Missbrauchsskandal in Korntal Ein Schweigemarsch, um Gehör zu finden

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Auf dem Korntaler Weihnachtsmarkt treten einige Opfer des Missbrauchsskandals erstmals an die Öffentlichkeit. Diese ignoriert sie offenbar weitgehend. 

Vom Bahnhof sind die ehemaligen Heimzöglinge zum Großen Saal gelaufen. Dort stellten sie Kerzen auf. Foto: factum/Granville
Vom Bahnhof sind die ehemaligen Heimzöglinge zum Großen Saal gelaufen. Dort stellten sie Kerzen auf. Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen - Auf dem Korntaler Weihnachtsmarkt haben am Sonntag ehemalige Zöglinge auf sich und ihre Leidensgeschichte im Kinderheim Hoffmann- und Flattichhaus aufmerksam gemacht. Sie sind damit erstmals in der Öffentlichkeit aufgetreten. Eine Gruppe von zehn Gewaltopfern zog vom Bahnhof über den Markt zum Saalplatz. Ihre Aktion habe nahezu keine Reaktion auf dem Markt oder an der Kirche hervorgerufen, erzählt Angelika Bandle. „Wir wurden ignoriert.“ Sie selbst hätten sich sehr unwohl dabei gefühlt.

Im Großen Saal, dem Gotteshaus der evangelischen Brüdergemeinde, zu dem die Kinderheime gehörten, stellten die Erwachsenen Kerzen auf. Auf einem Papier stand zu lesen: „Wir wünschen uns inneren Frieden, gegenseitigen Respekt und Versöhnung. Wir fragen uns: Wie kann ein Aufarbeitungsprozess gut gelingen, der Betroffene ratlos, hilflos und ungehört zurücklässt?“ Die Kerzen stünden „auch in stillem Gedenken an jene, die ihrer Finsternis hier auf Erden ein Ende gesetzt haben“.

Stein des Anstosses ist die Vergabekommission

Derzeit werden die Vorfälle in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde recht mühsam aufgearbeitet. Zwischen 1950 und 1980 sollen die Zöglinge auch von Erziehern, dem Hausmeister und dem Pfarrer der Brüdergemeinde verprügelt worden sein, zudem gedemütigt bis hin zur Vergewaltigung. Manche nahmen sich später das Leben.

Alle Fälle werden unter Leitung von Elisabeth Rohr und Gerd Bauz aufgearbeitet. Betroffene halten der Gemeinde aber vor, das Unrecht „von der Öffentlichkeit unbemerkt und für die Gemeinschaft möglichst kostengünstig zum Ende zu bringen“.

Mit diesen Worten hatte Angelika Bandle, die Sprecherin von rund 20 Opfern, zuletzt die Aufarbeitung kritisiert. Andere Opfer aus der Aufarbeitungsgruppe distanzierten sich von Bandle. Sie seien „nicht bereit, erneut das Risiko eines Scheiterns oder weiteren Verschleppens bei der Zusammensetzung der Vergabekommission zu riskieren“, teilen sie mit.

Ein Großteil der Opfer will ein Ende des Projekts

Stein des Anstoßes für Bandles Kritik war die Besetzung einer Kommission, die über die Anerkennungsleistungen entscheidet. Die Brüdergemeinde will Opfern zwischen 5000 und 20 000 Euro bezahlen. Bandle und ihr Mitstreiter in der Projektgruppe hatten drei Kommissionsmitglieder benannt. Ein Kandidat wurde in der Projektgruppe abgelehnt, die anderen, darunter die ehemalige baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD), kündigten ihre Teilnahme auf. Katrin Altpeter hatte ihren Schritt unter anderem mit der Intransparenz des Verfahrens begründet.

Als Reaktion auf Bandles Kritik war zudem ein erbitterter, teils persönlich geführter Streit sowohl der Opfer untereinander, als auch mit der Moderatorin Elisabeth Rohr entbrannt. Angelika Bandle hat sich inzwischen nach eigenen Angaben juristisch beraten lassen.

Die ehemaligen Heimzöglinge warten seit mehr als drei Jahren auf die Anerkennung ihres Leids. Detlev Zander war 2014 als erster an die Öffentlichkeit gegangen. Etliche Betroffene sind krank, wollen deshalb nicht länger warten.

Zander verfolgt die Aufarbeitung derweil aus der Distanz. Er hatte der Projektgruppe aus Kritik an den Moderatoren nie angehört. Bandle und er hatten kooperiert, sich später aber zerstritten. „Wir müssen eine Ebene finden, auf der wir erfolgreich weiterarbeiten können“, wirbt Bandle nun dafür, Zander wieder einzubinden. Der sagt über die Aufarbeitung: „Die Täter schließen immer gerne ab. Die Betroffenen leiden weiter.“