Mikroapartments in Stuttgart Wem reicht Wohnen auf 30 Quadratmetern?

Im Skyline sind die Wohnungen auf Bewohner aus dem Business-Umfeld zugeschnitten. Foto: W&W/Zeyrek

Klein, aber begehrt: Vor allem die internationalen Beschäftigten von Bosch oder Daimler bevorzugen Mikroapartments. Die Nachfrage werde trotz des Trends zu mobilem Arbeiten hoch bleiben, prognostiziert die Württembergische AG.

Lange bevor Einzimmerwohnungen neudeutsch Mikroapartments genannt wurden, entstand in den 1970er Jahren im Stuttgarter Norden zwischen Mönch- und Wolframstraße ein Haus für Singles. Für Karin Wagner (Namen geändert) gab es lange Zeit nichts Besseres, als dort zu leben. „Ich hatte meine Ruhe“, sagt sie und zwingt sich ein Lächeln auf.

 

Denn mit der Ruhe ist es seit einigen Jahren vorbei. Nicht nur wegen des Einkaufszentrums Milaneo. Seit die Wohnungsnot zugenommen hat, wohnen immer mehr Paare und sogar kleine Familien in den Einzimmerapartments. „Früher hatte ich einen Anwalt nebenan“, erinnert sie sich, „der war nur da, wenn er einen Gerichtstermin hatte.“ Der Anwalt wurde vor zehn Jahren von einem Banker aus Luxemburg abgelöst. „Er war nur von Montag bis Donnerstag da“, sagt Karin Wagner, „aber jetzt wechseln die Mieter ständig.“ Die Gründe: Airbnb oder die hohe Miete (bis zu 1000 Euro).

Die Konstante ist der schnelle Mieterwechsel

So oder so. Das Single-Haus im Norden ist längst kein Einzelfall mehr. Im Skyline am Stuttgarter Pragsattel verfügt die Württembergische Lebensversicherung AG über 75 Mikroapartments mit einer durchschnittlichen Größe von 30 Quadratmetern. „Diese sind vollständig möbliert. Die Mindestmietdauer beträgt sechs Monate, im Durchschnitt liegt die Mietdauer der Apartments aktuell bei rund zwölf Monaten“, erklärt ein Sprecher der Württembergischen, „die Nutzerstruktur ist gemischt mit sowohl in- als auch ausländischen Mieterinnen und Mietern, die beispielsweise ihre berufliche Heimat in der Regel bei bedeutenden Unternehmen der Region gefunden haben.“

Verlockend für Investoren

Und weil Bosch oder Daimler im Zuge der Globalisierung viele internationale Mitarbeiter haben, steigt offensichtlich auch die Nachfrage. „Zur lokalen Markteinschätzung für das Segment Mikroapartments lässt sich sagen, dass in Stuttgart in den vergangenen Jahren zahlreiche Mikroapartments auf den Markt gekommen sind“, sagt der Sprecher der Württembergischen. Während in der extremen Phase der Pandemie die Nachfrage kurz rückläufig gewesen sei, ziehe der Markt nun wieder an: „Mikroapartments sind für viele aufgrund ihres Nutzungskonzeptes – zum Beispiel durch das Vorhandensein einer Pantryküche – deutlich flexibler als ein Hotelzimmer. Auch die gegenüber einem Hotelzimmer ausgeprägtere Privatsphäre spricht für die Anmietung einer eigenen Wohnung. Die Nachfrage nach Mikroapartments wird daher nach unserer Einschätzung trotz des Trends zum mobilen Arbeiten hoch bleiben.“

Wie hoch die Zahl der Mikroapartments in Stuttgart ist, lässt sich nach Angaben der städtischen Wohnungskoordination nur schwer sagen. Allerdings sieht die Stadt auch, dass der Immobilienmarkt auf die große Nachfrage reagiert: So baue Bülow im Q 9 des Neckarparks 140 Mikroapartments. Die Firma Isaria Wohnungsbau AG aus München, die inzwischen zu Vonovia gehört, baut derzeit in der Rosensteinstraße 99 diese Wohneinheiten. Angeblich ist der Großteil der Wohnungen als Apartmenthotel (Mischung aus Apartments und Hotel) konzipiert.

