Dante wiederum gesellt in seinem siebten Höllenkreis zur Schar der ihre ewige Strafe verbüßenden Päderasten nebst „Literaten von großem Ruhm“ ausschließlich Kleriker – eine illustre Runde der Knabenliebe, vom Dichter teils mit hohem Respekt behandelt, aus der jeder zu Lebzeiten „die bös gespannten Sehnen beugte“, wie es als Umschreibung des homosexuellen Analverkehrs von einem mitverdammten Bischof heißt. Hingegen werden in Giovanni Boccaccios Novellenzyklus „Decamerone“, um 1350 entstanden, die kopulierenden Pfaffen und listigen Mönche, die frommen Damen schon mal als begattender Erzengel Gabriel erscheinen, bisweilen mit unverhohlener Sympathie geschildert, einer Komplizenschaft im Schelmischen, einer Freude am Frivolen. Man mag darin einen Einspruch des Lebens, eines jovialen und robusten Triebs gegen die Strenge eines abstrakten Sittengesetzes sehen, zweifellos auch eine Entlarvung von Scheinheiligkeit, die – wie später Molières Tartuffe – ihre Mittel zu sexuellen statt spirituellen Zwecken einsetzt. Doch blitzt bei Boccaccio auch eine radikale antiklerikale Kritik auf, wenn er einen zum Christentum konvertierten Juden sagen lässt, „dass der oberste Seelenhirt und mit ihm alle anderen nach besten Kräften auf jede erdenkliche Art und Weise darauf bedacht sind, die christliche Religion zu zerstören und vom Erdboden verschwinden zu lassen“.
Womit wir in der heutigen Gegenwart angelangt sind: bei einer selbstzerstörerischen, von Missbrauchsskandalen getroffenen katholischen Kirche, in der immer noch manche Kirchenmänner und vereinzelte Gläubige – allesamt aus der konservativen Ecke – weniger den Missbrauch für den Skandal halten als seine Aufdeckung. Im unguten Gleichklang damit der urbi et orbi demonstrierte Unwillen zu tatsächlichen Reformen, das Gebaren einer Autorität, die man längst verloren hat, das sture Beharren auf Verbindlichkeiten, deren theologische Begründung kaum noch als Debattenstoff taugt: jüngst etwa die vatikanische Weigerung, homosexuellen Beziehungen die ihnen zustehende geistliche Wertschätzung zuteil werden zu lassen, verkündet wie in schlechten alten Zeiten im pontifikalen „Roma locuta, causa finita“-Tonfall (Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt). Die desaströsen Folgen betreffen nicht nur die Massenabwanderung austretender Karteileichen, die immerhin Kirchensteuer zahlten, sondern vor allem die Entfremdung derjenigen von ihrer Kirche, die sich eigentlich zu ihr bekennen möchten, die sich in den Gemeinden engagieren, die am Leben halten, was sonst dank Zölibat längst tot wäre. Die Kombination von Priestermangel und immer noch dominantem Klerikalismus in der katholischen Kirche hat zu der paradoxen Situation einer weiträumigen pastoralen Verwaisung geführt. Dahinter steckt eine nachgerade verantwortungslose Prioritätensetzung, die lieber die Gläubigen in die Wüste schickt, als jenen Ausdruck von Sexualfeindschaft, jene Besessenheit von der „Sünde des Fleisches“ zu revidieren, wie sie im Enthaltsamkeitsgebot für das geistliche Personal ihre Pflöcke einrammen. Aber: Es gibt naturgemäß keine zuverlässigen Daten, wie viele katholische Pfarrer tatsächlich dem seit dem Jahr 1139 kirchenrechtlich verankerten Pflichtzölibat Folge leisten. Und wie gesagt: Man traut dem ganzen faulen Keuschheitszauber seit jeher nicht so recht über den Weg.
