Miniaturwelten begeistern Was für ein Mensch war der Erbauer von „Klein-Stuttgart“?

Wolfgang Frey in seinem Element: Mit viel Liebe zum Detail hat er Stuttgart nachgebaut. Foto: / Franziska Kraufmann

Den Triumph hat er nicht mehr erlebt: Vor zehn Jahren ist Wolfgang Frey, der Erbauer von „Klein-Stuttgart“, gestorben. Kaum sind seine Miniaturwelten im früheren Hindenburgbau eröffnet, strömen die Massen. Was für ein Mensch war Frey?

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Anfang der 1980er Jahre wurde er zu einem Fall für den Polizeibericht. „Die hielten mich für einen Terroristen“, erinnerte sich Wolfgang Frey, als er wenige Jahre vor seinem Tod mit unserer Zeitung darüber sprach, warum er seit 30 Jahren jede freie Minute und manchmal bis zu zwölf Stunden am Tag damit verbrachte, millimeterkleine Flamingos aus rosafarbene Modelliermasse und viel mehr zu formen. Oft war der Fahrdienstleiter der Bahn mit der Kamera unterwegs, um Polaroids von dem zu machen, was er nachbauen wollte. Als er die Bundesbahndirektion fotografierte, nahmen die Beamten den Mann mit den gelockten, längeren Haaren fest. „Sie haben mich erst gehen lassen, nachdem wir mit dem Streifenwagen zu meinem Modell gefahren sind“, erzählte Frey.

 

Sein zweites Stuttgart ist 160-mal kleiner als das große Vorbild

War er ein Genie? Ein Wahnsinniger? Ein Künstler? Seit die Miniaturwelten Stuttgart am Montag ihre Pforten im früheren Hindenburgbau eröffnet haben, wird darüber diskutiert. Auf sehr großes Interesse stößt „Klein-Stuttgart“ am neuen Standort – nun endlich ganz in der Nähe von Freys geliebtem Hauptbahnhof. Im Alter von 52 Jahren ist der 1960 geborene Bahnfan gestorben. Sein Nachlass stand zuerst in einem Zwischengeschoss an der S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße, wo Frey seit 1979 mit unermüdlichem Einsatz daran gearbeitet hat, ein zweites Stuttgart - 160-mal kleiner als das große Vorbild – nachzubauen. Nach seinem Tod sind Teile dieser riesigen Anlage in Herrenberg als „Stellwerk S“ ausgestellt worden. Jetzt ist der weltweit größte Nachbau einer City sozusagen „nach Hause“ zurückgekehrt – in den früheren Mediamarkt am Arnulf-Klett-Platz. Dort ist noch mehr Platz, weshalb weitere Teile der Anlage nun ausgestellt werden können. Die Begeisterung nicht nur bei Bahnfans ist groß. Viele fragen sich: Was trieb diesen Mann an?

Ein detailgetreue Wahnsinn ist es, der Freys Modell von anderen unterscheidet. Der Mann, der als Frührentner noch mehr Zeit für sein Hobby hatte, bildet nicht einfach nur nach – nein, er bildete ab. Möglichst authentisch sollte alles sein, immer im Maßstab 1:160. Über 50.000 Fotos hat er quer durch die Stadt geschossen, um Vorlagen für jedes Haus, jeden Baum, jede Straßenlaterne zu haben. Die allermeisten Bestandteile der Modelle hat der gebürtige Stuttgarter selbst zusammengemischt.

Für seine Bäume ließ er Tampons in Wasser aufquellen

„Was es im Fachhandel zu kaufen gibt, ist mir oft nicht realistisch genug“, sagte er im Zeitungsinterview, „ die Farben stimmen nicht, und der Maßstab passt auch nicht immer.“ Deswegen war der Vater einer Tochter ständig auf der Suche nach Baumaterialien. Er legte Wollfäden in grüne Farbe und Weißwein ein, um die Weinberge wachsen zu lassen. Für seine Bäume ließ er Tampons in Wasser aufquellen und wickelte die Wattefäden um verdrilltes Messing. Unter einigen der bunt bemalten Autos versteckten sich Radiergummis. Die Eisbären in der Wilhelma waren mal Kühe, bevor Frey sie in weißer Farbe badete.

Fast pedantisch hörte es sich an, wenn der Schöpfer von „Klein-Stuttgart“ über seine Detailbesessenheit sprach. Wenn man ihm sagte, er sei ein Spinner, erklärte Frey, warum er so gewissenhaft vorging: „Ein Modell ist erst dann gut, wenn man die Realität wiedererkennt.“ Sowohl seine geschiedene Frau als auch seine Freundin, sagte er im Jahr 2005 mit einem Schmunzeln unserer Zeitung, zeigten Verständnis für das zeit- und geldintensive Hobby: „Denen ist es lieber, dass ich allein an meinen Modellen baue, anstatt in Kneipen zugehen und dort Frauen flachzulegen.“ Wolfgang Frey liebte es, stundenlang ganz allein beim Basteln zu sein, doch er lachte auch gern.

Meisterleistung eines unermüdlichen Bastlers

Der Modellbauer war ein Gegner von Stuttgart 21. Deshalb fühlte er sich so wohl in seiner Anlage: „Mir nimmt niemand meinen Bahnhof und meine Gleise weg.“ Da werde nichts tiefgelegt. Ein Stadtmuseum für nachfolgende Generationen hat er geschaffen. Im Zwischengeschoss der Haltestelle Schwabstraße durften wegen des Brandschutzes nur drei Besucher gleichzeitig rein, weshalb man von „Kunst ohne Publikum“ sprach. Jetzt darf das Publikum strömen im früheren Hindenburgbau. Der Herrenberger Unternehmer Rainer Braun hat „Klein-Stuttgart“ von Freys Tochter, der Erbin, gekauft. Das Stadtmodell ist nicht nur die Meisterleistung eines unermüdlichen Bastlers, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Es war Wolfgang Frey nicht vergönnt, die große Begeisterung zu spüren, die sein Lebenswerk heute auslöst.

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