 der aktuellen Fußball-Weltrangliste. Vor Neukaledonien, hinter Papua-Neuguinea. Es sei ein beruflicher Traum, der sich da erfüllt habe, sagt der Fußballlehrer. Nationaltrainer, das wollte er schon immer mal sein.

 

Bei seinem ersten Länderspiel im März hat Michael Feichtenbeiner dann erleben müssen, was eine Studie der Universität Jena wissenschaftlich belegt hat. Für viele Asiaten sehen nahezu alle Europäer gleich aus – und Europäern geht es mit den Asiaten nicht viel anders. Der Trainer hatte bisher nur per Videostudium Kontakt zu seinen Mannen gehabt, nun kamen seine Kicker in Fleisch und Blut angereist. Der Teil der Mannschaft, der in Thailand sein täglich Brot verdient, kam gar erst am Vorabend des Spiels.

Er sei dann schon froh gewesen, als endlich alle eine Rückennummer auf dem Trikot hatten, sagt Feichtenbeiner. Die Partie gegen Indien ging übrigens mit 0:1 verloren.

Heimat Möhringen

In Stuttgart-Möhringen sitzt Michael Feichtenbeiner vor einer Käsebrezel und einer Tasse Kaffee. Der Sommer hat eine kurze Pause eingelegt, es ist Zeit zum Luftholen. Ein vorwitziger Spatz landet auf dem Teller und pickt sich ein paar Krümel herunter. Heimaturlaub. Feichtenbeiner mag die große weite Welt – und ist zugleich ein heimatverbundener Mensch. Geboren und aufgewachsen in Gerlingen, mit zwölf nach Möhringen gezogen und täglich über die Felder nach Vaihingen zum Training marschiert. Hier, in Möhringen, hat er noch heute seine Wohnung, hier leben die jüngere Schwester mit Familie und die Eltern. Hier wird Binokel gespielt oder Canasta, wenn mal wieder ein Heimaturlaub ansteht. Zusammen mit seinem Vater sei er vor allem bei Canasta zu viert ein richtig gutes Team.

Er hätte ja eigentlich Gymnasialsportlehrer werden wollen, erzählt Feichtenbeiner, und wie er sich beim VfB Stuttgart als Jugendtrainer einst ein Zubrot verdiente. Gerhard Mayer-Vorfelder, der von 1975 an ein unglaubliches Vierteljahrhundert lang den VfB als Präsident leitete, habe ihn dann höchstpersönlich an die Sporthochschule geschickt, damit er dort den Trainerschein mache. Felix Magath und Bum-kun Cha waren im gleichen Lehrgang.

Mayer-Vorfelder war zeitlebens eine umstrittene Figur. Geliebt, gehasst, bewundert, beschimpft. Feichtenbeiners aktueller Präsident kann da mithalten. Zaw Zaw steht dem myanmarischen Fußballverband vor und ist Vizepräsident des asiatischen Verbandes. Er ist Geschäftsmann, dem ganz gute Verbindungen zum Militär nachgesagt werden. Und er ist gleichzeitig jemand, der mit seinem Geld viel Gutes tut. Ein Kinderkrankenhaus wurde von ihm gebaut und dann an den Staat übertragen. Seine Stiftungen helfen Tausenden von Herzkranken und kranken Kindern.

Auch eines der größten Hotels in Yangon, mit fünf Millionen Einwohnern die größte Stadt Myanmars, gehört dem Verbandspräsidenten. Hier wohnt Michael Feichtenbeiner – Frühstück inklusive. Ein Arbeitsvisum hat aber selbst der mächtige Funktionär noch nicht beschaffen können. Der Nationaltrainer von Myanmar reist jedes Mal mit einem Touristenvisum ein und muss dann nach 30 Tagen wieder das Land verlassen. „Das ist halt Asien“, sagt Feichtenbeiner und lacht. „Inzwischen kennen sie mich aber am Zoll.“

Seine ersten Kontakte mit dem asiatischen Kontinent hatte Michael Feichtenbeiner vor knapp 20 Jahren. Damals rettete er Selangor MPPJ vor dem Abstieg aus der höchsten malayischen Spielklasse. Am 9. Juli 2005 war das, seinem 45. Geburtstag. An das letzte Spiel erinnert sich der Trainer ebenso gut und gerne wie an die Feier danach. Auf dem Feld ist nach dem Spiel kein Bier verspritzt worden, sondern Wasser, und in die Hotelbar kamen nur die Legionäre aus Simbabwe, Argentinien, Brasilien und Bulgarien mit. Malayische Spieler sind Moslems, Bier ist da auch dann nicht angesagt, wenn man gerade dem Abstieg entronnen ist. Im buddhistischen Myanmar kennt man diese Zurückhaltung übrigens nicht. Dort seien Lebens- und Feierfreude wesentlich ausgeprägter. Pünktlichkeit hingegen nicht.

