Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null“ Lebendig begraben in Stuttgart

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In Michael Wildenhains neuem Roman taucht ein Mathematiker in der Landeshauptstadt unter und wird eines Mordes verdächtigt. Doch was wirklich geschah, führt über die Grenzen eines Krimis weit hinaus und eröffnet ein großes Panorama unserer Zeit.

Hier in der Hohenheimer Straße hat der Protagonist von Michael Wildenhains Roman Zuflucht vor seinem Leben gefunden. In unserer Bildergalerie finden Sie weitere interessante Neuerscheinungen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 6 Bilder
Hier in der Hohenheimer Straße hat der Protagonist von Michael Wildenhains Roman Zuflucht vor seinem Leben gefunden. In unserer Bildergalerie finden Sie weitere interessante Neuerscheinungen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Kunst der makellosen Beweisführung vereint Staatsanwälte und Mathematiker. Aber lässt sich das menschliche Leben überhaupt in eine Ordnung bringen, die es erlaubt, darüber eindeutige Aussagen zu treffen? Sind die Gesetze, nach denen eine Biografie aus der Spur springt und plötzlich einen unerwarteten Verlauf nimmt, formalisierbar? Auf den ersten Blick scheint der neue Roman von Michael Wildenhain „Die Erfindung der Null“ genau dies demonstrieren zu wollen. Darin steht ein verwilderter Mathematiker im Verdacht, während eines Urlaubs in Südfrankreich seine seither verschollene Geliebte umgebracht zu haben. Ein junger Staatsanwalt versucht ihn durch die penible Rekonstruktion des Geschehens dieses Verbrechens zu überführen.

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„Induktionsannahme“, „Induktionsschritt“, „Zwischenergebnis“, „Gegenprobe“, „Lemma“ sind die einzelnen Kapitel überschrieben. Aber um dies gleich vorwegzunehmen: Man muss zu Algebra kein besonders intimes Verhältnis pflegen, um diesem Roman fasziniert zu folgen. Und so kunstvoll er konstruiert ist, am Ende behauptet sich der Eigensinn der Wirklichkeit gegen jeden Hochmut der Berechnung.

Dieser Hochmut ist bei jenem Martin Gödeler, in dessen Namen der des berühmten österreichischen Mathematikers Kurt Gödel widerklingt, einmal ziemlich ausgeprägt gewesen. Sein unbedingter Glaube an die Überlegenheit eines zahlenvermittelten Weltzugangs eröffnet ihm nicht nur eine glänzende akademische Karriere, sondern auch den Weg in die Herzen von Frauen, die von ähnlichen Leidenschaften umgetrieben werden. Die Liebesdialoge dieses Romans zählen zu den wohl eigenwilligsten der Literaturgeschichte: logizistische Anbändeleien, formalistische Zärtlichkeiten, sich daran anschließende intuitionistische Matratzenübungen.

Unbegrenzter Lustgewinn

Der Eros der Zahlen kann nicht lange von Frau und Kind gebändigt werden. Die Affäre mit einer genialen Kollegin eröffnet ihm nicht nur infiniten Lustgewinn, sondern auch Einsichten in den Zusammenhang von Politik und Mathematik. Sie ist Mitglied einer antifaschistischen Widerstandsgruppe gegen die drohende völkische Revolte. Nach einem Anschlag auf die Berliner Siegessäule, noch bevor das Thema Denkmalssturm seine gegenwärtige Aktualität gewonnen hat, verschwindet sie im Untergrund. Zurück bleibt der Mathematiker auf den Trümmern seines Familien- und Beziehungslebens.

In Stuttgart findet er Asyl. Selten lassen sich die produktiven Spuren eines Arbeitsstipendiums im Schriftstellerhaus an der Kanalstraße so deutlich bis in die Graffiti urbaner Subkulturen hinein verfolgen wie hier. Im Viertel zwischen Bopser, Weißenburgpark, Etzel-, Alexanderstraße und Charlottenplatz verwahrlost das einst vielversprechende Talent Jahrzehnte als Nachhilfelehrer in einer vermüllten Wohnung in der Hohenheimer Straße vor sich hin. Eine Art Begräbnis bei lebendigem Leib, bis aus der Vergangenheit eine der einstigen Verehrerinnen wieder auftaucht, was schließlich zu den bereits erwähnten Verwicklungen in Südfrankreich führt - und einer Untersuchungshaft in Stammheim.

