Miss Deaf Universum aus Leonberg Die Schönste der Gehörlosen

Vanessa Krieg strahlt mit der glitzernden Krone um die Wette. Unter insgesamt 19 Teilnehmerinnen aus aller Welt wählte die Jury die 24-Jährige zur Miss Deaf Universum. Foto: Jürgen Bach

Vanessa Krieg bekommt eine Einladung zur Miss Deaf Universum ins thailändische Bangkok. Als strahlende Siegerin mit glitzernder Krone und Schärpe tritt sie wieder die Heimreise an.

Seit Jahren schon verfolgt Vanessa Krieg die Casting-Show „Germany‘s Next Topmodel“ (GNTM). Wenn Heidi Klum das schönste Mädchen Deutschlands sucht und die Kandidatinnen sich Woche für Woche vor der Kamera und auf dem Laufsteg präsentieren. Besonders angetan hat es der 24-Jährigen aus Leonberg eine junge Frau, die im Jahr 2021 teilnahm: die gehörlose Maria aus Flensburg. Die allerdings musste schon nach der zweiten Folge die Koffer packen, weil sie scheinbar der Designerin eine in diesem Umfeld unpassende Frage zu ihrem Outfit gestellt hatte. „Das war mit Sicherheit ein Missverständnis“, sagt Vanessa Krieg in der Gebärdensprache.

 

Leonbergerin kommt gehörlos zur Welt

Auch die Leonbergerin kam gehörlos zur Welt. Und auch sie träumt davon, vielleicht einmal bei GNTM am Start sein zu dürfen. „Bislang hat mir der Mut gefehlt“, sagt sie. Doch das hat sich in den vergangenen Wochen schlagartig geändert, denn seit diesem Monat trägt sie den Titel „Miss Deaf Universum“ – sie ist also die Schönheitskönigin der Gehörlosen. Ende November war sie nach Thailand gereist und kam Anfang Dezember als gekrönte Siegerin wieder.

Zum ausgemachten Gesprächstermin bei Vanessa Krieg zu Hause in Leonberg ist fast die gesamte Familie versammelt, allein der zwölfjährige Bruder ist nicht da. Vater Ronald Krieg ist in der Sportwelt bekannt. Er hat früher erfolgreich Tennis gespielt, war 15 Jahre lang Nummer eins in der Weltrangliste bei den Gehörlosen, ist mehrfacher Welt-, Europa- und Deutscher Meister, war nach seiner aktiven Karriere viele Jahre Bundestrainer der Gehörlosen. In seinem Heimatverein TC Leonberg spielte er zur aktiven Zeit in der ersten Mannschaft, aktuell noch immer bei den Senioren.

Tennisbegeisterung hat sich auf die Tochter übertragen

Diese Tennisbegeisterung hat sich auf Tochter Vanessa übertragen. Auch sie holte bereits einen Vize-Weltmeistertitel mit der Gehörlosen-Nationalmannschaft. Vanessas jüngere Schwester Nathalie (20) ist die einzig Hörende in der Familie. Sie studiert im ersten Semester Psychologie und ist an diesem Abend für alle Fälle als Dolmetscherin dabei. „Wir sind beste Freundinnen, aber grundverschieden“, sagt sie und ist mächtig stolz auf den Erfolg ihrer Schwester.

Eine persönliche Einladung hatte Vanessa Krieg von der Organisation „The International Deaf Eventments Agency France“ bekommen, die die junge Frau mit der sympathischen, natürlichen Ausstrahlung auf dem sozialen Netzwerk Instagram entdeckt hatte. „Ich habe mich schon immer gerne auf Fotos präsentiert, und mein Freund machte mir Mut, die Einladung anzunehmen.“ Als Model hatte sie zuvor noch nie gearbeitet, aber sie lässt sich immer wieder gerne von ihrer Schwester fotografieren. Die 24-Jährige absolviert nach ihrem erfolgreichen Abschluss auf dem Berufskolleg derzeit bei der Barmer Krankenkasse in Stuttgart-Vaihingen eine Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen. „Ich bin dort die erste Gehörlose, wurde toll aufgenommen und die Arbeit macht mir großen Spaß.“ Auf ihrer Reise nach Bangkok hielt sie auch ihre Kollegen immer auf dem Laufenden.

Familie verfolgt das Spektakel auf Facebook

Die Familie verfolgte das Spektakel auf Facebook, das Finale sogar live – der Jubel im Wohnzimmer der Kriegs war grenzenlos, als das Ergebnis verkündet wurde. „Ich habe nie damit gerechnet, dass ich gewinnen würde“, sagt die überglückliche Miss Universum, die stolz die glitzernde Schärpe und die funkelnde Krone präsentiert. Das Beruhigende an der Reise trotz großer Aufregung: Vanessa Krieg kannte bereits einige Kandidatinnen und Kandidaten – der Wettbewerb der Mister-Wahl lief parallel – von internationalen Tennisturnieren. „Die Gehörlosen sind eine große Gemeinschaft“, sagt Krieg. Nervös sei sie anfangs dennoch gewesen, als sie nach Bangkok flog, da sie absolutes Neuland betrat. Zu Hause hatte sie ein wenig geübt, auf hohen Schuhen zu gehen. Mehr aber nicht. Die Aufregung legte sich schnell, denn vor Ort bekamen die insgesamt 19 Teilnehmerinnen aus 19 Ländern ein intensives Laufsteg-Training von morgens 8 Uhr bis abends 18 Uhr. „Da waren wir schon mal vier bis fünf Stunden ununterbrochen in den High Heels, was richtig schmerzhaft war“, sagt die junge Frau mit den Sommersprossen und lacht.

Zeit hatten die Teilnehmer auch, sich die Stadt anzuschauen. In einem großen Veranstaltungsgebäude etwas außerhalb von Bangkok fand dann die Miss-Wahl statt. Da galt es, vor bis zu tausend Zuschauern verschiedene Aufgaben zu erfüllen – persönliche Fragen in der internationalen Gebärdensprache zu beantworten oder mit der Präsentation in unterschiedlichen Outfits die Jury zu überzeugen. Vanessa Krieg war so souverän und sammelte so viele Punkte, dass sie ins Finale einzog.

Dort stand sie nach weiteren Aufgaben schließlich nur noch mit der Kandidatin aus Russland auf der Bühne und wartete auf die finale Entscheidung. Die Überraschung war perfekt, als die Deutschlandflagge auf der Leinwand aufleuchtete. „Es hat so großen Spaß gemacht“, schwärmt die Leonbergerin, noch immer überwältigt von allen Eindrücken.

Die lässt sie erst einmal sacken. Im neuen Jahr wird sich dann die veranstaltende Agentur melden und mitteilen, welche Aufgaben die neu gekrönte Miss Universum zu erfüllen hat. Schon jetzt weiß sie aber, dass sie im kommenden Jahr bei der nächsten Wahl Jury-Mitglied sein wird. Und dann ist da noch mehr denn je der Traum von GNTM.

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