Michaela Hammer aus Schönaich Zwischen Wursttheke und der großen weiten Welt
Metzgermeisterin Michaela Hammer hat drei Jahrzehnte lang Wurst hergestellt und Fleisch verkauft, bevor sie sich ihren Traum vom Fliegen erfüllte und Flugbegleiterin wurde.
Metzgermeisterin Michaela Hammer hat drei Jahrzehnte lang Wurst hergestellt und Fleisch verkauft, bevor sie sich ihren Traum vom Fliegen erfüllte und Flugbegleiterin wurde.
Hausgemachte Wurst, zarte Rostbraten und ein richtig guter Kartoffelsalat, der am Nachmittag fast immer ausverkauft ist: Ende der Neunziger, Anfang der Nullerjahre bekommt man bei der Metzgerei Lutz in Schönaich alles, was das Herz des schwäbischen Genießers begehrt. Kunden und Mitarbeiter halten beim Einkaufen gern ein Schwätzle, den Kindern wird ein Scheible Lyoner über den Tresen gereicht. Die Spezialität des Hauses ist außergewöhnliches Grillgut. Der inzwischen verstorbene Seniorchef Jürgen Lutz kombiniert beherzt und beweist bei der Namensgebung der Kreationen eine fast lyrische Ader.
Der Renner sind die „Barbarenfetzen“ – Scheiben vom Rind aus der Hohen Rippe, vier Wochen gereift, dann mariniert in klein gehackten Karotten und Zwiebeln, Meersalz, Pfeffer und einer geheimen Gewürzmischung. Kunden, die es weniger deftig mögen, werfen „Pink-Pepper-Steaks“ auf den Rost. Das sind kleine, zarte Rindermedaillons, fein mit rosa Pfefferbeeren abgeschmeckt. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die eingelegten Putenschnitzel „karibische Art“ oder mit scharfer Tomatensalsa.
Nicht nur in Schönaich ist die Metzgerei Lutz bekannt. Die Leute kommen teils von weit her, um bei Michaela Hammer und ihrem Bruder Uwe Lutz Gulasch, Geschnetzeltes oder Gelbwurst zu kaufen und ihnen den ebenfalls legendären Fleischsalat aus den Händen zu reißen.
Neben der Ware fällt auch die Dame hinter der Wursttheke auf. Das Gesicht sorgfältig geschminkt, das blonde Haar zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur drapiert. Michaela Hammer ist eine Erscheinung. Sie sieht nicht nur blendend aus, sie berät auch kompetent, behält selbst im größten Trubel kurz vor Weihnachten oder Ostern die Ruhe und den Überblick, hat immer ein nettes Wort und einen guten Tipp für die Kundschaft. Im Rückblick betrachtet hätte man sich schon damals denken können, dass hier jemand seine endgültige Parkposition im Leben noch nicht erreicht hat. „Ich wollte immer schon Flugbegleiterin werden, aber es hat lange nicht geklappt“, erzählt die heute 50-Jährige.
Schon Michaela Hammers Urgroßeltern haben einen Tante-Emma-Laden, 1939 gründen die Großeltern eine Metzgerei, die 1966 von den Eltern übernommen wird. Neben der Metzgerei gibt es damals noch einen Partyservice und einen Biergarten. Die Kinder wachsen im Familienbetrieb auf, von klein auf geht es um die Wurst.
„Ich habe meine Hausaufgaben neben Schweinehälften gemacht“, erzählt Michaela Hammer. Wie ihr sieben Jahre älterer Bruder sieht sie sich verpflichtet, das Geschäft in der vierten Generation weiterzuführen. Dabei fühlt sie sich eigentlich zu Höherem berufen – genau gesagt zieht es sie auf 9000 bis 12 000 Meter über den Meeresspiegel, hoch oben in den Wolken, da, wo die Freiheit unendlich erscheint.
Nach der Schule bewirbt sie sich bei der Lufthansa und erhält auch eine Zusage. Doch der Herr Papa legt Veto ein. „Er fand meine Pläne gar nicht lustig. Also habe ich dann doch eine Lehre im elterlichen Betrieb angefangen.“ Die Auszubildende geht nach Feierabend gerne tanzen. In der Diskothek Le Métèque in Sindelfingen lernt sie einen feschen jungen Mann kennen. Er ist Angehöriger der amerikanischen Streitkräfte und dient in der Panzerkaserne in Böblingen. Mit ihm geht Michaela Hammer in die USA. Sie arbeitet in einem Hotel in der Nähe von Austin in Texas, doch nach fünf Jahren treibt sie das Heimweh nach Hause. Die Rückkehrerin beschließt, nun voll und ganz in die Fleischereibranche einzusteigen. Sie möchte nicht nur verkaufen, sondern das Handwerk beherrschen, besucht die Meisterschule in Landshut und erhält als eine der Jahrgangsbesten den niederbayerischen und oberpfälzischen Staatspreis. Sie findet eine neue Liebe und heiratet.
Beruflich schwankt sie immer zwischen Wursttheke und der großen weiten Welt. 2002 unternimmt sie wieder einen Versuch und bewirbt sich bei einer Airline, erneut mit Erfolg. Doch auch jetzt sagt sie selbst ab. „Mein Mann und ich bekamen die Nachricht, dass wir nun ganz vorne auf einer Adoptionsliste stehen. Die Kinder waren wichtiger“, sagt sie. 2006 machen ein Junge und ein Mädchen aus Kolumbien die Familie komplett. Michaela Hammer ist nun glückliche Mama und leitet gemeinsam mit dem Bruder die Metzgerei. Die Eltern haben sich aufs Altenteil zurückgezogen.
