Was sind die paar Tausend Kirchenaustritte gegen solchen Zahlen: Jährlich gibt es allein in Afrika zwölf Millionen Christinnen und Christen mehr – ungefähr so viele Menschen, wie in ganz Bolivien leben. Zu erfahren war das als Lösung einer Quizfrage am Stand des Overseas Council auf dem Landesmissionsfest der Evangelischen Kirche in Esslingen. Auch bei der evangelikalen Organisation gibt man indes unumwunden zu, dass sich der Zuwachs kaum missionarischen Erfolgen, sondern dem Bevölkerungswachstum verdankt. Aber Zahlen sind Zahlen. Sie belegen, dass für die Kirchen längst Realität ist, was postkoloniale Theorien verheißen: Die Musik spielt nicht mehr im vergreisenden Europa.
Dass das Landesmissionsfest am Sonntag eine im Wortsinn randständige Veranstaltung war, hatte freilich andere Gründe. Am Rand standen die Besucher dicht gedrängt im Schatten der Bäume, während der glutheiße Marktplatz vor der Bühne weitgehend leer blieb. Ein paar Hundert Besucherinnen und Besucher, schätzt der Esslinger evangelische Dekan Bernd Weißenborn, mögen im Laufe des Nachmittags vorbeigeschaut oder verweilt haben. Angesichts von Hitze und Freibadwetter ist Weißenborn damit „sehr zufrieden“. Zumal die Stunde der Kirchenmusik am Samstag mit dem Jugendchor aus dem malaysischen Sabah und der Jugendkantorei Esslingen ebenso wie der Gottesdienst am Sonntag in der Stadtkirche mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sehr gut besucht waren.
Mission ist Information statt Horizontverengung
Wer zum Fest auf dem Marktplatz kam, wurde im besten Sinne missioniert, nämlich informiert über den Einsatz für Menschen unabhängig von deren Religion, ethnischer Herkunft und Geschlecht – einen Einsatz, der gleichwohl im christlichen Glauben und den Aussagen des Evangeliums wurzelt. Und sich damit einer globalen Perspektive öffnet, welche die Horizontverengungen im globalen Norden zumindest aufzeigt. Zum Beispiel die, dass der Klimawandel auf dem überhitzten Esslinger Marktplatz spielt. Mag sein, ist aber ein Klacks verglichen mit dem westafrikanischen Sierra Leona. Dort, wo die CO2-Fußabdrücke der Menschen klein und die Folgen der Erderwärmung groß sind, haben klimatische Anomalien tödliche Dimensionen erreicht, wie beim Missionsfest zu hören war. Gehäuft auftretenden Unwettern fallen zahlreiche Menschen zum Opfer, Missernten infolge von Brände, Dürren oder Überflutungen verursachen Nahrungsmittelkrisen.
Was da der Bau eines Brunnens bedeutet, schilderte Florence Bull von der Christian Health Association of Sierra Leone: tatsächlich einen Schlüssel zum Himmel, verglichen mit der Situation vorher. Das Esslinger Festmotto „Himmelsschlüssel – Gott suchen in der Welt“ fand damit eine von mehreren exemplarischen Antworten im sozialen Engagement, biblisch gesprochen: der praktizierten Nächstenliebe. Das vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission unterstützte Projekt setzt bei einem Kernproblem mit vielfältigen Folgen an: dem Mangel an sauberem Trinkwasser. In der Gemeinde mit 25 000 Menschen ohne Wasseranschluss mussten die Mädchen mit dem Kanister auf dem Kopf von weither Wasser holen – auf Kosten der Schulbildung, für die keine Zeit blieb, und auf eigenes Risiko, denn häufig waren Überfälle. Zudem gibt es dank neuem Brunnen in der Gemeinde keine Cholera mehr.
Apropos Wasser – auf der Frage, was ihn in Deutschland am meisten überrascht habe, antwortete ein malaysischer Jugendchorsänger: „dass man Leitungswasser trinken kann“. Ein anderer wundert sich über die „sinnlose“ Mülltrennung. Kein Wunder, schließlich landet unser Dreck zu einem großen Teil in Malaysia statt im Recycling, wie der moderierende Pfarrer Dieter Bullard-Werner von der Basler Mission anmerkte.
Um die Gretchenfrage der weltweiten Mission hat man sich in Esslingen nicht gedrückt: Wie hast du’s mit anderen Religionen? Bischof James Wong aus dem mehrheitlich muslimischen Malaysia antwortet: freundschaftlich – und unter Wahrung der gesetzlichen Regeln. Das schließt Bekehrungsversuche unter Muslimen aus, denn das asiatische Land garantiere zwar die freie Religionsausübung, verbiete aber Muslimen die Konversion. Trotzdem sagt auch der malaysische Jugendpfarrer Tony Wang: „Probleme mit dem Islam sehe ich nicht.“
Als Muslima tätig in der evangelischen Altenpflege
In Europa sehen es viele anders. Auch deshalb ist die Europäische Union derzeit vor allem damit beschäftigt, an ihren Außengrenzen Leute abzuwimmeln, denen man als künftigen Pflegekräften im Altersheim Europa eigentlich dankbar sein müsste: Leute wie Rand Var, vor sechs Jahren aus Syrien geflohen, Kopftuch tragende Muslima, fast perfekt Schwäbisch sprechend und Wohnbereichsleiterin im Pflegestift Kennenburg, einer Einrichtung des evangelischen Trägers Dienste für Menschen. Geht das? Wunderbar gehe das, sagt sie. Ihr Glaube gebe ihr Liebe und Wärme mit, sie gehe jeden Tag gern zur Arbeit. Was sie sich wünscht: mehr Informationen über Kirchengebäude, die sie faszinierend findet, und mehr interreligiösen Austausch.
Brutalster Missbrauch von Religion
Dass sich auch die Mörderbande Boko Haram auf den Islam beruft, zeigt den Missbrauch von Religion in brutalster Form. Erschütternd die Berichte von Mary Dzugwarya und Liyatu Yunana, zwei nigerianischen Frauen, deren Männer von Boko Haram ermordet wurden. Sie selbst mussten mit ihren Kindern quasi ins Nichts fliehen: ohne Versorgung und Unterkunft. Der von Mainzer Pfarrerinnen gegründete Verein Widows Care unterstützt Lifeline Compassionate, die Organisation der Frauen.
Der Radikalisierung vorbeugen ist für Pfarrer George Larbi aus Ghana eine gemeinschaftliche Aufgabe, die er zusammen mit muslimischen Imamen und Vertretern christlicher Konfessionen in einem Rat der Religionen wahrnimmt. Pfarrerin Mega Kamase Sambo aus Indonesien, dem weltweit größten muslimischen Land, betont die Vorzüge einer „dynamischen Pluralität“, in der Christen durch ihr Handeln überzeugen könnten. Was Mission sei, bringt Larbi auf ein Wort: Frieden.
Tradition und Begriff
Fest
Das Landesmissionsfest, das von der Evangelischen Landeskirche Württemberg veranstaltet wird und jährlich in einer anderen Stadt stattfindet, blickt auf eine über 200-jährige Geschichte zurück. Erstmals fand es 1821 in Tübingen statt, wenige Tage nach dem eigentlichen Vorbild, dem ersten großen Fest der Basler Mission.
Mission
Ging es damals um die Ausbildung von Missionaren zur Ausbreitung des Christentums in Kolonien, unterscheidet die heutige Theologie zwischen Mission und Evangelisation. Mission (Sendung) ist gelebtes Christentum im Geist der Nächstenliebe, Evangelisation zielt auf Bekehrung nicht oder nicht mehr Gläubiger.