Michael Lutz wird in Waldenbuch verabschiedet Scheidender Bürgermeister: „Ich laufe vor nichts weg“

Lutz wählte als Gesprächsort das Museum Ritter, wo genau wie im Rathaus bald Neues einzieht. Foto: /Stefanie Schlecht

Michael Lutz war 24 Jahre lang Bürgermeister in Waldenbuch. Was hat ihn besonders herausgefordert?

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Michael Lutz ist in seinen letzten Tagen als Bürgermeister von Waldenbuch viel mit Abschiednehmen beschäftigt. Er hat Gottesdienste in allen vier Kirchen besucht, will nächste Woche noch in der Oskar-Schwenk-Schule vorbeischauen und nach Reichenbach-Mylau in Sachsen fahren, der Partnerstadt von Waldenbuch. Schwingt dabei Wehmut mit? Lutz schüttelt den Kopf. „Das Amt war immer auf Zeit. Gemeinderat und Stadtverwaltung haben viel geschafft, das erfüllt mich mit Zufriedenheit“, sagt der Bürgermeister, der nach 24 Jahren aus dem Amt scheidet. „Jetzt braucht es neue Impulse.“

 

Als Ort für das Gespräch hat Lutz das Café im Museum Ritter gewählt. Er findet das passend, weil dort zurzeit eine neue Ausstellung vorbereitet wird. „Es ist hier wie im Rathaus: Es gibt eine Veränderung“, sagt er. Außerdem stehe vor der Terrasse sein Lieblingskunstwerk „Die Quadratur des Kreises“ des Künstlers Timm Ulrichs. „Als Schwabe gefällt mir, dass es kostenlos zugänglich ist“, sagt Lutz und grinst. Vor allem aber möge er es, weil man auch in der Politik den Willen haben müsse, immer wieder das Unmögliche zu probieren und ab und zu die Perspektive zu verändern.

Im Jahr 2000, mit 30 Jahren, war Michael Lutz Bürgermeister von Waldenbuch geworden, zweimal ist er danach wiedergewählt worden. Ein viertes Mal ist er nicht angetreten. Er wolle etwas anderes machen, was, sei noch offen. Um Interessenskonflikte zu vermeiden, habe er noch keine Gespräche geführt. Er betont: „Ich laufe vor nichts weg. Ich möchte mit meinem Erfahrungsschatz etwas Neues einbringen.“ Er sei dankbar dafür, dass er die Möglichkeit hatte, Dinge zu gestalten und Menschen zu begeistern, „mit der Hilfe von vielen“. Er habe sein Amt stets mit viel Herzblut ausgeübt. Kürzlich habe ihn jemand gefragt, was sich in den 24 Jahren am meisten verändert habe. Er sei zu dem Schluss gekommen: „Ich bin es selber. Aus jedem Gespräch und jeder Begegnung habe ich etwas mitgenommen.“

Lutz am Wahlabend seiner ersten Wahl, am 30. Januar 2000. /Thomas Bischof

754 Gemeinderatssitzungen hat Lutz als Rathauschef geleitet, 7610 Tagesordnungspunkte diskutiert. Nur eine Eilentscheidung habe er treffen müssen – welche das war, weiß er nicht mehr. Für ihn ist entscheidend: „Das zeigt, wie gut die Verwaltung war.“ Berechenbarkeit und Verlässlichkeit gegenüber dem Gemeinderat und den Bürgerinnen und Bürgern sei ihm immer wichtig gewesen. Vielleicht habe er dabei nicht immer den richtigen Ton getroffen, räumt er ein, doch manchmal habe er sich selbst schützen müssen. Passend dazu fällt ihm ein, dass er bei einer seiner ersten Wahlkampfveranstaltungen an die Zuhörer kleine Kakteen verteilte. Er habe dieses Symbol gewählt, um seinen Charakter und seinen Willen zu vermitteln: „Der braucht nicht viel, ist aber widerstandsfähig und hat gegebenenfalls Stacheln, um sich in einer nicht ganz einfachen Umgebung zu behaupten.“

Was hat seine Amtsjahre besonders geprägt? Lutz nennt die Finanzkrise 2008, die beiden Hochwasserereignisse von 2001 und 2021 und den Brand in der Altstadt am vergangenen Samstag, seinem letzten Dienstwochenende. Auch die Coronajahre nennt er als Herausforderung, in denen die Kommunen „ohne Blaupause“ Rechtsverordnungen umsetzen und Impfzentren aus dem Boden stampfen mussten. Alles mit dem Ziel, die Bevölkerung bestmöglich zu beschützen und zu begleiten.

Auf das Thema Haushalt kommt Lutz spürbar ungern zu sprechen. Zum Hintergrund: 2023 hatte Waldenbuch mit einem satten Haushaltsdefizit zu kämpfen; das Landratsamt Böblingen rügte die Stadt wegen ihrer hohen Pro-Kopf-Verschuldung, untersagte weitere Kreditaufnahmen und forderte konsequente Sparmaßnahmen. Etwas hat sich die Lage seither entspannt: Kredite für den Haushalt 2024 wurden jüngst genehmigt. Wie es zu der angespannten Situation kommen konnte? Lutz nennt niedrige Gewerbesteuereinnahmen, zusätzliche Kosten durch den Rechtsanspruch im Ganztag, die Überholung der Drehleiter, Aufgaben bei Kindergärten. „Der Bund und das Land statten die Kommunen für diese Pflichtaufgaben nicht genug aus“, sagt Lutz. „Die Kommunen sind an der Grenze des Leistbaren.“ Gemeinden, die weniger hoch verschuldet sind, hätten versteckte Sanierungsfelder wie Brücken, Straßen, Schulen. Waldenbuch leiste sich ein Hallenbad und eine Musikschule. „Das ist ein kostbares Gut, insbesondere für die Kinder. Welche Kommune unserer Größenordnung hat das?“

Hohe Lebensqualität in Waldenbuch

Lutz verweist auf den Heimatcheck unserer Zeitung, bei der 2023 in einer nicht-repräsentativen Umfrage Bürgerinnen und Bürger einordneten, für wie lebenswert sie ihre Stadt halten. Waldenbuch schnitt sehr gut ab. „Das zeigt: Ganz so schlecht können wir unsere Arbeit nicht gemacht haben“, sagt Lutz.

Am Donnerstag, 18. April, wird er offiziell verabschiedet, sein Nachfolger Chris Nathan hat seinen ersten Arbeitstag am 13. Mai. Lutz wird weiterhin in Waldenbuch wohnen und sicherlich hier und da zu sehen sein, aber auf keinen offiziellen Veranstaltungen oder Festen. „Ich werde mich aus Respekt vor dem Nachfolger aus dem öffentlichen Leben zurückziehen“, sagt er. „Ich möchte einen sauberen Schnitt.“

Von Wernau nach Waldenbuch

Vita
Michael Lutz wurde 1969 in Stuttgart geboren und wuchs im Kreis Esslingen auf. Der Diplomverwaltungswirt trat seine erste Stelle in der Verwaltung der Stadt Wernau an, zunächst beim Liegenschaftsamt, später als Personalamtsleiter und stellvertretender Stadtkämmerer.

Amt
Im Januar 2000 wurde Michael Lutz zum Bürgermeister Waldenbuchs gewählt. In den Jahren 2008 und 2016 wurde er mit 98,3 und 85,7 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Er ist parteilos. Von 2004 bis 2009 sowie erneut seit 2014 ist er Mitglied des Kreistags bei den Freien Wählern. Ehrenamtlich engagiert er sich unter anderem bei der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg.

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