2019 treffen die Geschwister gemeinsam die Entscheidung, den Laden zu verkaufen. Uwe Lutz möchte sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen. Er lebt inzwischen mit seiner Familie auf einem Gestüt im Emsland. Michaela Hammer hat mit ihrer Salamitaktik endlich Erfolg, mit 46 Jahren startet sie neu durch. Die inzwischen erwachsenen Kinder und der Ehemann, mit dem sie bald Silberhochzeit feiert, unterstützen sie nach Kräften.
Sie fängt bei einem Ferienflieger an, die erste Tour führt auf die griechische Insel Kos. Doch dann kommt die Pandemie, und die frischgebackene Stewardess landet hart auf dem Boden der Tatsachen. Die Firma verlängert die Verträge nicht, wie die meisten am Stuttgarter Flughafen stationierten Kollegen wechselt Michaela Hammer zu einem auf Urlauber spezialisierten Langstreckenanbieter. Sie kommt nun rum in der Welt und sieht traumhafte Orte: Mauritius, Malediven, Namibia. „Doch die Pendelei nach Frankfurt war nichts für mich“, sagt die heute 50-Jährige.
Flughafen Stuttgart, im Briefingraum der Fluggesellschaft Eurowings. Michaela Hammer und ihre beiden Kolleginnen sitzen an einem Tisch und beugen sich über den Einsatzplan des Tages. Alle Damen tragen weiße Bluse zur türkisfarbenen Uniform. Alle Gesichter sind sorgfältig geschminkt, die Haare zu kunstvollen Frisuren drapiert. Sie sprechen sich ab, wer während der kommenden beiden Flüge welche Aufgabe übernimmt. Gleich geht es nach Hamburg und zurück. Der Pilot und der Co-Pilot setzen sich dazu und informieren über die Wetterlage und den Tankstatus des Airbus Typ A319. Mit Turbulenzen sei nicht zu rechnen, in Hamburg möchte der Flugkapitän Treibstoff aufnehmen. Wenig später zieht die Crew gelbe Sicherheitswesten über und geht zu Fuß wenige Schritte zum Flugzeug, das auf einer Außenposition parkt.
Während die Cockpitbesatzung die Instrumente testet, richtet sich das Kabinenteam häuslich ein. Selbst bei einem so kurzen Flug haben alle ein Köfferchen dabei. Das Nötigste für eine Nacht. Man könnte ja hängenbleiben. Nachdem das persönliche Gepäck verstaut ist, werkeln die Damen in der Küche und bereiten alles für die Passagiere vor.
Jede Flugbegleiterin ist für eine Tür zuständig, und mit jeder Tür sind feste Aufgaben verknüpft. Michaela Hammer belegt Position 3 L, hinten auf der linken Seite, in Flugrichtung betrachtet. Der vorne eingeteilte Flugbegleiter macht die Sicherheitsdurchsage, während die beiden hinten positionierten im Mittelgang stehen und „tanzen“, wie die Eurowings-Crew die Demonstration der Sicherheitshinweise nennt.
Während des Fluges kümmert sich der Mitarbeiter vorne um die Businessclass und die hinteren beiden um den Rest. Michaela Hammer fährt beim Bistro-Service mit ihrem Trolley durch die Reihen, als hätte sie noch nie etwas anderes getan. Kurz vor dem Landeanflug ertönt ihre Stimme aus den Lautsprechern: Sie teilt auf Deutsch und in leicht texanisch angehauchtem Englisch mit, man möge bitte die Tischchen hochklappen und die Sonnenblenden öffnen.
Wer denkt, nach der Landung eile die Crew auf einen raschen Kaffee an die Alster und genieße die Sonne, bevor es wieder retour nach Stuttgart geht, wird enttäuscht. Sobald die Gäste die Maschine verlassen haben, sammeln die Flugbegleiterinnen herzlich unglamourös Abfall ein und schauen nach, ob sich noch alle Schwimmwesten unter den Sitzen befinden. „Die werden tatsächlich manchmal geklaut“, sagt Michaela Hammer.
Noch nicht einmal für einen kurzen Besuch im Hamburger Duty-free-Bereich bleibt Zeit. Der Co-Pilot ist der Einzige, der wirklich den Boden der Hansestadt betritt. „Er läuft einmal um das Flugzeug und vergewissert sich, dass alles in Ordnung ist“, erklärt der Kapitän und beobachtet aus dem Fenster, wie der Airbus betankt wird. Noch ein paar Minuten durchatmen, dann meldet ein Flughafenmitarbeiter die baldige Ankunft der nächsten Passagiere. Ready for boarding! Michaela Hammer strahlt. Sie lebt ihren Traum vom Fliegen, auch auf der Kurzstrecke.
Flugplan
Eurowings fliegt ab Stuttgart im Winter 31 Ziele an, im Sommer sind es 69
Neue Ziele
Ab Mai 2024 geht es erstmals nach Edinburgh, Manchester, Iasi, Chișinău und Reykjavík
Rennstrecke
Bis zu 42-mal pro Woche fliegt Eurowings ab Stuttgart nach Mallorca
Standort
Am Manfred-Rommel-Flughafen sind bis zu 18 Maschinen (im Sommer) stationiert, es gibt hier rund 400 Crewmitglieder