Mit 27 verheiratet, mit 30 geschieden Wie es ist, wenn die Ehe früh scheitert

Wie fühlt es sich eigentlich an, mit Anfang 30 ein geschiedener Mensch zu sein? Foto: imago images/Westend61

Wie fühlt es sich an, geschieden zu sein, während die meisten noch nicht einmal Ja gesagt haben? Wir haben junge Stuttgarter:innen gefragt, warum ihre Ehen so schnell zerbrochen sind.

„Mich hat die Scheidung selbstbestimmter, selbstbewusster und stärker gemacht“, fasst es Sofia zusammen. Die junge Stuttgarterin ist Anfang 30, als sie und ihr damaliger Mann beschließen, sich nach nur einem Jahr Ehe wieder scheiden zu lassen. Was dann aus dem nächsten Umfeld der beiden folgt, beschreibt Sofia mit: „Drama 1000. Schuldzuweisungen, Anschuldigungen, Unverständnis.“ Ihr wurde gesagt, sie würde zu viel vom Leben erwarten und wenn sich das nicht ändern würde, würde sie einsam sterben. „Den Satz werde ich nie vergessen. Menschen können so garstig und verletzend sein, selbst wenn es dafür keinen Grund gibt. Das ist mein Leben und ich kann es gestalten wie ich will“, sagt die junge Frau heute selbstbewusst.

 

Auf drei Hochzeiten kommt eine Scheidung

Wie fühlt es sich an, geschieden zu sein, während die meisten noch nicht einmal Ja gesagt haben? Mit Anfang 20 zu heiraten, das war vor einigen Jahrzehnten noch ganz üblich. Im Gegensatz zu heute, wo das durchschnittliche Heiratsalter bei Frauen bei 32,3 Jahren liegt. Männer heiraten im Durchschnitt mit knapp 34,8 Jahren. Und auch bei der Scheidung sind Frauen mit 44,7 Jahren im Durchschnitt etwas jünger als Männer, deren durchschnittliches Alter 2022 bei 47,8 Jahren lag. Noch mehr Zahlen gefällig? Im Jahr 2022 betrug die Scheidungsrate in Deutschland etwa 35,5 Prozent. Auf drei Hochzeiten kam damit rechnerisch eine Scheidung. Die Dauer der Ehen unterscheidet sich dabei ziemlich stark: Im Jahr 2022 betrug sie durchschnittlich rund 15,1 Jahre.

Die meisten Scheidungen wurden von Paaren vollzogen, die mehr als 26 Jahre miteinander verheiratet waren – hält eine Ehe also nur kurz , staunt das Umfeld meist sehr, wenn es zur Trennung kommt. So auch bei Sofia. „Eine Kollegin hat mich gefragt, wie es sich anfühlen würde versagt zu haben und gescheitert zu sein. Das fand ich sehr sinnbildlich für die gesellschaftliche Wahrnehmung. Man scheitert nicht als Mensch, sondern die Beziehung scheitert.“

Sie und ihr Ex-Mann waren ein Jahr verheiratet. Anschließend kam das Pflicht-Wartejahr und dann die Scheidung. „In der Retrospektive hätten wir nie heiraten dürfen. Ich war sehr unreflektiert und hatte mich nie damit auseinandergesetzt, was die Gesellschaft von einem erwartet und ob ich das wirklich will. Single sein wird dämonisiert und heiraten romantisiert“, sagt die blonde Stuttgarterin.

Heiraten, weil es alle von einem erwarten

Vor der Hochzeit waren die beiden sieben Jahre ein Paar und es schien der logische nächste Schritt zu sein. „Weil man das eben so macht“, sagt Sofia lachend. Die beiden wurden ständig gefragt , wann es bei ihnen so weit sein würde. Dann kam der Antrag, den die 34-Jährige unpersönlich fand – dann aber trotzdem ja gesagt hat, obwohl sie Zweifel hatte. „ Alle anderen haben auf meine Zweifel reagiert, als sei ich verrückt, also habe ich es durchgezogen“, erzählt die junge Frau. Die Vorstellung, für immer in einem spießigen Leben gefangen zu sein, versetzte sie aber in Panik. Als sie ihre Ängste und Wünsche äußerte, wurde ihr gesagt, sie solle pflanzliche Antidepressiva nehmen. „Da war mir klar, dass sich nichts ändern wird, also habe ich mich getrennt“, sagt Sofia, die ihre Entscheidung nie bereut hat.

