Modehaus Kögel in Esslingen schließt Ein Selfmademan machte den Anfang

Im Oktober 1910 eröffnete Kögel sein neues Geschäftshaus neben dem Alten Rathaus. Foto: privat

Esslingen ohne Kögel? Ein früherer Oberbürgermeister konnte sich das schlicht nicht vorstellen. In wenigen Tagen schließt das Traditionsgeschäft in der Altstadt nun nach 122 Jahren für immer. Wie das Modehaus wurde, was es für viele Jahrzehnte war.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Die Annonce zur Geschäftseröffnung hat Alexander Kögel aufbewahrt. In einer riesigen Anzeige kündigte sein Urgroßvater Friedrich im April 1902 den Start seines Manufakturwaren-Geschäfts am Rathausplatz 13 in der Esslinger Altstadt an: Angeboten wurden Gardinen, Aussteuerartikel, Bettfedern sowie Baumwollwaren. Aber zum Sortiment gehörten auch etwa 200 Stück Herrenkleiderstoffe und 200 Stück Damenkleiderstoffe. Bis etwa 1900, meint Alexander Kögel, hätten die meisten Menschen ihre Kleidung noch selbst genäht. Doch die industrielle Produktion von Hemden, Hosen oder Leibchen lief zu dieser Zeit an. Sein Vorfahre habe daher auch recht schnell sein Warenrepertoire auf Kleidung umgestellt. Dieser Tradition sind seine Nachfolger treu geblieben: Das Modehaus Kögel beim Postmichelbrunnen bietet noch bis Samstag, 27. Januar, Bekleidung an. Dann schließt es seine Pforten.

 

Die Kögels hatten Geschäftssinn und unternehmerische Qualitäten. Doch was die Namensgebung betraf, sagt Alexander Kögel, waren sie nicht sehr fantasievoll. Auf den Unternehmensgründer Friedrich folgte dessen Sohn Erwin Friedrich, der das Geschäft wiederum seinem Sohn Friedrich vermachte. Ein Alexander passt eigentlich nicht in die Reihe. Nicht einmal im Zweitnamen schlage sich der Friedrich bei ihm nieder, sagt der 52-Jährige, denn er heiße eben einfach nur Alexander. Trotz der langen Familientradition habe es keinen Druck gegeben, ins elterliche Geschäft einzusteigen. Aber nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und zwei beruflichen Stationen brachte er sich ab dem Jahr 2000 ins Unternehmen ein – und zwar freiwillig und gerne, wie er betont.

1977 wurden die Gebäude in der Zehentgasse 1 und am Rathausplatz 14 durch einen Zwischenbau verbunden. Foto: privat

Damit führte er den Modeladen in vierter Generation weiter. Sein Urgroßvater, Firmengründer Friedrich, weiß Alexander Kögel aus Familiengesprächen, sei ein sehr christlicher Mann gewesen, der sich der evangelischen Kirche eng verbunden fühlte. Ein Selfmademan war er auch. Als drittes von sechs Kindern einer Bauernfamilie aus Oberderdingen im Kraichgau, so berichten Quellen im Esslinger Stadtarchiv, zog es Friedrich Kögel in die Neckarstadt, um dort sein Glück zu suchen. Mit 27 Jahren wagte der Kaufmann den Schritt in die Selbstständigkeit. Das Geschäft boomte – 1928 überschritt der Umsatz erstmals eine Million Mark.

Der Zweite Weltkrieg und dessen Folgen beendeten den Höhenflug. Harte Zeiten – auch für den Chef des Esslinger Bekleidungsgeschäfts. Die US-amerikanischen Besatzer befahlen ihm im Juni 1945, das Haus am Rathausplatz 14 zu räumen. Friedrich Kögel, damals todkrank, musste ausziehen und sich in der Zehentgasse 1 hinter einem Bretterverschlag notdürftig einrichten. Seine Belegschaft war von 58 auf 18 Mitarbeitende gesunken, seine Lager wurden viermal geplündert, eine Schließung konnte nur mit Mühe abgewendet werden. 1946 verstarb der Firmengründer. Sein Sohn Erwin übernahm ein schweres Erbe. Er könne sich an seinen Großvater nicht mehr erinnern, sagt Alexander Kögel. Er sei zwei Jahre alt gewesen, als sein Opa 1973 starb, ein arbeitsreiches Leben lag hinter ihm.

