Mittelalter in Böblingen Die Ritter erobern den Schlossberg

Menschen aus scheinbar längst vergangenen Tagen vor der Böblinger Stadtkirche Foto: /Stefanie Schlecht

In ausgelassener Stimmung erinnert Böblingen am Wochenende an längst vergangene Zeiten. Rund um den Schlossberg ist beim Mittelaltermarkt und beim Märchenherbst für jeden etwas dabei.

Böblingen - Schon von weitem dringt eine eher ungewöhnliche Melodie ans Ohr. Eine Mischung aus Gitarre, Flöte und Gesang verbreitet sich langsam in den alten Gassen im Herzen Böblingens. Und folgt man diesem Klang bis hoch auf den Schlossberg, zeigt sich plötzlich ein Bild wie aus einer ganz anderen Welt: An diesem Wochenende tummeln sich hier Menschen in aufwendig gestalteter Kleidung aus Leder und Fell, feiern ausgelassen und trinken aus Hörnern, die mit Met gefüllt sind.

 

Nicht nur die Kleidung der Besucher scheint aus einem anderen Zeitalter zu sein. An den vielen kleinen Ständen auf dem Platz neben der Stadtkirche finden sich handgemachte kleine Holzhocker mit aufwendig bunten Verzierungen und fein hergestellte Schmuckstücke. Bewegt man sich noch etwas weiter durch die Masse, trifft man Bogen schießende Menschen und ein großes Kamel, das in aller Ruhe ein Kind nach dem anderen über die kleine Wiese hinter dem Platz trägt. Auch die Auswahl an Schlemmerangeboten scheint ungewöhnlich. Denn statt Roter Wurst und Pommes gibt es an diesem Wochenende Spanferkel und Hirschragout.

„Froschkönig“ und „Frau Holle“ für die Kleinen

Schnell wird klar: Hier feiern die Menschen mit bester Stimmung das Zeitalter des Mittelalters. Egal ob mit entsprechender Kleidung oder nicht, hier scheint für jeden etwas dabei zu sein. Vor allem die Kleinsten kommen an diesem Wochenende auf ihre Kosten. So können sie sich entweder bei Theaterstücken wie dem „Froschkönig“ oder „Frau Holle“ verzaubern lassen oder ausgelassen eine Stoffmaus in eine Mausefalle an der Wand werfen.

Doch der Höhepunkt bleibt an diesem Wochenende in jedem Fall wohl das Kamel. Das bestätigt auch Christian Müller: „Das fanden die Kinder echt am coolsten. Aber das Bogenschießen ist auch nicht schlecht.“ Eigentlich wollte die kleine Familie am Samstag nur das Puppentheater besuchen, doch das bunte Treiben neben der Bühne weckte dann doch die Neugierde. „Ich finde es wirklich schön, dass so etwas stattfinden kann. Aber man muss schon sagen, die haben sich hier auch nur das Nette vom Mittelalter rausgesucht“, gibt der Familienvater mit einem Lachen zu.

Hannes, der Schmied, macht eine Pfeilspitze

Mehr Begeisterung bringt Hannes, der Schmied, mit. Der 38-Jährige stellte sein Zelt samt Ausrüstung auf die kleine Wiese neben der Stadtkirche. Hier zeigt er Groß und Klein, wie eine Bogenpfeilspitze hergestellt wird und wie man noch vor über tausend Jahren seine Schwerter schmiedete. „Ich freue mich, dass das alles wieder stattfindet“, erzählt er. Denn für ihn sind das Mittelalter und das Schmieden eine echte Leidenschaft. „In der Szene bin ich jetzt schon seit 18 Jahren. Es ist toll, dass man auf solchen Veranstaltungen immer wieder zusammenfindet.“ Für ihn seien solche Tage auch immer ein intensiver Kurzurlaub, sagt er. „Bei meinem Beruf als Entwicklungsingenieur bin ich immer viel vor dem Computer. Wenn ich schmiede, dann bin ich an der frischen Luft und stelle wirklich was Eigenes mit meinen Händen her. Es ist jedes Mal Urlaub von sich selbst“, erklärt er.

Der Mittelaltermarkt ist ein voller Erfolg

Ähnlich sieht es auch der 56-jährige Øjvind Ulvekongen. Dies ist sein Name, wenn er sich in seine Mittelalterkleidung wirft. Mit aufwendigem Gewand sitzt er am Tisch mit seinen ähnlich gekleideten Freunden und genießt sein Bier. „Man kann hier ein bisschen seine Träume ausleben. Es ist einfach faszinierend. In jedem Erwachsenen steckt doch noch ein Kind.“ Um für diese besonderen Anlässe auch die passende Kleidung zu haben, verwendet er schon einmal ein paar Jährchen Freizeit. „So was dauert eine Weile, ist ja alles handgemacht. Ich habe mal ein Kettenhemd hergestellt, das hat zwei Jahre gedauert“, berichtet er stolz.

So zeigt sich schnell: Der Mittelaltermarkt in Böblingen ist ein voller Erfolg. Und welche Bedeutung er für die Menschen hat, weiß auch Kira Morgan vom Stadtmarketing Böblingen. Unter dem Motto „Märchenhaftes Böblingen“ organisierten sie und ihr Team hier die Theatervorstellungen. „Der Markt ist etwas Spezielles. Viele nehmen dafür auch einen weiten Weg auf sich. Wir sind wirklich begeistert vom Besucherandrang.“ Denn lange wussten sie und ihre Kollegen nicht, ob das alles hier stattfinden kann. Doch nach der letzten Coronaverordnung gab es dann grünes Licht. „Es ist einfach eine tolle Art von Veranstaltung und wir haben die Kulisse hier. Das passt alles super“, sagt sie und freut sich.

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