„Für immer?“

Die Angst, im falschen Leben festzustecken, hatte Oli nie. Seine ehemalige Partnerin lernte der Stuttgarter Ingenieur bereits auf der Schule kennen. „Wir waren beide im gleichen Leistungskurs und merkten schnell, dass da mehr war“, erzählt der 30-Jährige, der seit zwei Jahren wieder geschieden ist. Die beiden machen Abi, teilen sich ein WG-Zimmer, dann kommt die erste gemeinsame Wohnung, Jobs, Praktika, die erste Festanstellung – und auch die Frage: Wie machen wir eigentlich weiter? „Es gab nicht wirklich Druck, aber von unseren Familien kam schon oft die Frage, wie lang wir noch in wilder Ehe leben wollen. Wir seien doch füreinander bestimmt“, erzählt Oli von den familiären Ansprachen zu Weihnachten und dem subtilen Druck, den sie erzeugt hatten.

Im Urlaub macht Oli seiner Freundin dann den Antrag, alle sind begeistert und planen die Hochzeit auf einem Weingut in der Nähe der Eltern. „Anfangs lief alles noch gut, wir kannten uns ja in- und auswendig und ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass sie etwas anderes will als ich – beziehungsweise mich“, erzählt der junge Mann. Doch dann kam die Planung des großen Tages und etwas mehr Stress, als der Beziehung gut tat. Seine Ex-Partnerin trat zur gleichen Zeit eine neue Stelle an, die von ihr viel Einsatz forderte.

„Ich war fassungslos“

Als die Hochzeit dann endlich rum war, und Ruhe einkehren sollte, wurde es noch stressiger. „Sie machte ständig Überstunden, hatte kaum noch Freizeit und war irgendwie verändert“, erinnert sich Oli. Dass der Grund für die langen Bürotage eigentlich ein Kollege war, konnte der Ingenieur nicht ahnen. Etwa sieben Monate nach dem Beginn der Affäre beichtet seine Frau ihm von dem anderen. „Ich war fassungslos“, berichtet Oli und sagt, dass er seiner Partnerin nach den ersten Schrecksekunden schon verziehen hatte. Dass sie die Trennung wollte, entsetzte den 30-Jährigen umso mehr.

Olis Umfeld reagiert zuerst ungläubig, dann wütend. So kurz nach der Hochzeit trennt man sich doch nicht, sagen seine Eltern. Seine Freund:innen und die Trauzeugen brechen sogar den Kontakt mit seiner Ex-Partnerin ab. „Alle waren sauer auf sie“, erinnert er sich. Und er selbst? „Ich stand unter Schock, konnte nicht schlafen, nicht essen, mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf.“ Die Zeit danach mit dem Trennungsjahr und der endgültigen Scheidung erlebt er wie in einem Film. „Alles lief einfach so ab, ich musste funktionieren und konnte eigentlich nur auf das, was mir angetan wurde, reagieren.“ Mit seiner Ex hat er heute keinen Kontakt mehr.

Wie eine normale Trennung – nur mit mehr Papierkram?

Anders als Oli erlebte Sofia die Zeit nach der Trennung. „Für mich persönlich war die Zeit nach der Scheidung gar nicht schlimm. Es ist eine ganz normale Trennung, wie jede andere auch, nur mit mehr Papierkram“, sagt die Stuttgarterin, die genauso wie ihr Ex wieder verheiratet ist. „Mein Ex-Mann hat seit letzten Herbst auch einen Sohn. Ich gönne ihm das sehr, dieses Leben hätte ich nie führen wollen und so haben wir beide genau das, was uns glücklich macht“, sagt Sofia.

Mittlerweile ist es ihr egal, erklären zu müssen, dass sie schon mal verheiratet war. Irgendwann habe sie verstanden, dass sie sich vor niemandem rechtfertigen muss und es ihr auch egal sein kann, was Menschen von ihr denken, sagt Sofia. Dass Menschen durch Druck von außen länger in ungesunden Beziehungen bleiben als nötig, findet sie bescheuert. „Manche Trennung sollte man feiern, statt mit dem Finger darauf zu zeigen.“ Sporadisch hat sie noch Kontakt zu ihrem ehemaligen Mann, aber nur dann, wenn es notwendig ist und man alte Sachen im Keller findet. „Mein Ex möchte das nicht, weil es alte Wunden aufreißen würde, was ich schade finde, aber respektiere.“

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