In der Reformationszeit wurden angebliche sexuelle Laster des römischen Klerus zu einem populären Motiv der protestantischen Propaganda. Eine Spur davon findet sich in der anonymen „Historia von D. Johann Fausten“, dem literarischen Ursprung des Faust-Stoffs. Auf seiner Weltreise begegnet Faust in Rom einem ganzen Todsündenregister, „als vbermut / stoltz / Hochmut / Vermessenheit / fressen /sauffen/ Hurerey / Ehebruch / vnnd alles Gottloses Wesen deß Bapsts vnd seines Geschmeiß“. Deutlicher wird die mutmaßlich Vorlage der Passage, ein 1577 erschienenes Historien- und Exempelbuch des evangelischen Theologen Andreas Hondorff. Dort ist ausdrücklich Papst Alexander VI. genannt, der „einen Son gehabt / vnnd eine Tochter / die hat geheissen Lucretia / die hat er der Vatter beschlaffen / vnnd hat sie der Bruder auch beschlaffen“. Nach heutigem Kenntnisstand sind die Inzest-Vorwürfe frei erfunden, sie beruhen auf frühen Verleumdung des skrupellosen Machtpolitikers auf dem Stuhle Petri und seiner schönen Tochter. Der Goethe-Zeitgenosse Friedrich Maximilian Klinger indes hat die Episode um die verruchte Papst-Sippschaft in seinem satirisch-aufklärerischen Roman „Faust’s Leben, Thaten und Höllenfahrt“ breit ausgeführt als eine Station im Horrorkabinett des Feudalismus, wo geistliche Macht und Gottesgnadentum ihren eigenen Missbrauch ungestraft ermöglichen, bis hin zur gnadenlosen Ausbeutung und zur rückhaltlosen sexuellen Gier. Der brutalste aller Aufklärer, Donatien Alphonse François de Sade, ernennt den Papst vollends zum Gegenteil seiner selbst – oder vollstreckt Luthers Papst-Kritik („des Teufels Sau“) in aller literarisch-fiktiven Radikalität: der Papst als Schwarze Messen feiernder Satanist. De Sades folternde und sexualmordende Kirchenfürsten sind freilich keine polemischen Zerrbilder im Dienste einer Reformation, sondern verkehren planmäßig das Sakrament ins Sakrileg, wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ schreiben. Getreulich folgen sie den sakralen Tabus, um sie zu brechen. Weil aber die Tabus bewehrt sind mit aller Angst einflößenden Gewalt, kann das Tabuisierte nur als Bestialität wiederkehren, als sexualisierte Gewalt.
All diese Erzählungen über die Sexualität der katholischen Kirche zwischen besorgter Kritik, freundlichem Spott, übler Nachrede oder fantastischer Projektion übertönen das jahrhundertelange dröhnende Schweigen der Kirche selbst. Über Sex spricht man nicht, erst recht nicht als heilige Institution. Man verdammt ihn. Weil aber die katholische Kirche – zu ihrem Nutzen, aber auch Nachteil – ein singuläres Merkmal auszeichnet, nämlich die Identität mit sich selbst in ihrer 2000-jährigen Geschichte, braucht die Frage nach ihrer Sexualmoral und deren Missbrauch nicht nur die Instrumente moderner Analyse, sondern auch die historische Perspektive der alten Geschichten, Zuschreibungen und Mutmaßungen. Denn im Wesentlichen besteht die sexuelle Konstitution der katholischen Kirche unverändert aus Phallokratie und Virginität, beide institutionell aufgeladen zur exklusiv männlichen Priesterkirche einerseits, zu weiblichen Ordensgemeinschaften andererseits, die unter der Voraussetzung der Jungfräulichkeit Frauen die einzige Möglichkeit bieten, einem geistlichen Stand, wenn auch ohne Weihesakrament, anzugehören. Diese offizielle, institutionalisierte und damit in der modernen Welt einzigartige geschlechtliche Diskriminierung, die theologisch durch nichts zu rechtfertigen ist, steht in einer engen Relation zum systemischen Missbrauch.
Wer Ursachen des Missbrauchs sucht, hat zunächst kritisch nach den Institutionen zu fragen, die ihn fördern oder zumindest ermöglichen: Autoritäre Strukturen, Hierarchien der Kommunikation, Abschottung nach außen mit der Maßgabe, das Gesicht, das intakte Image oder eben den Schein der Moral zu wahren. Daraus folgt eine Verdoppelung der Delinquenz: Den Sexualtätern treten die Vertuschungsstrategen zur Seite. Institutionen solchen Typs sind zum Beispiel Firmen, Internate, Theater, Orchester, Filmbranche, Behörden, Parteien und nicht zuletzt – häufigster Ort sexuellen Missbrauchs – Familien. Die katholische Kirche unterscheidet sich von diesen institutionellen Strukturen in einem einzigartigen und entscheidenden Punkt: als phallokratischer Männerbund, der eine restriktive, die Lebensgestaltung der Menschen gängelnde Sexualmoral propagiert. Es ist offenkundig, dass der Anschein einer durch Askese und Autorität geschützten zölibatären Lebensform eine hohe Attraktivität hat für Männer, die mit ihrer (Homo-)Sexualität nicht zurechtkommen – und die sich darauf verlassen können, dass ihnen ein sonst so sittenstreng eifernder Kardinal Meisner oder einer seiner Kumpane den barmherzigen Nebelmantel umhängt, wenn es sie wieder mal in Versuchung geführt hat.
