Mobbing Warum piesacken sich Kinder so?

Für Erwachsene ist es oft schwer auszuhalten, das Kind leiden zu sehen. Foto: imago/Thomas Trutschel

Hänseleien sind in der Schule Alltag. Wie Kinder und Eltern damit am besten umgehen und wo Hänseln aufhört und Mobbing anfängt.

Der ganze Pausenhof liegt voll Schnee. Ein Junge hat von zu Hause seine Schneeschippe mitgebracht und schippt begeistert. Drum herum ein Kreis von Kindern, die sich über ihn lustig machen. „Wie kann der nur mit einer Schneeschippe in die Schule kommen?!“ – „Total uncool!“ Dann kicken sie dem Jungen den Schnee wieder vor die Füße. „Da hast du noch was vergessen!“

 

Als Beobachter wartet man nur darauf, dass der Junge einen dummen Spruch zurückruft. Oder gar mit der Schaufel auf die Kinder losgeht. Doch er lässt sich nicht beirren und schippt in aller Ruhe weiter. Traut er sich nicht, sich zu wehren? Sollte man ihn unterstützen? Oder macht ihm das gar nichts aus?

Kinder können zueinander manchmal ganz schön fies sein. Für Erwachsene ist das oft schwer auszuhalten. Erst recht, wenn ein Kind dabei ist, das solchen Hänseleien, Spott und dummen Sprüchen scheinbar nichts entgegenzusetzen hat. Sich alles gefallen lässt, statt selbstbewusst und schlagfertig zu reagieren. Immer nur einsteckt, statt auch mal auszuteilen.

„Ob und wie Kinder sich wehren, hat mit vielen verschiedenen Faktoren zu tun“, sagt Christelle Schläpfer, Elternberaterin und Mobbing-Expertin. Zunächst einmal bringt jedes Kind eine ganz eigene Persönlichkeit mit. Die einen sind zurückhaltender, andere geben den Ton an. Und das wirkt sich auch auf ihr Sozialverhalten aus. Ruhigere Kinder wehren sich vielleicht nicht so lautstark – das muss aber nicht weniger wirksam sein.

„Manchmal ist schweigen stärker als handeln“, sagt Christelle Schläpfer. Denn reagiere ein Kind offensiv und schlagfertig, bedeute das gleichzeitig auch: Es hat den Angriff an sich herankommen und sich provozieren lassen – und muss deshalb nun zurückschlagen, wenn auch nur mit Worten.

Kinder testen ihre Selbstwirksamkeit

Und genau das ist das Ziel von Hänseleien: schauen, welche Reaktionen man dadurch bei anderen herauskitzeln kann. Werden sie rot? Fangen sie an zu weinen? Werden sie handgreiflich? Laufen sie weg? „Für Kinder ist das sehr spannend herauszufinden, was passiert, wenn man solche Knöpfchen drückt. Sie testen damit ihre Selbstwirksamkeit“, sagt Regula Bernhard Hug, Leiterin der Geschäftsstelle von Kinderschutz Schweiz.

Entscheidend beim Hänseln ist also weniger die Frage: Wie reagiert das Kind? Sondern vielmehr: Wie geht es dem Kind mit seiner Strategie? Wenn die Hänseleien an dem Jungen mit der Schneeschippe abprallen, weil er ein starkes Selbstwertgefühl hat oder ihm die anderen Kinder schlicht egal sind, dann hat er für sich einen guten Weg gefunden, damit umzugehen.

Es kann aber auch sein, dass ein Kind nur deshalb nicht auf die Hänseleien reagiert, weil es Angst hat, vor lauter größeren Kindern den Mund aufzumachen. Oder weil unter den Spöttern auch seine Freunde sind, die ihn gerade im Stich lassen. Oder weil er tatsächlich keine andere Strategie kennt als das Schweigen, sich dabei aber schlecht fühlt.

Wann sollen Eltern einschreiten?

