Mobile Jugendarbeit in Stuttgart Fünf Jahrzehnte im Einsatz für junge Leute

Gruppensitzung bei der Mobilen Jugendarbeit in den 70er Jahren. Foto: Mobile Jugendarbeit Stuttgart

Die große Jubiläumsfeier der mobilen Jugendarbeit fällt wegen der Coronapandemie aus. Eine Würdigung erfahren die Mitarbeiter der Einrichtung am kommenden Sonntag in einem Gottesdienst in der Kirche St. Georg im Stuttgarter Norden.

S-Nord - Vor einem halben Jahrhundert hat alles angefangen: Damals gründete Walther Specht im Stadtteil Freiberg die Mobile Jugendarbeit Stuttgart. Träger sind die Evangelische Gesellschaft und die Caritas Stuttgart. Das deutschlandweit Neue daran war, dass nicht die Jugendlichen zu den Sozialarbeitern, sondern die Sozialarbeiter zu den Jugendlichen kommen – als Streetworker benachteiligte Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren an deren Treffpunkten aufsuchen.

 

Erfahrung mit Streetwork hatte der Sozialarbeiter Specht in den USA gesammelt. Grund für den Start der Mobilen Jugendarbeit ausgerechnet in Freiberg war, dass dort die Kriminalitätsrate bei Jugendlichen stark angestiegen und es häufig zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Jugendlichen gekommen war.

Die Menschen diffamiert

Aus ähnlichen Gründen wurde wenig später ein zweiter Standort für Mobile Jugendarbeit in Stuttgart-Rot aufgebaut. Dort lebten wie in Freiberg viele Migranten. Die Stadtbahn nach Rot wurde als „Knoblauch-Express“ bezeichnet, und es kursierte das Gerücht, dass die Zugezogenen Schweine in der Badewanne halten, erinnert sich Horst Schulze, damals evangelischer Pfarrer in Rot. Außer der Diffamierung kritisierte er die beengten Wohnverhältnisse, das Fehlen von Spielflächen und Ausbildungsplätzen. Die Folge von all dem: Konflikte untereinander und mit der Polizei, die darin gipfelten, dass in Rot ein Polizist erschossen wurde, als er Jugendliche bei einem Einbruch überrascht hatte.

Mittlerweile gibt es in 20 Stuttgarter Stadtteilen Teams mit einem bis fünf Streetworkern. Neu ist das Team in der City, das nach der Krawallnacht im vergangenen Juni seine Arbeit aufgenommen hat. Die Jugendlichen, um die sich die Streetworker kümmern, haben nach Auskunft von Jutta Jung, der Fachdienstleiterin der Mobilen Jugend- und Schulsozialarbeit bei der Caritas, häufig einen schlechten oder keinen Schulabschluss, sind arbeitslos, straffällig geworden, haben Suchtprobleme und/oder werden auf Grund ihrer Herkunft ausgegrenzt.

Die Mobile Jugendarbeit basiert seit der Gründung auf den gleichen Bausteinen. Jung: „Wir arbeiten regelmäßig mit Gruppen, verhandeln, was in der Freizeit unternommen wird und wer welche Aufgaben übernimmt. Und es gibt die Einzelfallhilfe bei Liebeskummer, Ärger mit Eltern oder Lehrern, der Suche nach einer Lehrstelle oder bei Arbeitslosigkeit.“ Geändert hat sich in den vergangenen 50 Jahren laut Jung, dass die Jugendlichen, um die sich Streetworker kümmern, jünger geworden sind und länger dabei bleiben. Das Einstiegsalter liege mittlerweile bei 10, das Ausstiegsalter bei 30 Jahren.

Deshalb gibt es in Birkach, Freiberg und Weilimdorf einen Standort für mobile Kindersozialarbeit. Grund für die lange Bindung sei, dass die Streetworker zu den Jugendlichen eine Beziehung aufbauen. Bei Problemen suchen dann auch die jungen Erwachsenen deren Rat.

Die Bedürfnisse der Jugendlichen sind gleich geblieben

Jungs Fazit aus einem halben Jahrhundert Mobile Jugendarbeit: Die Bedürfnisse der Jugendlichen sind gleich geblieben. „Sie suchen Anerkennung, Liebe und ihren Platz im Leben. Familie und Freunde sind sehr wichtig.“ Und die Krawallnacht im Juni: Auch kein neues Phänomen. „Diebstähle, Schlägereien, Konflikte mit der Polizei, Alkoholmissbrauch gab es schon immer“, stellt Jutta Jung fest. Neu sei die Dynamik, mit der sich die Situation durch die neuen Medien eskaliert sei.

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