Feichtenbeiner als Erzieher

Zum Gesprächstermin erscheint der Coach ein paar Minuten vor der verabredeten Zeit, beim Training in Myanmar sei er in der Regel der Erste. Aber es sei dort schon besser geworden mit der Disziplin, sagt Feichtenbeiner – und gibt Einblick in die erzieherischen Maßnahmen gegenüber Profifußballern. Als effektiver denn Zahlungen in die Mannschaftskasse hätten sich Gesangsverpflichtungen gezeigt. Vor der gesamten Mannschaft ein Lied anzustimmen sei dem einen oder anderen so peinlich, dass er beim nächsten Mal pünktlich komme. Erprobt hat Feichtenbeiner dieses Konzept schon als Jugendtrainer beim DFB – da aber auch seinen Meister gefunden. Youssoufa Moukoko, in der vergangenen Saison einer der Superstars beim Vizemeister Borussia Dortmund, habe einst die deutsche Nationalhymne angestimmt – und das gesamte Team zum Mitsingen aufgefordert. In Myanmar ist diese Geschichte aber noch unbekannt.

Neulich hat seine Nationalmannschaft in Dalian gespielt, im Norden Chinas. 0:4 hat Myanmar gegen den großen Nachbarn verloren. Zehn Millionen Menschen in Myanmar haben das Spiel im Fernsehen gesehen, praktisch jeder fünfte Einwohner des Landes. In den sozialen Medien gab es gute Kritiken. Das ist wichtig, hat Feichtenbeiner gelernt. Das fußballverrückte Volk sei dort fleißig am Kommentieren, und die im Fußball Beschäftigten achten peinlich genau darauf, in welche Richtung die öffentliche Meinung denn so rollt. Dass es bei anderen Themen unter der Militärjunta nicht immer so leicht ist, seine Ansichten kundzutun – darüber möchte Michael Feichtenbeiner lieber nicht viel reden. „Fußball“, sagt er, „ist wie an so vielen anderen Orten auf der Welt ein Ausgleichsventil für die Menschen, bei allem Ärger, den es im Leben gibt.“

Und Myanmar ist fußballbegeistert. „Jeder Taxifahrer weiß hier, wer gerade der Zehnte der englischen Premier League ist – wenn auch nicht unbedingt, wer die Tabelle der eigenen Division anführt.“ Immerhin müsse er seine Mannschaft nicht nach ethnischer Zugehörigkeit aufstellen. Das sei im Vielvölkerstaat Myanmar kein Problem. Anders als in Malaysia, wo zwischen Spielern chinesischer oder indischer Abstammung und Ur-Malayen unterschieden werde.

Vor Kurzem hat Michael Feichtenbeiners Zahnarzt den Bohrer altershalber an den Nagel gehängt. Der Mann hat in Ditzingen praktiziert und war bei jedem Heimatbesuch feste Anlaufstation, fast schon wie die Familie. Als es dann im Kiefer mal geschmerzt hat, ist der Schwabe halt in Myanmar zum Arzt gegangen – und war begeistert. Freundlich, sauber, professionell sei es dort zugegangen.

Alle Erstliga-Spiele finden in Yangon statt

Was man von der dortigen Fußball-Liga nicht immer behaupten kann. Weil es in vielen Orten unruhig ist, finden alle Spiele der ersten Liga in Yangon statt. Bequem, wenn man die Mannschaften beobachten will. Suboptimal, wenn man im ganzen Land für Begeisterung sorgen möchte.

Man könne da schon noch vieles optimieren, sagt Michael Feichtenbeiner – und kommt ins Schwärmen, wenn er von dem Kurztrip seiner Mannschaft nach China erzählt. Super Betreuung, super Stadion, super auch die äußeren Gegebenheiten. Kein Wunder: China habe für seine Nationalmannschaft ein Budget von 220 Millionen Dollar im Jahr, sagt Feichtenbeiner. „Und ich weiß nicht, ob wir drei Millionen haben.“

Ob er denn lieber in China oder noch einmal in Deutschland arbeiten würde? Feichtenbeiner überlegt lange. Beides sei reizvoll, sagt er. Die Hauptsache sei jedoch, dass es um die Jugend gehe. Darum, Strukturen aufzubauen und zu fördern. In Myanmar ist der Nationaltrainer der Herren auch für mehrere Jugendmannschaften zuständig. Jung und Alt lernen von Michael Feichtenbeiner nicht nur die Feinheiten des Spiels mit und ohne Ball, sondern auch sonderbare Laute. „Ich bin kein Riesensprachtalent“, sagt er. „Wenn mir im Spiel was gegen die Hutschnur geht, schnauze ich schon mal auf Schwäbisch.“ Das zeitigt Wirkung – überall auf der Welt.

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