Mit dem Tretroller durch Deutschland Vom schiefen Turm von Thüringen

Von mhi 

Michael Wigge hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben: Der Reporter ist durch Deutschland gefahren – auf dem Tretroller. In 80 Tagen sollte es vom südlichsten zum nördlichsten Punkt gehen. Die Wette hat er nur knapp verloren.

Obwohl Michael Wigge die Wettvorgabe um einen Tag verfehlt hat, jubelt er im Ziel. Foto: StZ
Obwohl Michael Wigge die Wettvorgabe um einen Tag verfehlt hat, jubelt er im Ziel. Foto: StZ
Stuttgart – - Für viele ist er der Indiana Jones seiner Generation: Er reiste ohne Geld bis in die Antarktis und tauschte sich vom Apfel zum Eigenheim auf Hawaii. Dieses Mal hat sich Michael Wigge auf eine Wette eingelassen, die ihn an den Rand seiner körperlichen Fähigkeiten brachte. Mit dem Tretroller sollte es quer durch die Republik gehen: vom südlichsten zum nördlichsten Punkt in 80 Tagen. Herausgekommen ist ein skurriles Deutschlandporträt.
Herr Wigge, warum um Himmels Willen mit dem Tretroller?
(Lacht) Das ist eine gute Frage. Wenn man als Reporter mit dem Auto durch Deutschland reist, kann man schon an ein paar interessanten Sachen vorbeirauschen, ich brauchte also etwas Langsameres. Außerdem wollte ich eine sportliche Herausforderung. Dadurch kam ich zu dieser Mischung aus Kulturrecherche und sportlichem Wettkampf. Der Tretroller passte zu dieser Idee.
Wie haben Sie die Strecke geplant?
Es ging darum, Deutschland von nördlichsten zum südlichsten Punkt zu durchqueren, von Sylt zum Haldenwanger Eck an der bayerisch-österreichischen Grenze. Dabei wollte ich viele spezielle, auch humoreske und unkonventionelle Orte und Menschen treffen. Ich wollte nicht das klassische Deutschland, wie den Kölner Dom, besuchen. Mir ging es darum, wie facettenreich, ungewöhnlich und unkonventionell Deutschland ist. Der schiefe Turm von Thüringen ist beispielsweise viel schiefer als der von Pisa, aber alles andere als ein Touristen-Highlight. Anderes Beispiel: Ich habe den Mittelpunkt Deutschlands gesucht. Es gab aber gleich sechs Orte in Deutschland, die sich mit diesem Superlativ schmücken. Alle behaupten, nach ihrer Berechnungsart der Mittelpunkt Deutschlands zu sein. Das sagt auch etwas über eine Kultur aus: Offensichtlich gibt es in Deutschland einen großen Anreiz, einen Superlativ zu haben. Ob Ufo-Meldestelle in Mannheim oder die beiden angeblich größten Kuckucksuhren der Welt im Schwarzwald, es gab einiges zu sehen. Dadurch wurde es ein Zickzackkurs über 2500 Kilometer. In 80 Tagen mit Filmen und Schreiben, eine ordentliche Ansage.
Wie haben Sie sich auf die sportliche Herausforderung vorbereitet?
Ich hatte drei Monate Zeit für das Training. Erst einmal habe ich aufgehört zu rauchen. Dann Joggen – jeden Morgen sechs bis acht Kilometer. Einen Monat vor Reiseantritt bin ich auf den Tretroller umgestiegen. Im Winter bin ich jeden Morgen 15 Kilometer durch Berlin gefahren. Trotz tiefen Schnees ging es durch den Tiergarten. Da kamen die ersten Probleme. Durch die ungewöhnliche Haltung für den Körper habe ich Rückenschmerzen bekommen. Ein paar Wochen vorher war ich mir sicher, dass ich die Herausforderung nicht antreten kann. Ich war dann bei einem Orthopäden und beim Tretroller-Verband. Ich musste die Position auf dem Roller verändern und weitertrainieren, um den Rücken zu stärken. Man fährt in einer Hockstellung, fast wie beim Hundert-Meter-Start.
Ihr persönlicher Höhepunkt?
