Stuttgart - Eine typische Endo-Szene verläuft so: Der Japaner sieht eine Lücke im Defensivverbund, rennt wie ferngesteuert hin und versperrt dem Gegner einfach den Passweg zum Tor des VfB Stuttgart. Wenn es eng wird, erobert der 27-Jährige in Diensten des Fußball-Bundesligisten das Spielgerät aber lieber gleich selbst, leitet umgehend einen Angriff ein und zieht sich wieder auf seine Position im defensiven Mittelfeld zurück.
Wataru Endo erledigt diesen Auftrag in bester fernöstlicher Mentalität: mit hoher Exzellenz, aber ohne Aufhebens um seine Person zu machen. Seine Aktionen sind schnörkellos und effektiv. Weshalb er nur sechs Auftritte gebraucht hat, um sein Spiel auf das Niveau der Besten zu hieven. Wenn man so will, ist Endo in seiner Bedeutung für die Stuttgarter nur einen Tick schlechter als Joshua Kimmich, der beim FC Bayern und in der deutschen Nationalelf eine prägende Figur darstellt.
An 423 sogenannten Episoden in Ballkontrollphasen (vom Ballgewinn bis zum Ballverlust einer Mannschaft) ist Kimmich als Ranglistenerster in dieser Statistik des Potsdamer Instituts für Spielanalyse beteiligt, knapp dahinter liegt Endo (413). „Was die Defensivarbeit und den spieleröffnenden Part angeht, ist Wataru Endo ein absoluter Schlüsselspieler in Reihen des VfB“, sagt der Sportwissenschaftler Steffen Görsdorf über die erfassten Spiel- und Positionsdaten, die verdeutlichen, wie viel Einfluss ein Akteur auf das Spielgeschehen nimmt.
Für VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo ist Endo „unser Soldat“
Klar vor dem Triplesieger liegt der Profi des Aufsteigers in der Einzelkategorie der gewonnenen Zweikämpfe. Endo hat bisher ligaweit die meisten Rasenduelle für sich entschieden. 101, um genau zu sein, wobei er sich trotz seiner eher geringen Körpergröße von 1,78 Metern in 23 Kopfballduellen behaupten konnte. Ein weiterer Qualitätsnachweis. Pellegrino Matarazzo kennt den Wert des Spielers für seine Elf aber über die Zahlen hinaus. „Er ist unser Soldat“, sagt der Trainer. Diszipliniert und mannschaftsdienlich.
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Kein Stratege also, wie ihn Trainer gerne im Zentrum positionieren, um den Spielrhythmus zu bestimmen. Dennoch übertrumpft ein Axel Witsel von Borussia Dortmund Endo lediglich im Passspiel. Ansonsten gehört es zu den nicht zählbaren Eigenschaften des Mannes mit der Rückennummer drei im VfB-Trikot, dass er wie der Belgier beim BVB seine Nebenleute oft besser macht. Weil Endo zum Beispiel Orel Mangala im Mittelfeld so absichert, dass der 22-Jährige sich nach vorne einschalten kann. Oder Endo bewahrt die ganze Abwehr vor zu hohem Druck, weshalb der Sportdirektor Sven Mislintat ihn gerne als „Bodyguard“ bezeichnet.
Kein Sprinter – aber ein Spieler mit hohem Antizipationsvermögen
„Wataru Endo trifft oft instinktiv die richtigen Entscheidungen“, sagt Matarazzo, „er ist unser Verbindungsspieler zwischen Abwehr und Angriff.“ Ein Typ für die Spielkontrolle. Dabei läuft er viel, aber nicht zu viel (durchschnittlich 10,96 Kilometer pro Partie). Er sprintet auch nicht besonders häufig (108-mal). Zum Vergleich: Der Stürmer Moussa Diaby von Bayer Leverkusen kommt als Ranglistenerster auf 239 Sprints. Endo dosiert seine Aktionen und scheint durch sein hohes Antizipationsvermögen zu wissen, wann er wo zu stehen hat, noch ehe der Ball weiß, dass er gleich dorthin gespielt wird.
Dieses Paket an Fertigkeiten und Fähigkeiten macht den Profi aus Yokohama zum unauffälligsten Star der Liga. „Im Vergleich zur zweiten Liga ist das Spiel in der ersten Liga vor allem schneller und technisch anspruchsvoller. Auf diesem Niveau darf man sich noch weniger Fehler leisten, man muss immer hellwach sein“, sagt Endo, der an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen Eintracht Frankfurt auf eine Art Ebenbild trifft: Makoto Hasebe. Von ähnlicher Statur, mit vergleichbarer Spielanlage, beide waren schon für die Urawa Red Diamonds in der J-League am Ball.
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Mittlerweile ist Hasebe 36 Jahre alt und wurde aus dem Mittelfeld in die Abwehrzentrale zurückgezogen. Eine Position, die auch Endo einnehmen kann. Er wurde jedoch aus der Innenverteidigung nach vorne geschoben und ist nun Hasebes Nachfolger im zentralen Mittelfeld der japanischen Nationalelf, wo sie sich kennen- und schätzengelernt haben.
In Stuttgart fühlt sich die sechsköpfige Familie Endo pudelwohl
„Makoto zeichnet als Spieler aus, dass er sehr clever spielt, technisch stark ist und er zudem auf verschiedenen Positionen einsetzbar ist“, sagt Endo, der nach längerer Anlaufphase unter dem damaligen VfB-Coach Tim Walter nicht nur seinen festen Platz in der Mannschaft gefunden hat: „Wir fühlen uns als Familie sehr wohl in Stuttgart. Natürlich sind auch wir durch die aktuelle Corona-Pandemie eingeschränkter. Doch Spaziergänge in Parks, die wir gerne machen, sind weiterhin möglich. Auch war es bis vor Kurzem noch möglich, japanische Restaurants zu besuchen, was wir ebenso gerne machen“, sagt der Vater von vier Kindern.
Sieben, fünf, vier und ein Jahr alt ist der Nachwuchs im Hause Endo. Das fordert natürlich den ganzen Papa. „Meine Frau ist bestens organisiert, und ich versuche zu unterstützen, wo es geht, wenn ich nicht Fußball spiele“, sagt der 27-Jährige zur Rollenverteilung. Jagt er aber der Kugel beim VfB nach, dann dreht er stets in der Schlussviertelstunde noch einmal auf – in typischen Endo-Szenen.