„Sobald Erwachsene sehen, dass ein Kind unter so einer Situation leidet, dann schreitet man natürlich ein“, sagt Andreas Schick, Psychologe und Familientherapeut vom Heidelberger Präventionszentrum. Nicht selten seien es jedoch vielmehr die Erwachsenen, die mit den Hänseleien ein Problem hätten und sich deshalb einmischen würden. „Man kann das betroffene Kind ja auch einfach mal fragen, wie es die Situation gerade erlebt“, so Schick.

Geht man als Eltern dazwischen, empfiehlt Christelle Schläpfer, das geschwächte Kind aus der Situation herauszuholen und etwas zu sagen wie: „So ein Verhalten tolerieren wir nicht, wir wollen einen respektvollen Umgang miteinander.“ Was dagegen kontraproduktiv sei: mit dem Angreifer zu schimpfen oder ihn zum Aufhören bewegen zu wollen. „Dadurch bekommt er nur negative Aufmerksamkeit“, so Schläpfer.

Neben der Persönlichkeit spielt auch die Erziehung eine entscheidende Rolle dabei, wie Kinder mit Foppereien umgehen. „Sie schauen sich ganz viel von ihrem Sozialverhalten bei anderen ab“, sagt Christelle Schläpfer. Herrscht zu Hause ein wertschätzender, respektvoller Umgang untereinander, bei dem es wichtig ist, die Meinungen des anderen zu hören? Oder wächst ein Kind mit anschreien, drohen, erpressen auf? „Je nachdem entwickelt es ganz andere Strategien, damit umzugehen, wenn es ausgelacht oder gehänselt wird“, sagt Andreas Schick.

Darf man petzen?

Eine dieser Strategien ist, sich an Erwachsene – seien es Lehrer oder Eltern – zu wenden. Unter Kindern wird dieser Weg meist als „Petzen“ abgestempelt. „Petzen tue ich, wenn ich mir nur deshalb Hilfe hole, um selbst Aufmerksamkeit zu bekommen“, findet Andreas Schick. Sobald es aber darum gehe, Probleme zu lösen – und man vielleicht selbst sogar schon versucht habe, einen Weg zu finden –, sei dies kein Petzen mehr. Regula Bernhard Hug ergänzt: „Sobald Gewalt im Spiel ist, egal ob verbal, körperlich oder emotional, geht es grundsätzlich nie ums Petzen.“

An Schulen würden entsprechende Verhaltensregeln normalerweise auch gelernt. Und Christelle Schläpfer findet es wichtig, gegenüber den Kindern auch regelmäßig zu betonen, dass sich Hilfe holen etwas sehr Mutiges ist. „Aus Umfragen zum Thema Mobbing wissen wir, dass es nur etwa 20 bis 30 Prozent der Kinder schaffen zu sagen, dass sie gemobbt werden, der Rest schweigt und traut sich eben nicht, sich Hilfe zu holen“, so Schläpfer.

Der Junge aus dem Anfangsbeispiel ist am nächsten Tag übrigens wieder mit der Schneeschippe in die Schule gekommen – genauso wie zwei andere Kinder, die seine Idee offensichtlich auch gut fanden. Ausgelacht hat sie keiner mehr.

Was ist was?

Hänseln
Wenn Kinder die Zielscheibe von dummen Sprüchen und Hänseleien werden, schrillen bei vielen Eltern auch deshalb die Alarmglocken, weil sie Angst davor haben, ihr Kind könnte ein Mobbingopfer werden. „Tatsächlich ist Hänseln eine Vorstufe von Mobbing“, sagt Elternberaterin Christelle Schläpfer.

Mobbing
Gleichzeitig ist Mobbing aber auch mehr als Ärgern, die englische Übersetzung des Begriffes heißt nicht umsonst jemanden quälen oder fertigmachen. Sobald Gewalt im Spiel ist – sei es körperlicher, verbaler oder emotionaler Art und meist mit dem Ziel, jemanden auszugrenzen –, sprechen Experten von Mobbing. Aber auch Hänseleien, die regelmäßig über mehrere Wochen auftreten und dem Kind zu viel werden, können sich zu Mobbing entwickeln.

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