Da gab es natürlich vieles, aber in Dinkelsbühl gibt es etwas, das für mich exemplarisch für Deutschland steht. Dinkelsbühl konkurriert stark mit Rothenburg. Rothenburg ist aber wesentlich bekannter – gerade weltweit. Dinkelsbühl hat immer so ein wenig das Nachsehen. Die dachten sich wohl, wir brauchen eine besondere Attraktion – und haben den Stadtbeleuchtungsautomat installiert. Das heißt, man kann nachts zwei Euro in den Automat werfen und die ganze historische Altstadt wird für eine Viertelstunde beleuchtet. Das stört vielleicht ein paar Leute, die gerade schlafen, aber egal, das Licht geht an und wieder aus, Licht an und wieder aus . . . Ich finde das sehr deutsch, weil es viel mit Technik zu tun hat. Man überlegt sich einfach so einen Automaten.
Und das schlimmste Erlebnis?
Der Tiefpunkt war in Wolfsburg, der Rücken fing wieder an zu schmerzen. So richtig heftig, der Abbruch der Reise war im Gespräch. Keine Ahnung, woher das kam. Ich konnte zwei Tage gar nichts machen. Jede Bewegung war richtig schmerzhaft. Beim Orthopäden in Wolfsburg gab es eine Ultraschallbehandlung, eine Reizstrom-Massage und eine Akupunktur sowie einen Rückenstützgürtel für den Rest der Reise.
Die Topografie der Strecke machte Ihnen keine Probleme?
Doch, die ganzen Mittelgebirge waren hart, da hatte ich mir wenig Gedanken gemacht. Ich musste viel schieben. Jedes Gebirge ist relativ schlecht für einen Rollerfahrer. Dann auch noch der Wind. Beim Gegenwind kann man nicht wie beim Fahrrad einen Gang runter schalten. Gerade oben an der Nordsee musste ich die ganze Zeit schieben. Und es gab auch noch die Hochwasserphase im Mai. Ich hatte zuerst Glück, aber in Heidelberg war es aus. Die ganze Altstadt stand unter Wasser, es waren einfach alle Wege überschwemmt. Und in Bayern warf mich zum Schluss auch noch eine Hitzewelle zurück.
Wie weit sind Sie denn bei ihrer längsten Etappe gekommen, wenn Sie so oft schieben mussten?
In Baden-Württemberg bin ich in zwei Tagen 165 Kilometer gefahren – 82 Kilometer an einem Tag und 83 Kilometer am nächsten. Da fährt man dann acht Stunden Tretroller mit Musik im Ohr, um sich bei Laune zu halten. Danach fühlt man sich wie nach einem Marathon.
Tritt man nicht im Schlaf weiter, wenn man so lange Roller fährt?
Das ging mir nicht so, aber gut geschlafen habe ich. An den Roller-Tagen habe ich immer um 22 Uhr schon tief geschlafen. Wenn ich aber nicht gerollert bin, konnte ich nachts nicht mehr einschlafen, weil der Körper sich so sehr an die hohe Belastung gewöhnt hatte.
Ist der Tretroller jetzt immer noch Ihr ständiger Begleiter?
Ganz im Gegenteil: Ehrlicherweise bin ich wieder auf Joggen und andere Sportarten umgestiegen. Ich mache solche verrückten Sachen immer nur einmal. Das reicht. Jetzt suche ich mir ein neues Projekt.

Von Beruf: Abenteurer

Michael Wigge ist mit einem Tretroller fast 2500 Kilometer vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Deutschlands gefahren. In 80 Tagen, so die Wette mit der Deutschen Welle. Auf dem Weg war er auf der Suche nach Superlativen. Das zugehörige Buch „Auf dem Tretroller durch Deutschland“ kommt heute heraus. Alle Roller-Abenteuer von Michael Wigge sind auf der Deutschen Welle im Internet unter dw.de zu verfolgen. Sie laufen auch auf dem Sender Einsfestival.

1976 geboren, arbeitet Wigge seit 2002 als Reporter für verschiedene private und öffentlich-rechtliche Fernsehsender. Außerdem schreibt er Bücher und Blogs.

Wigge ist ohne Geld in die Antarktis gereist, hat einen angebissenen Apfel gegen ein Haus auf Hawaii getauscht und hält den Weltrekord im Langstrecken-Esel-Reiten. Für seine Reportagen erhielt er mehrere Auszeichnungen.




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