Missbrauch Der böse Schatten bleibt

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Plötzlich war Helmut K. am Telefon


Erst 1978, als 20-Jähriger, gelang es Harry, aus dem bösen Schatten zu treten. Er zog aus der Wohngemeinschaft aus - und 1981 ganz aus Stuttgart weg nach Bayern. Zuvor war der einzige Versuch, Helmut K. zur Rechenschaft zu ziehen, kläglich gescheitert. Harry war ins Jugendamt gestiefelt, um sich beim Amtsleiter zu beschweren. Doch eine Mitarbeiterin wimmelte ihn ab: Wem glaube man wohl mehr, einem Heimkind oder einem angesehenen Sozialarbeiter. Erst 1984 verließ Helmut K. das Jugendamt - aber nicht wegen der Missbrauchsfälle, obwohl sich mittlerweile auch andere Jugendliche gemeldet hatten. K. war wegen Betrügereien und Waffenschmuggels aufgefallen; das Jugendamt trennte sich diskret mit ihm. Heute sagt Heinrich Korn, der stellvertretende Leiter des Jugendamtes: Es lasse sich nicht mehr klären, wer die Jugendlichen damals abgewiesen habe - er biete aber allen Betroffenen an, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Und spätestens seit Ende der 90er Jahre werde großer Aufwand betrieben, um solche Delikte zu verhindern, fügt Korn an: "Wir sind überzeugt, dass unangemessenes Verhalten oder gar Übergriffe frühzeitig bekannt werden würden."

Für Harry G. kam dieses neue Leitbild zu spät. Aber es ging voran in seinem Leben. Er baute ein kleines Unternehmen auf, das er heute noch leitet. Er gründete eine Familie und bekam Kinder. Innendrin aber loderte das Feuer des Missbrauchs weiter. Er sei viele Jahre arrogant aufgetreten, tatsächlich aber ängstlich und blockiert gewesen, erzählt Harry. Und er habe jahrelang gefürchtet, selbst Täter zu werden - denn in Berichten hatte er gelesen, dass viele Pädophile in ihrer Kindheit missbraucht worden sind.

Im Jahr 2004 holte die Vergangenheit Harry wieder ein. Nach mehr als 20 Jahren war plötzlich Helmut K. am Telefon - er hatte Harrys Adresse ausfindig gemacht und habe gefragt: "Du hast doch jetzt auch einen Sohn - wie alt ist der jetzt?" Harry fiel in ein tiefes Loch, der böse Schatten schlich sich wieder in seine Seele; und vielleicht hätten die Depressionen ihn niedergerungen, wenn er nicht eine gute Therapeutin gefunden hätte. Harry dachte an Selbstmord. Und schließlich an Mord. Doch als er die alte Nummer wählte, um K. in eine Falle zu locken, ging Bernd Behnk ans Telefon. Behnk war der neue Vorsitzende des Sonneck-Hütten-Vereins, den K. ebenfalls geleitet hatte. Behnk erklärte Harry, dass K. wegen Betrugs im Gefängnis sitze und dass er gerade dabei sei, alle Fakten über Helmut K.s Übergriffe der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Die aber hat nie auf das detaillierte Schreiben reagiert. Und auch die Ermittlungsergebnisse der Polizei im Allgäu, wo K. auf den Sonneck-Hütten ebenfalls Jugendliche missbraucht haben soll, brachten die Staatsanwaltschaft Stuttgart nicht zu einer Anklage.

Weitere Missbrauchsfälle bleiben ungeklärt


Vor einem guten Jahr ist Helmut K. in Haft gestorben - erst der Tod beendete sein Tun. Und so wird wohl niemand mehr klären, ob ein ehemaliger Schützling von Helmut K. auch deshalb heute in der Psychiatrie sitzt, weil Helmut K. ihn angeblich mit harten Drogen gefügig gemacht hat. Und niemand fragt mehr nach der Geschichte jenes gehörlosen Jungen, den Helmut K. noch 1999 auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof angesprochen hat und den er später ebenfalls missbraucht haben soll.

Nicht alle hatten einen Schutzengel, wie Harry G. Und doch ist er sicher, dass viele Hilfe finden könnten: "Egal, was man erleiden musste, man muss darüber reden, reden, reden - solange, bis der Schmerz weg ist", sagt Harry mit fester Stimme. Und leise fügt er hinzu: "Das ist das Gute in meinem Leben, dass ich das konnte."

Opfer können sich beim Amtsleiter des Jugendamtes melden unter Telefon 0711/216-2504




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