Mikrowohnung statt Hotel

Die Wohnungskoordinatoren der Stadt bestätigen die Analyse der Württembergischen: „Die Apartments eignen sich für Personen mit zeitlich befristetem Aufenthalt, die etwa bei Firmen wie Bosch, Daimler, aber auch anderen mittelständischen Unternehmen unterwegs sind. Für solche Personen zählt der Vorteil des möblierten Apartments ohne großen Aufwand wie zum Beispiel ein Umzug. Und Service wie Wäsche, Reinigung der Zimmer, Frühstück kann teilweise dazugebucht werden. All-inklusive ist quasi möglich.“

Eigentlich wären die Mikroapartments auch für Studenten ideal, wenn die Miete nicht zu hoch wäre, heißt es aus der Wohnungskoordination: „Das Studierendenwerk Stuttgart hat in Möhringen solche Projekte bereits umgesetzt. Der Vorteil ist der kompakte Grundriss mit allen technischen Erfordernissen an das Studentenleben.“

Stadt sieht keine Gefahr der Gentrifizierung

Was sich grundsätzlich gut anhört, ist jedoch in anderen Städten auch umstritten – nicht nur wegen der hohen Mietpreise. Das kleinteilige Wohnen, so lautet die Kritik, würde nicht zur Belebung von Städten beitragen, sondern teils gar zur Gettoisierung einzelner Lagen führen. Zeitarbeiter und Pendler, so heißt es, seien weniger an Bindungen in ihrer Nachbarschaft interessiert. Das könne der Entwicklung von Schlafstädten Vorschub leisten. Die städtische Wohnungskoordination teilt diese Kritik aus zwei Gründen nicht: „Beispielsweise wird bei der Vergabe von städtischen Grundstücken sehr genau darauf geschaut, was ein Investor bauen will. So entstehen nicht wahllos viele Hotels oder eben Apartments. Die Mischung im Gesamtgebiet Neckarpark macht das sehr deutlich.“ Zweitens seien in der heutigen Zeit, die eine gewisse Flexibilität notwendig mache, solche Apartments ein wichtiger Bestandteil des Wohnungsmarktes. „Denn eine Hotelnutzung kommt oft nicht infrage.“ Auch eine Gettoisierung oder eine Gentrifizierung aufgrund von Mikroapartments ist aus Sicht der Wohnungskoordination in Stuttgart nicht erkennbar. „Das Mittel dagegen lautet aktive Stadtplanung“, heißt es: „Gut durchmischte Stadtquartiere spielen eine zentrale Rolle. Ein Gebäude mit Mikroapartments muss auch gar nicht in solchen Stadtquartieren abgebildet werden, da bei dieser Wohnform die sozialen Kontakte keine große Rolle spielen.“

Als neues Geschäftsmodell entdeckt

Nicht verborgen bleibt der Stadt jedoch, dass „bestimmte Investoren diese Form des Wohnens als Geschäftsmodell entdeckt haben“. Denn die sehr viel kleineren und kompakten Mikroapartments werfen mehr Rendite ab als Wohnungen mit normalen Flächengrößen. „Es gilt darauf zu achten, dass in Gebieten, wo normaler Wohnraum erforderlich ist, Mikroapartments nur eine untergeordnete Rolle spielen dürfen. Es sollte darauf geachtet werden, dass bezahlbares Wohnen mit Mieten von 7,50 bis 8,50 Euro bei Sozialmietwohnungen Vorrang hat vor solchen spezifischen Wohnformen, die für normale Mieter nicht nur nicht nutzbar, sondern im Verhältnis zu teuer sind.“

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