Missbrauchfälle in der katholischen Kirche Stadtdekan Hermes fordert Öffnung des Zölibats

Von Martin Haar 

Erschüttert von den Missbrauchsfällen und der laschen Aufarbeitung in der katholischen Kirche rechnet Stadtdekan Hermes schonungslos ab und kritisiert sogar den Papst.

Stadtdekan Christian Hermes hat eine klare Meinung zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Stadtdekan Christian Hermes hat eine klare Meinung zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Es vergeht kein Tag, an dem Stadtdekan Christian Hermes nicht mit dem Folgen des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche konfrontiert wird. Gläubige und Nicht-Gläubige wollen Auskunft. Im Haus der Katholischen Kirche kommt es auch vor, dass sich Missbrauchs-Opfer an die Schwestern wenden. Im seelsorgerischen Gespräch brechen sie schließlich in Tränen aus. All das hat Hermes dazu bewegt, in einer Stellungnahme klare Haltung zu beziehen und schärfste Kritik zu äußern. In einem Satz: „Eine solche Kirche hat Jesus sicher nicht gewollt.“

Persönliche Erschütterung

Der Stadtdekan fordert schonungslose Aufklärung und die Öffnung des Zölibats: „Klar ist für mich, dass eine Öffnung des kirchlichen Amtes für in Ehe und Familie bewährte Männer und ebenso auch für Frauen das Setting verändern würde und das Männergeklüngel aufbrechen würde.“

Alleine diese Forderung bezüglich des Zölibats dürfte nicht nur in konservativen Kirchenkreisen für heftige Reaktionen sorgen. Aber die persönliche Erschütterung nach den Opferberichten und den Reaktionen in seiner Kirche haben Hermes offenbar dazu gedrängt: „Ich war und bin schockiert, traurig, enttäuscht, auch wütend - wie viele andere in und außerhalb der Kirche. Das Ausmaß an kranken Verbrechern, die sich durch Weihe und Amt nicht nur geschützt fühlten, sondern dort offenbar noch besonders günstige Voraussetzungen gefunden haben, Kindern Leid anzutun, ist erschreckend.“ Zumal man hier Dimensionen sehe, bei denen niemand mehr von „bedauerlichen Einzelfällen“ sprechen könne. Hermes spricht dagegen von „toxischen Milieus“, die aufgebrochen werden müssten. Denn die neue, von der Bischofskonferenz beauftragte Studie, habe die Lage vor Augen geführt: „Die Ergebnisse schockieren, weil sich über alle 27 Diözesen zeigt, welches Ausmaß sexualisierte Gewalt in der Kirche in der Vergangenheit und offenbar bis in die jüngste Gegenwart hatte. Dabei wissen wir über das Dunkelfeld ja noch wenig.“

Kein Missbrauch im eigenen Dekanat

Die Folgen für die Kirche sind nach seiner Meinung gravierend. Selbst Papst Franziskus spart er bei der Kritik nicht aus: „Unsere Glaubwürdigkeit ist schwer und zutiefst beschädigt. Wobei mich irritiert, wie sonst sehr selbstbewusste und amtsbewusste Bischöfe und Kardinäle bis hin zum Papst so schnell von „wir“ sprechen. Wer ist das „wir“, das schuldig geworden ist? Viele Gläubige fühlen sich hier in eine Schuld hineingenommen, die sie gar nicht haben.“ Weiter sagt er: „Die Betroffenheitsäußerungen seitens des Papstes und der Bischöfe laufen inzwischen Gefahr, zur leeren Geste zu werden.“ Die Öffentlichkeit wolle nun Taten sehen. So wie Hermes selbst: „Ich habe sehr viele Fragen an meine Kirche, gerade aus Loyalität und Liebe zu dieser Kirche.“ Denn diese Kirche sei „im Kontext moderner politischer Entwicklungen nicht mehr vermittelbar“. Für das eigene Dekanat schloss er Missbrauchsfälle in seiner Amtszeit seit 2011 aus: „Mir ist kein Fall bekannt.“ Für die weitere Aufarbeitung bedient er sich eines Zitates von Papst Franziskus: „Wir müssen die Straße der Wahrheit weitergehen, egal wohin sie uns führt.“ Er selbst werde „sehr genau darauf achten, ob dieser Weg gegangen wird“.

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