Es war Frühjahr 1963, als Lindgrens Enkel so mäkelig war, dass Oma ihn ablenken musste. So entstand Michel aus Lönneberga – und weil das gerade ein halbes Jahrhundert her ist, feiert Schweden nun den runden Geburtstag von Lindgrens beliebter Kinderfigur.

Korrespondenten: Hannes Gamillscheg (gam)

Stockholm - Heute, mit seinen 50 Jahren, wäre Michel wohl ein gut bestallter Bauer auf dem elterlichen Gehöft Katthult in Lönneberga im schwedischen Småland, und wenn nicht Bauer, dann vielleicht Volksschuldirektor, denn seine damalige Lehrerin hielt große Stücke auf ihn. Ganz bestimmt wäre er Pfarrratsvorsitzender, das hat Astrid Lindgren, seine geistige Mutter, damals schon vorhergesehen. Damals, das war im Frühjahr 1963, als Lindgrens Enkel so mäkelig war, dass Oma ihn ablenken musste. So entstand Michel aus Lönneberga, und weil das gerade ein halbes Jahrhundert her ist, feiert Schweden nun den runden Geburtstag von Lindgrens beliebter Kinderfigur.

Was haben wir Astrid Lindgrens Nachwuchs nicht alles zu verdanken! Weil ihre Tochter Karin sich einst grippekrank im Bett langweilte, bat sie Mama: „Erzähl mir doch von Pippi Langstrumpf.“ Das war die Geburtsstunde von Lindgrens erster Märchenheldin. Und als später Karins dreijähriger Sohn Karl-Johan so schrie, dass es nicht mehr auszuhalten war, fragte die Großmutter in eine Luftschnapppause: „Willst du hören, was Michel aus Lönneberga machte?“ „Da musste Karl-Johan aufhören zu weinen, weil er neugierig wurde“, erzählt dessen Mutter Karin Nyman 50 Jahre später. Aus den Erzählungen wurde eine Geschichte und aus Michel die Figur, die seiner Erfinderin von all ihren Schöpfungen am meisten am Herzen lag. Mit dem 23. Mai 1963 sind die ersten Entwürfe datiert, die sie zu Papier brachte.

Michel schnitzt sich Holzmännchen

Was für ein grässlicher Kerl! Fällt mit den Stelzen durchs Fenster, direkt in Frau Petrells Blaubeersuppe, reitet in die gute Stube des Bürgermeisters, schleckt den Suppentopf bis auf den letzten Tropfen aus, sodass sein Kopf drin stecken bleibt, und lässt den Vater in die Mäusefalle tappen. Kein Wunder, dass dieser so brüllt, dass Emil in den Tischlerschuppen flüchten muss, den er von innen verriegeln kann. Dort schnitzt er Holzmännchen, bis sich Vater Anton wieder beruhigt hat.

„Miiiichel“, brüllt der Vater. Wie oft haben wir es in den Verfilmungen gehört, in denen der kleine Jan Ohlsson einen wunderbaren Michel spielte. Allerdings: in Wirklichkeit brüllt Vater Anton „Emiiiil“, denn Michel heißt nur auf deutsch Michel, überall sonst ist er als Emil aus Lönneberga bekannt. Doch Astrid Lindgrens deutsche Verleger legten für die Übersetzung Einspruch ein: Emil war der mit den Detektiven – von Erich Kästner. So tauften sie den Knirps aus Småland in Michel um, was die Autorin zwar dumm fand („warum soll es nicht zwei Emile geben?“), aber sie fügte sich.

Fast so erfolgreich wie Pippi

Dem Erfolg des Jungen tat dies keinen Abbruch. In 50 Millionen Exemplaren sind seine Bücher weltweit verkauft, in 52 Sprachen übersetzt, nur Pippi Langstrumpf hat noch größere Verbreitung gefunden. Michel ist eben ein Strolch mit jeder Menge Unfug im Kopf, aber mit einem Herzen aus Gold und am rechten Fleck. Sicher, er legt dem Vater den glühheißen Deckel auf den Bauch – aber nur, um ihm Schmerzen zu vertreiben. Wenn er sein Schwesterchen Ida an der Fahnenstange hoch hievt, dann will er ihr den Blick über Katthult zeigen, und wenn er die Magd Lina vom Dach des Schuppens schubst, dann nur, um sie von einem bösen Zahn zu befreien.

Und wie soll er wissen, dass die Kirschen, die er und sein Schweinchen schmausen, gegoren sind und Mensch und Tier berauschen? Michel leistet denn auch Abbitte: In der Kirche schwören er und das Schweinchen, dem Alkohol zu entsagen.

Die 2002 94-jährig verstorbene Astrid Lindgren hat die Geschichten aus Lönneberga in ihre eigene Kindheit verlegt, auf den Anfang des 20. Jahrhunderts (insofern ist ihr Emil eigentlich weit älter als 50), und mit eigenen Erlebnissen garniert. „Was die Milch kostete und wie ein Jahrmarkt abgehalten wurde, das ist alles so geschildert, wie es wirklich war“, sagt ihre Tochter Karin Nyman. Vor allem aber schuf Lindgren in der Figur des Michel einen Humanisten, der instinktiv das Richtige tut, auch wenn es anderen als Lausbüberei erscheinen mag. Wenn er die Insassen aus dem Armenhaus zum Weihnachtsschmaus in den von den Eltern verlassenen Hof holt und die Habenichtse mit Schweinskopf, Sülze, Braten, Kuchen und zwölf Arten Würsten traktiert, bis auch kein Wurstzipfelchen mehr übrig ist, dann bleibt beim Vorlesen kein Auge trocken. Dass das Festmahl eigentlich für die Verwandtschaft gedacht war, die anderntags geladen war – na und? Wir jubeln mit Michel und den armen Schluckern.

Denn wenn er seinem besten Freund, dem Knecht Alfred („ich und du, Alfred, ich und du“), das Leben rettet, weil er den wegen einer Blutvergiftung Fiebernden auf den Pferdeschlitten lädt und ihn durch den wilden Schneesturm zum Doktor fährt, dann ist das ein Heldenepos der Weltliteratur. Und das allein hätte ausreichen müssen, Astrid Literatur den Nobelpreis zu sichern, den sie nie bekommen hat. „Ihr habt einen Jungen, auf den ihr stolz sein könnt“, schrieb der Doktor an Michels Eltern, und Mama Alma schrieb in ihr blaues Tagebuch: „O Gott, wie das mein armes Mutterherz tröstete, das so oft über Michel verzweifelt war.“

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