Stuttgart/Berlin - Das Sachbuch „Wie Kinder vom Bahnhof Zoo“, das vom Schicksal drogensüchtiger Kinder und Jugendlicher in Berlin erzählt, hat Ende der 1970er Jahre die deutsche Gesellschaft erschüttert. Nachdem das Sachbuch 1981 Vorlage für einen Kinofilm wurde, macht Amazon Prime jetzt daraus eine Serie. Wir haben Michelangelo Fortuzzi zum Zoom-Interview getroffen. Er spielt Benno, den Freund von Christiane F., der in der Vorlage Detlef hieß.
Herr Fortuzzi, was wussten Sie über „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bevor Sie zu Benno wurden, dem Freund von Christiane F.?
Wenn man in Berlin aufwächst, ist der Name Christiane F. allgegenwärtig. Ich kannte ihn schon, als ich noch sehr jung war, ohne wirklich zu wissen, was dahintersteckt. Als ich 14 oder 15 war, habe ich dann mal Christiane F. gegoogelt – das Thema aber schnell wieder ignoriert. Wirklich mit der Geschichte auseinandergesetzt habe ich mich erst, als feststand, dass ich in der Serie mitspiele.
Wie würden Sie Benno beschreiben?
Benno ist ein verträumter Freiheitssucher. Das, wonach er sucht, würde er aber nicht einmal finden, wenn es direkt vor der Nase liegen würde. Weil er es immer im Morgen sucht und nie im Jetzt.
Gibt es da Gemeinsamkeiten zwischen Benno und Ihnen?
Benno hat einiges mit meinem 15-jährigen Ich gemeinsam. Das Verträumte und Verpeilte zum Beispiel, das kann manchmal ganz praktisch und eine Qualität sein, weil es einem hilft, in anstrengenden Momenten einfach mal kurz abzuschalten.
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Was unterscheidet Sie und Benno?
Er hasst Berlin. Ich liebe Berlin.
Was mögen Sie an Berlin?
Dass die Stadt sich so sympathisch unsympathisch gibt.
Die Serie erzählt allerdings aus einer anderen Zeit und aus einem ganz anderen Berlin als dem, in dem Sie leben. Ist die Geschichte trotzdem noch aktuell?
Ich glaube, sie war damals genauso aktuell wie heute. Das Thema Sucht ist ein Thema, das uns bis ans Ende der Welt begleiten wird. Und die Serie nähert sich der Geschichte ja auch aus einem anderen Blickwinkel und ohne erhobenen Zeigefinger.
„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist nicht nur ein Coming-of-Age-Drogendrama, sondern erzählt auch eine Liebesgeschichte – mit Benno und Christiane als Junkie-Version von Romeo und Julia. Sind die beiden füreinander bestimmt?
Ach, ich glaube, es hätte ganz schön sein können – ohne Drogen. Doch die Sucht macht alles kaputt. Und dann entsteht so eine Abhängigkeit voneinander, die nicht gesund ist.
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Gemeinsam Drogen zu nehmen, ist für die beiden intimer als Sex.
Wenn man eine Partnerschaft aufbaut, dann findet man ja immer so Sachen, die einen verbinden. Und wenn die Sucht, das ist, was einen verbindet, dann kann das einfach nur schiefgehen. Vor allem bei einer Sucht, die so stark ist, wie die nach Heroin. Die meisten, die das mal erlebt haben, bestätigten, dass du alles machen würdest, um nicht in diesen Entzug zu kommen. Mir ist bei der Vorbereitung für die Rolle klar geworden, dass vielleicht nur ein halbes Prozent der Menschen, die Heroin einmal ausprobiert haben, es schaffen, es dann einfach wieder sein zu lassen. Und die anderen 99,5 Prozent werden süchtig.
Hat die Serie eine Botschaft?
Wenn sie eine Botschaft hat, dann die, dass man sich immer fürs Leben entscheiden sollte.
Sie haben sowohl in Serien als auch in Kinofilmen mitgespielt. Was schauen Sie privat lieber: Filme oder Serien?
Eigentlich Filme. Ich habe kürzlich zum Beispiel zum ersten Mal einen Film aus den Siebzigern gesehen: „A Long Goodbye“ von Robert Altman, ein Film-noir-Klassiker. Ich mag alte Filme, weil das die Filme sind, die das Kino von heute prägen. Da lernt man sehr viel.
„Wir Kinder vom Bahnhof“ stammt ja eigentlich auch aus den Siebzigerjahren. Und die Musik von David Bowie spielt eine große Rolle.
Ja, dessen Musik ist schon einzigartig. Ich habe das erste Mal von ihm gehört, als uns ein Onkel aus Rom besucht hat, der hat ein Buch über Bowie geschrieben und ist deshalb nach Berlin gekommen. Wir haben uns auch das Haus in der Nähe vom Kleistpark angeschaut, in dem Bowie damals gelebt hat.
Haben Sie einen Lieblingssong von David Bowie?
Ja, „Suffragette City“.
Michelangelo Fortuzzi und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“
Schauspieler
Michelangelo Fortuzzi (20) ist in Berlin aufgewachsen, wurde für seine schauspielerische Leistung in dem Film „Alles Isy“ ausgezeichnet. 2018 bis 2019 war in der Serie „Druck“ zu sehen.
Sachbuch
1978 entstand aus Interviews, die die „Stern“-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck mit der 15-jährigen Christiane Felscherinow führten, das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, das aus der Szene drogenabhängiger Kinder und Jugendlicher in Berlin berichtet. Das Buch stand 95 Wochen lang auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste.
Film
Im Jahr 1981 kam Uli Edels Verfilmung unter dem Titel „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in die Kinos.
Serie
Die achtteilige Serienfassung, bei der Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter“) Regie geführt hat, ist von Freitag, 19. Februar, an bei Amazon Prime verfügbar.