Minderjährige Flüchtlinge im Rems-Murr-Kreis Der Betreuungsbedarf ist groß

In der Paulinenpflege in Winnenden lernen jugendliche Flüchtlinge Deutsch. Foto: Gottfried Stoppel
In der Paulinenpflege in Winnenden lernen jugendliche Flüchtlinge Deutsch. Foto: Gottfried Stoppel

Zahlreiche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern haben im Rems-Murr-Kreis eine Unterkunft gefunden. Jetzt gilt es, sie gut in die Gesellschaft zu integrieren.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Winnenden - Karam ist vor sieben Monaten über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. Sein Vater habe ihn fort aus der Heimat Syrien geschickt, weil er sonst in den Krieg hätte ziehen müssen. Eigentlich habe er in der Türkei bleiben wollen, sagt Karam, der demnächst 17 Jahre alt wird, doch dort habe er keine Arbeit gefunden. Hier nun dürfe er in die Schule gehen. „Deutschland ist cool“, sagt er.

Karam ist vergangenes Jahr kurz vor Weihnachten mit einer ganzen Busladung sogenannter unbegleiteter minderjähriger Ausländer (UMA) im Rems-Murr-Kreis angekommen. Weil dort geeignete Unterkünfte fehlten, hatte das Landratsamt unter anderem das kreiseigene Ferienfreizeitheim Mönchhof bei Kaisersbach kurzerhand zur Jugendhilfeeinrichtung deklariert und die Evangelische Gesellschaft (Eva) mit dem Aufbau einer Betreuungsstruktur beauftragt.

Auf die Flüchtlingsdimensionen nicht vorbereitet

Wie die Eva kümmert sich auch die Winnender Paulinenpflege um junge Flüchtlinge, die ohne Eltern nach Deutschland kommen. Diese sind für den größten Jugendhilfeträger im Rems-Murr-Kreis gar keine neue Klientel: Immer wieder sind schon in der Vergangenheit einzelne minderjährige Asylsuchende in den klassischen Wohnangeboten der Jugendhilfe der diakonischen Einrichtung versorgt worden. Doch auf die Dimensionen, die im vergangenen Jahr auf die Sozialträger zukamen, sei man nicht vorbereitet gewesen, räumt der Geschäftsführer des Paulinenpflege-Jugendhilfeverbundes, Joachim Hoffmann, ein.

Insbesondere nachdem im November per Gesetz beschlossen wurde, die minderjährigen – ähnlich wie die erwachsenen Flüchtlinge auch – per Quotenregelung gleichmäßig auf die Bundesländer zu verteilen, seien die Inobhutnahme­stellen in Baden-Württemberg geradezu „explodiert“. Weil es personell und räumlich anders gar nicht möglich gewesen wäre, habe man sich vorübergehend von klassischen Standards „normaler“ Jugendhilfeverfahren verabschieden müssen, um den Schützlingen zumindest ein Dach über dem Kopf und eine erste Betreuung zu sichern.

Der Druck, ständig neue provisorische Hilfsangebote schaffen zu müssen, sei dank der zurückgehenden Flüchtlingszahlen mittlerweile nicht mehr so groß. Nun aber gelte es, genauer hinzuschauen auf das, was aus der Not heraus im Eiltempo aufgebaut wurde. „Wir müssen nicht nur dafür sorgen, dass die Jugendlichen gut wohnen“, sagt Joachim Hoffmann. Wichtig sei, verlässliche Tagesstrukturen zu schaffen und eine qualifizierte Beschulung beziehungsweise Berufsvorbereitung sicherzustellen.

Die Helfer stoßen an Hürden

Die Eva hat ihre Notlösung im Mönchhof mittlerweile zu einem Regelangebot gemacht. Doch nach wie vor stoße man an Hürden, sagt Monika Memmel, die Abteilungsleiterin der Eva-Dienste für Kinder, Jugendliche und Familien in der Region. Für einen ganz entscheidenden Integrationsfaktor, das Erlernen der deutschen Sprache, gebe es zu wenige Angebote. Das Jugendamt sei überlastet, aufgrund des allgemeinen Fachkräftemangels im Bereich der Sozialberufe müsse man Abstriche beim Personal machen.

Dabei wäre eine qualifizierte Hilfe bei der Bewältigung von Traumata jetzt ungemein wichtig. „Die Jugendlichen haben schlimme Dinge erlebt“, sagt Monika Memmel, „und die kommen jetzt hoch, wenn sie ein wenig zur Ruhe kommen.“

Auch eine Beratung in rechtlichen und bürokratischen Fragen sei nötig. Das Thema Familiennachführung steht an. Natürlich vermisse er seine Eltern und seine Geschwister sehr, sagt Karam. Er würde sie gerne nach Deutschland holen. Wie er das anstellen will? „Ich hab’ keine Ahnung“, sagt er und zieht die Stirn in Falten.




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