Frankfurt - Das hat es weit mehr als zehn Jahren nicht gegeben – Kassenchef Jürgen Kerner kann sich jedenfalls nicht daran erinnern: Die Beitragseinnahmen der IG Metall sind 2020 im Vergleich zum Vorjahr von 598 auf 591 Millionen Euro gesunken. Gründe sind der leichte Mitgliederschwund und geringere Mitgliedsbeiträge wegen der Kurzarbeit. An ihrer Handlungsfähigkeit, betont die IG Metall, könne aber weiterhin kein Zweifel bestehen – schon weil allein 2020 noch 89 Millionen Euro für Streiks und politische Aktivitäten zurückgelegt wurden. Dazu ein aktueller Überblick.
Mitgliederrückgang wird gebremst Einen gravierenden Einbruch hat die IG Metall im Krisenjahr noch verhindert: Ende 2020 hatte sie 2,21 Millionen Mitglieder – fast 48 000 Mitglieder (zwei Prozent) weniger als ein Jahr zuvor. „Wir sind eine Organisation, die ihre Stärke aus dem direkten Gespräch zieht“, sagte der Vorsitzende Jörg Hofmann. Die Kommunikation mit Betriebsräten, Vertrauensleuten, Mitgliedern und Beschäftigten sei wesentlich. Der digitale Austausch sei kein gleichwertiger Ersatz. Trotzdem sei es gelungen, mehr als 87 500 neue Mitglieder zu gewinnen – „das ist eine beachtliche Zahl angesichts der widrigen Umstände“. Dazu gehört auch der Wegfall von 120 000 Stellen – rund drei Prozent der Arbeitsplätze – in der Metall- und Elektroindustrie. Zudem wurden Zehntausende Leiharbeiter abgemeldet, und auch der Schwund bei den Ausbildungsplätzen beschränkt die Zahl der Neuzutritte. Schon rund 2000 Beschäftigte im Monat treten online bei.
Aussichten für die Betriebe Grundsätzlich setzt Hofmann auf eine Stabilisierung der Industrie. Konkreter sieht er aber „massive Risiken“ für die kleinen und mittleren Unternehmen – gerade bei den Zulieferern, wo die Insolvenzgefahr aufgrund der Dauer der Unterauslastung und der notwendigen Refinanzierung von Investitionen steige. Nach der Rückkehr zum alten Insolvenzrecht sei es wichtig, dass diesen Betrieben Auffang-Angebote gemacht werden können.
Wegweisende Phase für Tarifrunde Ihre Aktionsfähigkeit will die IG Metall am 1. März mit einem bundesweiten Aktionstag demonstrieren. Dann ist sie in der Tarifrunde aus der Friedenspflicht und darf zu Warnstreiks aufrufen. Hofmann stellte eine „Blockadehaltung“ der Arbeitgeber vor allem im Südwesten fest: Hier hätten sie sich mit Gegenforderungen positioniert – was aber „nur etwas über die innere Verfasstheit der Verbände aussagt und nicht über den Ablauf der Tarifrunde“. Bei ihrer Forderung nach betrieblichen Zukunftstarifverträgen zur Abfederung des Strukturwandels und zur Absicherung der Beschäftigten sieht sich die Gewerkschaft vor allem in Nordrhein-Westfalen „auf einem guten Weg“. Das Entgeltvolumen sei bisher an keinem Verhandlungstisch ein Thema gewesen, weshalb mit Blick auf einen Pilotabschluss die spannende Frage sein werde, „wie sich die Landschaft bei den Arbeitgebern sortiert“, wie Hofmann meint. Die IG Metall habe ein „flexibles Zeitkonzept“. Die Tarifrunde müsse nicht vor Ostern (Anfang April), beendet sein. Es könne auch sein, „dass sie danach weitergeht“ – man sei „nicht in der Not, zum Tage X einen Abschluss haben zu müssen“.
Ausbildung stark zurückgefahren „Alarmierend“ nennt es IG-Metall-Vize Christiane Benner, dass die Zahl der Ausbildungsplätze in Industrie und Handel um 13,9 Prozent zurückgegangen sei. „Erstmals wurden in Deutschland weniger als 500 000 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen.“ Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen sei 2020 um ein Viertel gestiegen. Jungen Menschen fehle auch der Zugang zur Berufspraxis, weil die Unternehmen die Zahl an Ferienarbeitern und Praktikanten zurückgefahren hätten. „Ich höre schon wieder den verzweifelten Ruf nach Fachkräften“, sagt Benner. Und: „Wir müssen eine ,Generation Corona’ unter allen Umständen verhindern.“
Verbesserungen beim Homeoffice Auch im Bundestagswahlkampf will sich die IG Metall einbringen. Insbesondere vermisst sie ein Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats bei der Einführung von Homeoffice. Der Entwurf zum Betriebsrätestärkungsgesetz aus dem Bundesarbeitsministerium „bleibt leider auf halbem Weg stehen, da er nur Rechte über die Ausgestaltung vorsieht“, kritisiert Benner. „Die Arbeit im Homeoffice muss genauso gut geregelt sein wie im Betrieb.“ Dies betreffe nicht nur die Arbeitsmittel, sondern auch eine „klar dokumentierte und begrenzte Arbeitszeit“.
Mitgliederschwund erfasst auch den Südwesten
Corona drückt die Mitgliederzahl der IG Metall Baden-Württemberg: Ende 2020 hatte sie 435 400 Beitragszahler – 2,3 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Betriebsangehörigen sank um 1,2 Prozent oder rund 4000 auf fast 313 000. Gleichzeitig wurden 20 000 neue Mitglieder gewonnen.
Bezirksleiter Roman Zitzelsberger führt den Negativtrend auf die vielfach geschlossenen Betriebe und auf viele Beschäftigte im Homeoffice zurück. Außerdem habe es deutlich weniger Auszubildende und dual Studierende in den Betrieben gegeben, unter denen normalerweise viele Neuzugänge gewonnen werden. Die Zahl der Angestellten unter den Mitgliedern – die „typische Homeoffice-Klientel“ – sei um mehr als 1000 auf 66 700 gestiegen. Eine Veränderung der Mitglieder- und Betriebsratsstrukturen – etwa mit mehr Ingenieuren – stellt die Gewerkschaft bundesweit schon seit Jahren fest.