Das Gründerehepaar Maria und Friedrich Kögel Foto: privat

In den kargen Nachkriegsjahren hatte Erwin Kögel das Geschäft fast aus dem Nichts heraus wieder aufgebaut. Das gelang nur mit zähem Fleiß. Wegen einer schweren Erkrankung, so geht aus den Quellen des Stadtarchivs hervor, holte Erwin Kögel 1969 seinen Sohn Friedrich in die Geschäftsleitung. Dieser sorgte auch für bauliche Veränderungen. „1977 wurde endlich der lang gehegte Plan genehmigt, die beiden Gebäude Zehentgasse 1 und Rathausplatz 14 durch einen breiten, zweistöckigen Zwischenbau zu verbinden“, stand am 21. April 2002 aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Geschäfts in der „Eßlinger Zeitung“ zu lesen.

Danach wurde in dem Modehaus vieles umgemodelt. So wurde 2020 die Abteilung für Herrenbekleidung in der Hirschgasse geschlossen und das Angebot in das Haupthaus verlegt. Bei der Einweihungsfeier hatte der damalige Oberbürgermeister Jürgen Zieger laut einem Zeitungsartikel gesagt: „Ohne Kögel kann ich mir Esslingen nicht vorstellen.“ Doch nun muss die Neckarstadt ohne diesen Frequenzbringer auskommen. Internetkonkurrenz, Inflation und ein verändertes Kaufverhalten machen dem Einzelhandel das Leben schwer.

Schwierige Betriebsgröße

Aber Alexander Kögel führt das Aus vor allem auf seine Betriebsgröße zurück. Etwa 2500 Quadratmeter im Haupthaus und 500 Quadratmeter im Geschäft am Bahnhof seien wirtschaftlich schwierig zu führen. Gefragt seien eher kleinere Boutiquen oder eben die ganz großen Verkaufsketten. „Aber ich glaube weiterhin an den stationären Einzelhandel“, versichert er. Er ist froh, dass fast alle seiner noch verbliebenen 40 Beschäftigten einen neuen Job gefunden haben, und er blickt mit gemischten Gefühlen auf den neuen Lebensabschnitt. Am Samstag, 27. Januar, wird er fast 122 Jahre Familientradition abschließen, sagt er. Und legt die Anzeige seines Urgroßvaters Friedrich zur Geschäftseröffnung im April 1902 zurück in einen dicken Leitzordner.

Das Modehaus Kögel und eine lange Tradition

Standort
Friedrich Kögel eröffnete sein Manufakturwaren-Geschäft 1902 am Rathausplatz 13. „Mit frischem Mut und Vertrauen“, wie er damals laut Quellen des Stadtarchivs notierte, expandierte er. Dafür erwarb er 1927 das ehemalige Agner’sche Gebäude und 1928 das Café Martin. Beide Häuser mussten weichen, damit das heutige Haupthaus in der Zehentgasse 1 errichtet werden konnte. Eröffnung war im April 1928.

Reutlingen
1936 erwarb die Familie Kögel zusätzlich zum Geschäft in Esslingen den Kronenladen in Reutlingen. Die Leitung übernahm Erwin Kögel. 1955 eröffnete er an Stelle der abgewirtschafteten Gebäude einen Neubau. Doch 2008 wurde das Mode- und Bettenhaus Kögel in der Unteren Wilhelmstraße in Reutlingen geschlossen. Als Gründe wurden wirtschaftliche Schwierigkeiten, die Konkurrenz des Factory-Outlets in Metzingen und die 2007 erfolgte Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent angegeben.

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