Die traditionelle Dämonisierung des Sexuellen durch die Kirche ist allerdings im Schlagwort „sexuelle Unterdrückung“ nur unzulänglich erfasst. Nicht nur kennt der Katholizismus die Erotik der mystischen Ekstase, die Zweideutigkeit einer in sinnliche Verzückung umschlagenden Gottesliebe. Vielmehr hält gerade der Begriff der Sünde etwas von der souveränen Würde der Sexualität fest, ihrer antisozialen Kraft, ihrer ungeheuren und gefährlichen Leidenschaft, während sie in den modernen Bedürfnisanstalten der Swingerclubs oder der Cyberpornos nur noch Kleenextücher nass macht. Doch weil die katholische Sexualmoral nur im Verbot aufbewahrt, was in Freiheit zu emanzipieren wäre, verkommt ihr Sexualität zur Obsession, zu einer ausweglosen Fixierung aufs Sexuelle, das überall lauert, dessen Spuren noch den Schein der Unschuld schänden, das in seinen Listen und Tarnungen aufzuspüren die Pflicht wacher Seelsorge ist. Das traditionelle Medium dazu ist die Beichte, das traditionelle literarische Genre der Beichtspiegel – das einzige, in dem die Kirche detailliert vom Sex redete; oder reden lässt.
Michel Foucault hat in „Der Wille zum Wissen“, dem ersten Band seiner „Geschichte der Sexualität“, auf die allmähliche Abkehr von den sehr expliziten Katalogen der verbotenen Stellungen und Praktiken in den Beichtspiegeln des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit hingewiesen. Spätestens ab dem 17. Jahrhundert hat der beichtende Sünder in eigenen Worten jede Regung der Lust zu formulieren, das Licht der Sprache auf die Finsternis der Verworfenheit zu richten, den sexuellen Diskurs durch stets neue Varianten zu führen. Die penetranten seelsorgerischen Aufforderungen zur Genauigkeit und Vollständigkeit – Foucault zufolge mit nahezu identischem Wortlaut parodiert in de Sades gewaltpornografischen Schilderungen – legen den Gedanken nahe, dass die in Rede stehende Sexualmoral zumindest teilweise schon der sexuelle Missbrauch selbst ist. Nicht wenige Opfer berichten jedenfalls vom Teufelskreis des verbalen Aushorchens, der Erzeugung von Scham, Schuldgefühlen und Angst, des langen Schweigens über die Taten.
Dass dieses Schweigen allmählich gebrochen wird, ist eine bittere Auferstehung für die Kirche. Bitter wegen der Austritte, bitter wegen der Risse in der katholischen Identität derer, die sich nicht aus der Kirche hinausekeln lassen, bitter auch, weil es der Kirche die Sprache verschlägt. Sie hat ihren moralischen Kredit verspielt – auch dort, wo sie ihre Stimme zurecht erhebt: gegen die Verelendung großer Teile der Menschheit, gegen die Zerstörung der Ökosphären. Eine Auferstehung ist es, weil die Aufdeckung des systemischen Missbrauchs die Dringlichkeit einer systemischen Reform inhaltlich untermauert. Es ist die Chance, den ewig reaktionären Kirchenzerstörern vom Schlage eines Joachim Kardinal Meisner und seiner Geistesbrüder die Definitionsmacht zu entziehen, was katholisch sei. Es ist vor allem die Chance, das Schweigen zu den Erzählungen über die Kirche zu beenden und die eigene Stimme wiederzufinden für die eigenen, einzigartigen Erzählungen: von Gott, der zugleich Mensch und universeller Geist ist, von der Schönheit eines Spiritualität und Sensualität vereinenden Glaubens, von der Überwindung des Todes und der Anschaulichkeit des Transzendenten, die der Katholizismus gewährt. Aber – systemische Reformen? Öffnung aller Weiheämter auch für Frauen, Ende des Zwangszölibats? Neugier statt Angst vor sexueller Vielfalt? Keine Chance? Boccaccios kluger Konvertit fügt seiner vernichtenden Kritik eine Pointe hinzu: Dass die Kirche trotz ihres Führungspersonals überlebt, sei ein Beweis, „dass der Heilige Geist selbst als Fundament und Stütze in ihr ruht“. Was ist katholischer, als auf den Heiligen Geist zu vertrauen?