Wie kunstvoll sich hier die Gattungen von Ehe-, Wissenschafts-, Gesellschaftsroman und Krimi verschlingen, setzt ein Mastermind voraus, dem es spielerisch gelingt, noch durch komplizierteste Operationen den Erzählfaden straff und gespannt zu halten. Man würde diese Fertigkeit sofort dem studierten Mathematiker Michael Wildenhain zugutehalten, wäre sein neuer Roman nicht bestrebt, die Autorschaft an die handelnden Personen zu delegieren, in einer Art Selbstanwendung, an der Kurt Gödel seine helle Freude gehabt hätte.

Irrläufe des Lebens

Aus Notaten, Gedächtnisprotokollen, tagebuchartigen Aufzeichnungen und ganzen Textblöcken, die wie Terme an unterschiedlichen Stellen eingesetzt werden, fügt sich das Geschehen. Wie bei einem analytischen Drama, das Schritt für Schritt die Vorgeschichte der dargestellten Situation enthüllt, gewinnt eine Geschichte Kontur, die am Ende der Laufbahn des jungen Staatsanwalts eine andere Richtung geben wird, ganz ähnlich wie dies zuvor bei seinem Delinquenten der Fall war – und bei dessen mutmaßlichem Opfer.

Und vielleicht sind die Irrläufe des Lebens überhaupt das eigentliche Thema dieses mit der Strenge eines mathematischen Beweises auftretenden Romans. Weshalb durch die scharf beobachteten Milieuschilderungen die Figur des Odysseus geistert, der Listenreiche, der zum Niemand werden muss, um zu überleben, und schließlich in Lumpen nach Ithaka zurückkehrt. So findet auch noch der Mythos Platz in dieser belletristischen Superformel. In ihre Variablen werden Kapitel für Kapitel die Handlungszüge eingesetzt. Das Ergebnis ist ein spannender und schlüssiger Roman über die Unberechenbarkeit unserer existenziellen Verhältnisse. Die Wahrheit liegt weder in der Rationalität der Zahlen, noch in ihrem Gegenteil, sondern in stetiger Bewegung, immer unterwegs auf der Suche nach dem Anderen. „Wer Wahrheit sagt“, zitiert das Roman-Motto Buffalo Bill, „braucht ein schnelles Pferd.“

Man mag sich in Stuttgarter Kreisen ärgern über den nach Mottenkugeln und vergorenen Flüssigkeiten riechenden Fortschrittsgeist, den der Mathematiker in dem ehemals kommunistischen Clara-Zetkin-Waldheim herausschnuppert. Man mag sich grämen, dass die Stadt vor allem als Gruft eines Lebendig-Begrabenseins zur Geltung kommt. Dass aber zusammen mit Anna-Katharina Hahns „Aus und davon“ nun gleich zwei der interessantesten Romane dieses Jahres Stuttgart zum Handlungsort gewählt haben, sollte darüber mehr als hinwegtrösten.

Michael Wildenhain und sein Roman „Die Erfindung der Null“

Autor Der 1958 in Berlin geborene Michael Wildenhain arbeitete als Maschinenbauer, studierte unter anderem Informatik, Mathematik und Philosophie. Er debütierte mit Erzählungen aus der Hausbesetzer-Szene. Sein erster Roman führt in die autonomen Kreise der gerade frisch vereinigten Hauptstadt. Der letzte „Das Singen der Sirenen“ wurde 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert, eine Geschichte, in der sich Antifa-Vergangenheit und Zukunfts-Chimären, Zeitgeist und Mythologie in Lebens- und Liebesläufen verschränken.

Werk Michael Wildenhains weit gespanntes Werk kartografiert die Mentalitäten, Haltungen und Metamorphosen seiner von der Spätphase der 68er Bewegung geprägten Generation. Mit seinem neuen, während eines dreimonatigen Arbeitsstipendiums im Stuttgarter Schriftstellerhaus konzipierten Romans wird auch die Landeshauptstadt dazuzählen.

Buch Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null. Roman. Klett-Cotta. 303 Seiten, 22 Euro. Am 24. September stellt der Autor seinen Roman in der Stadtbibliothek Stuttgart vor.




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