Mobilitätstrends Carsharing erlebt einen Aufschwung

In Murr kann man seit einigen Monaten E-Autos für seine Fahrten nutzen. Foto: Deer

Immer mehr Menschen im Kreis Ludwigsburg teilen sich die Autos von Anbietern wie Stadtmobil und Deer. Eine Entwicklung, die wegen der hohen Spritpreise durchaus noch Fahrt aufnehmen könnte.

Die Spritpreise klettern und klettern. Viele Autofahrer überlegen inzwischen dreimal, ob sie ihren eigenen Wagen tatsächlich aus der Garage ziehen sollen. Eine Entwicklung, die Anbietern von Carsharing-Diensten wie Stadtmobil Stuttgart oder Deer aus Calw Flügel verleihen könnte. Bislang, sagen allerdings beide unisono, habe sich die Benzinpreis-Explosion auf das eigene Angebot noch nicht nachweisbar ausgewirkt. Was aber auch daran liege, dass Autofahrer in der Regel nicht von heute auf morgen einen Umstieg auf andere Mobilitätsformen forcieren. Einen signifikanten Aufschwung erlebt der Carsharing-Markt freilich auch unabhängig von den derzeitigen Auswüchsen an den Tankstellen.

 

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„Zum Stichtag 1. Januar 2022 waren in Deutschland 3 393 000 Fahrberechtigte für das Carsharing angemeldet. Das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahr“, vermeldete vor wenigen Tagen der Carsharing-Bundesverband. Mittlerweile sei die Flotte 30 200 Fahrzeuge stark, was ein Plus von 15,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeute. Zudem könne man sich seither in 80 zusätzlichen Kommunen in einen der Wagen setzen, um so von A nach B zu kommen, ohne selbst ein Auto besitzen zu müssen.

Angebot muss sich etablieren

Zu den Gemeinden, die im vergangenen Jahr erstmals auf der Carsharing-Landkarte aufgetaucht sind, gehört Murr. Dort macht man als Pionier im Raum Marbach gemeinsame Sache mit Deer, einem Quasi-Tochterunternehmen der Stadtwerke Calw, das ausschließlich batteriebetriebene Vehikel im Portfolio hat und vornehmlich den ländlichen Raum mobiler machen möchte. Eine Parkfläche schräg gegenüber vom Rathaus ist für die Elektro-Fahrzeuge reserviert – und damit für den Murrer Bürgermeister Torsten Bartzsch auch gut einsehbar. Und der hat den Eindruck, dass sich peu à peu mehr Bürger für das Programm interessieren und das Angebot angenommen werde. Klar sei aber auch, dass es seine Zeit brauche, bis so etwas etabliert sei.

Die ersten Kennziffern klingen aber schon recht viel versprechend. Seit dem 1. Januar bis jetzt seien von Murr aus mit den Elektro-Autos rund 4000 Kilometer zurückgelegt worden, berichtet Andree Stimmer, Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Energie Calw GmbH, deren Tochterfirma Deer ist. „Das ist schon sehr ordentlich“, sagt Stimmer.

Hier ausleihen, da abgeben

Doch auch generell sei ein Aufwärtstrend bei Deer erkennbar, das im Landkreis Ludwigsburg unter anderem noch Standorte in Löchgau, Sachsenheim und Eberdingen unterhält. Das liege an verschiedenen Faktoren. Die Leute seien zunehmend bereit, auf ein eigenes Auto zu verzichten, erklärt Stimmer. „Da ändert sich die Einstellung gerade. Außerdem wird der Gedanke des Teilens in der Gesellschaft immer populärer“, sagt er. Eine Rolle spiele überdies das Ansinnen, das Klima schützen zu wollen. Darüber hinaus sei die Flexibilität ein Vorteil. Man könne die Autos von Deer am Standort X ausleihen und am Standort Y wieder abstellen. Der Umstand, dass die Spritpreise durch die Decke gehen, sei ein weiteres Element, dass den Trend zum Umstieg aufs Carsharing befeuern könnte.

Stimmer macht zudem klar, dass der Ausbau der Standorte ebenfalls förderlich ist, man sei hier stets gesprächsbereit. „Je mehr Stationen es gibt, desto attraktiver wird das System“, betont er. Doch auch innerhalb der Kommunen, die sich in das Programm eingeklinkt haben, sieht der Murrer Rathauschef Torsten Bartzsch Spielraum. „Das ist ausbaufähig, je nach Nachfrage. Nach oben sind da keine Grenzen gesetzt“, erklärt Bartzsch. Zumal man ja das Ziel erreichen wolle, mit solchen Angeboten den Ort vom Verkehr zu entlasten.

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Dabei gibt es allerdings eine gewisse Hürde. Es sei schwierig, weitere Stellplätze zu finden, sagt Matthias Hartlieb, Pressesprecher von Stadtmobil Stuttgart, zu dem auch die Standorte im Landkreis Ludwigsburg wie die Barockstadt selbst, Kornwestheim, Asperg oder Marbach gehören. „Das ist noch ein limitierender Faktor, gerade in Stuttgart“, erklärt Hartlieb. Insgesamt sei es aber auch bei Stadtmobil so, dass das Interesse an den Carsharing-Angeboten steige. Die Corona-Krise habe dazu einen Teil beigetragen, weil viele Bürger im Homeoffice saßen und seltener ein eigenes Fahrzeug brauchten. Auch die Klimakrise habe den Trend befeuert. Wie sich die hohen Benzinpreise auf das Modell des Auto-Teilens auswirkt, muss indes offenbar eher die Zukunft zeigen. Es sei ein längerer Prozess, bis jemand beim eigenen Mobilitätsverhalten umdenke, hat Hartlieb beobachtet.

Umstellung auf E-Autos denkbar

Für Stadtmobil Stuttgart selbst könnte schon bald ebenfalls eine Veränderung ins Haus stehen. Von allen rund 580 in der Region eingesetzten Autos seien bislang nur vier rein elektrisch, berichtet Hartlieb. Das hänge damit zusammen, dass man für die Stromer erst mal Ladesäulen brauche, was auch nicht überall funktioniere. Zudem müssten sich die Kunden mit dieser Art des Energiezapfen vertraut machen. Wenn sich aber gesellschaftlich die E-Mobilität durchsetze, werde man den Fuhrpark entsprechend umbauen, sagt der Pressesprecher.

Seniorentaxi auf Elektro-Basis

Option
Deer bietet seinen Kooperationspartnern an, die E-Autos für gewisse Zeiten für bestimmte Zwecke zu reservieren. Genau diese Option hat die Gemeinde Murr gezogen: Um so ein Seniorentaxi zu betreiben, bei dem Ehrenamtliche ältere Herrschaften aus dem Ort chauffieren. Für diesen buchbaren Service gebe es vier feste Zeitfenster pro Woche, sagt der Bürgermeister Torsten Bartzsch.

Startschuss
Im Februar sei das Seniorentaxi an den Start gegangen. Seither habe es an fast allen möglichen Tagen Fahrten gegeben. Sollte sich das Projekt bewähren, könne daraus mehr werden und das Ganze quasi die Vorstufe für einen Bürgerbus sein, erklärt der Murrer Rathauschef.

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